Das ewige G’schiss ums Aufräumen

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Mir ist gerade etwas aufgefallen: Ich habe schon lange kein „Mama-Zeuch“ mehr verfasst, es wird  Zeit. Und es macht sicher auch mehr Spaß, als über Fußball zu schreiben … Also:

In meiner Twitter-Timeline wurde heute über das Aufräumen diskutiert. Ich verstand zunächst nichts, bis mir @rabensalat den Link zu einem Artikel schickte. Der Ausgangspunkt war der hier:

Für eine Mutter wie mich, die pragmatisch denkt und größere Kinder hat (meine Töchter sind inzwischen fast 9 und 13 Jahre alt), ist der Text, auf den sich der Tweet bezieht, eine Provokation. Inhaltlich geht es in dem Blogpost darum, wie man Kinder dazu bringt, ihr/e Zimmer aufzuräumen. Das ist für viele Eltern echt eine schwierige Sache, weil das Aufräumen nun mal nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der meisten Kinder gehört und sie, die Eltern, sich immer wieder in einer Auseinandersetzung darum wiederfinden, die sie gar nicht wollen. Im Text lesen sich dann die Ratschläge wie aus einer Bibel: Du sollst keine Macht über Dein Kind ausüben! Du sollst Dein Kind nicht annörgeln! Du sollst Deinem  Kind nicht die Kooperation abgewöhnen! Darüber hinaus wird die so genannte „Wenn-dann-Erziehung“ kritisiert und einem Umgang mit dem Kind das Wort geredet, der fern von jeder Ausnutzung eines Machtgefälles ist. Wer nämlich so mit den Kindern umginge, sei ein „Altvorderer“, der sehr schnell an Grenzen stoßen würde, weil  das Kind sich irgendwann lieber verweigerte, als sich weiter erpressen zu lassen. Und was ist daran so provokant?

Meine Antwort: Es ist die Haltung.

Die Autorin spricht ausführlich und mit einer gefühlten Therapeutenstimme von den Bedürfnissen des Kindes. Wie wichtig die sind. Ja, die der Eltern sind es irgendwie auch, doch was dann im Text so kommt, hebt ausschließlich auf die Kinder ab, ohne übrigens explizit zu klären, über welches Alter wir hier sprechen. In diesem Beitrag findet sich kein Wort dazu, warum wir Eltern denn überhaupt wollen, dass aufgeräumt wird. Kein Wort dazu, warum Kinder sich so beharrlich dagegen sträuben, wenn sie doch eigentlich immer nachahmen und die Eltern den Rest der Wohnung doch auch mehr oder weniger ordentlich halten. Kein Wort dazu, was es mit Eltern und mit der Beziehung zu ihren Kindern macht, wenn sie ihren Kindern aus nahezu demütiger Bedürfnis-Erfüllung das Aufräumen abnehmen oder gar delegieren (zum Beispiel an eine Putzfee). Kein Wort darüber, wie dieses Allen-Bedürfnissen-immer-und-ständig-gerecht-werden-Wollen  in einer Familie, die nicht auf einer einsamen Insel (!) lebt, wirklich umzusetzen sein soll. Kein Wort darüber, dass auch wir Eltern eine Geschichte, Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle haben, die uns eben nicht immer politisch, oder besser: „bedürfnis-korrekt“ sein lassen (können).

Was ist das überhaupt für ein Anspruch?! Wie alltagstauglich sind Ratschläge, die außer Perfektion in Sachen Achtsamkeit, Bedürfnisorientierung und Kompetenz- sowie Integritätswahrung nichts weiter vorsehen?! Wenn die Autorin schon mit Juul kommt, dann empfehle ich, mal in den Texten von ihm nachzulesen, die zeigen, was aus Kindern wird, deren Bedürfnisse in jedem Alter (!) immer und sofort zu ihrer Zufriedenheit erfüllt werden. Kindern, denen man ein Leben im Hotel bietet (alles aufgeräumt, Tisch immer gedeckt, eine Putzfrau ist am Start usw), verhalten sich auch irgendwann so wie in einem Hotel. Wertschätzung? Wofür? Für etwas, das sie als selbstverständlich erleben, für das sie im Grunde nie wirklich selbst zu einem gewissen Grad Verantwortung übernehmen mussten?

Aufräumen, und das muss man sich immer wieder klarmachen, ist kein Selbstzweck! Wer schon einmal vergammelte Lebensmittel im Kinderzimmer fand, weiß, wovon ich rede. Wenn wir nicht aufräumen, müllen wir uns zu, finden wir kaum noch Platz zum einfachen Sein, bieten der Entstehung von Keimen beste Bedingungen, die uns wiederum krank machen können. Wenn ich diese Kette so erkläre, nutze ich dann übrigens auch ein Machtgefälle aus? Wir Eltern fordern das nicht ein, weil uns langweilig ist oder wir Spaß am Terrorisieren bzw. am Erpressen der Kinder haben, sondern weil wir verantwortungsbewusst sind. Und ja, es ist an uns, den Kindern zu zeigen, wie Aufräumen geht, es ist an uns, sie lange dabei zu unterstützen und ihnen irgendwann auch zu erklären, warum das so wichtig ist. Und dazu gehört sehr wohl eine „Wenn-dann-Logik“.

Es muss im Alltag funktionieren!

Die Frage ist: Wie gelingt das?  Nach meiner Überzeugung sicher nicht mit den üblichen Ideen, die auch in dem Text vorkommen:

  • Weniger Spielzeug (anderer Kram) ist mehr: Toll! Wer definiert, was viel, was wenig, was genug ist? Erkenntnisgewinn: Null.
  • Jedes Ding braucht seinen Platz/Ordnungssysteme: Mag für kleine Kinder gelten, größere haben da andere Vorstellungen. Die räumen ihre Zimmer gerne auch mal um oder verändern die Ablagesysteme im Schrank – dort, wo mal Pullis waren, sind dann eben Hosen oder die Röcke. Das gilt übrigens auch für solche Gegenstände wie Puppenhäuser oder Kinderküchen oder selbst gebaute „Gebäude“ aus Lego. Auch dort richten es sich die Kinder so ein, wie es ihnen passt.
  • Klare Anweisungen: Ja, bin ich auch dafür. Funktioniert in der Realität nur bedingt. Sag dem Kind „mach das, mach jenes“, hört es Dir vielleicht noch nicht mal zu, weil es gerade mit den Gedanken woanders ist. Oder es ist einfach mit etwas anderem beschäftigt.  Oder fragt einfach mal zurück, warum es überhaupt aufräumen soll? Und dann? Mach ich es doch selbst? Fange ich an zu diskutieren?
  • Schöne Aufräumatmosphäre: Ja genau. Kleine Kinder sind vielleicht damit zufrieden, wenn Benjamin Blümchen nebenbei läuft, größere Kinder verlangen dann schon den Fernseher oder das Tablet, um „nebenbei“ youtube zu hören/zu schauen, weil eben das ihre Definition von „schöner Atmosphäre“ ist. Was dann?

Das sind jetzt nur ein paar Beispiele, die zeigen sollen, dass es DIE Lösung für das Problem nicht gibt. Das ist so individuell wie jede Familie – was in der einen funktioniert, klappt in der anderen garantiert nicht. Meine Ansätze heißen daher: Locker machen. Regeln des Zusammenlebens definieren. Prioritäten setzen – was ist mir aus welchem Grund wann genau wichtig? Konsequent sein – das hilft übrigens allen Beteiligten und erspart viele Diskussionen. Auf eigene Befindlichkeit achten – schimpfe ich über das unaufgeräumte Zimmer, oder hatte ich einfach nur einen doofen Tag? Das alles sind mehr oder weniger Einstellungs-, Haltungsfragen. Und: Für mich war und ist wichtig, mir immer wieder ein paar Dinge bewusst zu machen:

  • Die Kinder wollen mir nicht weh tun, wenn sie ihre Zimmer nicht aufräumen oder nicht so sofort das tun, was ich von ihnen möchte. Ich gebe es ehrlich zu: Ich dachte das mal. Es ist kompletter Blödsinn, klar, aber es soll zeigen, dass jeder (ich eben auch) selbst eine Geschichte hat. Und die blendet man nicht auf Befehl, oder weil eben ein Kind da ist, einfach aus. Es dauert ein bisschen, darüber zu reflektieren und sich eventuell eine neue Haltung dazu zu erarbeiten. Das ist, ich betone das einmal extra, in Ordnung so!
  • Kinder haben ein anderes Verständnis von Zeit. Mich entspannt das Wissen sehr, und ich habe heute kein Problem mehr damit, wenn Aufräumen einen halben Tag dauert. Die Mädels sind in der Regel hinterher unfassbar stolz drauf, dass sie es alleine geschafft und eine Ordnung hergestellt haben, die ich für kaum möglich gehalten hatte.
  • Es braucht Hartnäckigkeit. Das klingt ein bisschen besser als Konsequenz, meint aber letztlich dasselbe. Es geht darum, das, was für die Familie als wichtig definiert wurde (wenn die Kinder größer sind, können diese Regeln ja auch gemeinsam aufgestellt werden), auch durchzusetzen. Mit Beharrlichkeit. Das funktioniert. Das hat etwas vom Überlernen: Man macht es so oft, so regelmäßig, dass es irgendwann so selbstverständlich ist wie das Händewaschen.

Will sagen: Wir werden es höchstwahrscheinlich hinnehmen müssen, dass diese Aufräumerei eine anstrengende Nummer ist, coole Aktivitäten gehen eben einfach anders. Es gibt kein Patentrezept dafür, dass das entspanner wird, auch dann nicht, wenn die Kinder älter werden. Entscheidend bleibt für mich: Beharrlich sein, wenn es um eine selbst definierte Regel geht. Es aushalten, wenn es unbequem wird – ich sage aus Erfahrung, dass sich das lohnt, wirklich! Und vor allem wissend: Wir sind nicht allein.

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. halloliebewolke sagt:

    Bin da sehr bei Dir! 👍
    LG
    Susanne

    Gefällt mir

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