Von der Schwierigkeit, Menschen zu mögen – Denkarium (5)

Vor kurzem unterhielt ich mich mit jemandem darüber, dass mich da so ein Gefühl umtreibt: Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, Menschen wirklich zu mögen oder gar Freundschaften (neu) zu schließen. Wenn ich so etwas äußere, ernte ich von Menschen in meiner Generation ganz oft ein Nicken, ja, sie hätten das Gefühl auch immer mal, aber es taucht eben auf und verschwindet gleich wieder. Des Nachdenkens wert scheint es nicht. Mitten in solchen nachdenklichen Momenten begegnete mir dann  dieser Beitrag hier: Bin ich zu einem Misanthropen mutiert? Schnell fand ich dafür vermeintliche (!) Belege.

Raus aus engen Filterbubbles

Erst habe ich mich leise, dafür gründlich aus einer Fan-Communitiy verabschiedet. Ja, ich war mal „Matz-Abber“, eine rege Kommentatorin im HSV-Blog des Hamburger Abendblatts. Ich war bei zwei Treffen dabei, ich saß mit anderen Kommentatoren im Stadion und beim Bier, ich traf sie an der Polizeiwache vor dem Volksparkstadion oder eben auswärts im Gästeblock. Ich stritt mich in Foren, redete leidenschaftlich auf Mitgliederversammlungen. Das tat ich, bis ich merkte: Das ist nicht (mehr) meine Welt. Fan oder sogar Mitglied eines Vereins zu sein reicht als Gemeinsamkeit einfach nicht aus, um sich in dieser Gesellschaft dauerhaft wohlzufühlen.

Dann habe ich mich wortreich aus der Mama-Blog-Community herausgeschossen, weil ich mich auch hier zunehmend fremd  fühlte. Das Muttersein als kleinster gemeinsamer Nenner ist (mir) zu wenig – und darauf lief es für mich sehr häufig hinaus. Meine Kinder sind zu groß, als dass mich Themen rund um trotzige Zweijährige noch ehrlich interessieren. Ich bin nicht alleinerziehend und kann zu diesem Thema, das definitiv ein wichtiges ist, nichts beitragen. Ich habe keine Lust, meinen Blog zu professionalisieren und langweile mich daher bei Beiträgen rund um SEO, Markenkern und Reichweiten.  Ich möchte mich nicht über Adventskalender unterhalten, und dieser ganze Bohai um „unerzogen“ oder „attachment parenting“ tangiert mich, ehrlich gesagt, peripher …

Und schließlich beschloss ich für mich, dass auch Treffen von Twitterern nichts für mich sind. Rauchen, trinken, womöglich flirten … ich bin bestimmt zu alt für solche Parties. Oder halt eine spiessige Ossi-Tante. Oder eine langweilige Vor-sich-hin-Alternde, die sich mit einem Glas Rotwein in einen Sessel lümmelt, eine Zeitschrift oder das Tablet zu Hand nimmt und einfach liest. Oder Qwirkle spielt. Vielleicht bin ich zu einer Frau geworden, die die Gesellschaft anderer nur noch partiell erträgt. Und dann auch gerne schweigend. Wissend. Verstehend.

Konsequenz statt Unverbindlichkeit

Diese Gedanken basieren auf (m)einem Grundproblem: Die Kommunikation mit vielen Menschen – real oder virtuell – ist zu einer anstrengenden Sache geworden. Zum einen wird gefühlt schneller denn je geurteilt und „verschubladet“ (vor allem, wenn es um politische, ideologische oder Grundsatzfragen geht), zum anderen scheint immer weniger zu zählen, was genau jemand sagt, als vielmehr: wer es sagt. Dazu kommt Rigorosität: Wer nicht für mich ist, ist automatisch gegen mich. Eine Welt voller Schwarz und Weiß – Grautöne gibt’s nicht mehr; auf die drischt man so lange ein, bis sie eben scharz oder weiß werden – und sei es nur im Auge des Betrachters. Macht mich diese zunehmende Polarisierung nun wirklich zu einem Menschenhasser? Wird mir menschliche Gesellschaft immer unangenehmer, weil Zuhören aus der Mode gekommen zu sein scheint? Weil die Unverbindlichkeit höher geschätzt wird als die klare Kante, bei der man weiß, woran man ist?

Nein, ich bin kein Menschenhasser. Ich kenne Menschen, die ich mag, weil ich ihnen vertrauen und mich auf sie einlassen kann. Weil sie die Filterbubbles, in denen sie sich bewegen, permeable halten. Weil sie nicht nur nach der Bestätigung ihrer Meinung suchen, sondern sie hinterfragen und durchaus bereit sind, sie zu ändern. Weil sie sich nicht von Altersunterschieden beeinflussen lassen und sich eine kindliche Neugier bewahrt haben. Weil sie sich mit mir streiten und anschließend mit mir ein Bier trinken können. Weil sie meine Schwächen aushalten und zu ihren eigenen kleinen Schwächen stehen, weil sie wissen, dass ich diese aushalte.

Und so lange es solche Menschen gibt, erlangt der Umstand, dass  „die anderen“ nun mal in der Mehrheit sind, hoffentlich keine all zu große Bedeutung.

 

 

 

 

 

 

Advertisements

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Mrs, gute Nachrichten: Das man mit zunehmender Lebenszeit in seinen Kontakten wählerischer wird, ist kein Zeichen der Misantrophie, im Gegenteil. Es ist ein Zeichen, das man sich bewusster wird, wer man ist und was man von anderen erwartet – und weniger Kompromisse macht, um jemanden zu gefallen. Für mich ergibt das einen Entwicklungspfad, der in der Kindheit beginnt, in der man auch Mist macht, um in der Clique akzeptiert zu werden oder den Freunden zu imponieren.

    Gefällt mir

  2. Paleica sagt:

    oh ich fühle so sehr mit dir. ich glaube aber fast, dass das nur peripher ans alter gekoppelt ist, sondern ein trend unserer gesellschaft. ich habe das wochenende meine geburtstag mit der frauheldin und ihrem freund in augsburg gefeiert. wir haben uns davor erst einmal gesehen und kannten uns sonst nur vom bloggen. und es war ein wunderschönes wochenende, unglaublich bereichernd und mit „neuen“ menschen. jene, die du ansprichst. mit denen man reden kann und deren welten graustufen enthalten und nicht nur schwarz und weiß. ich glaube, es liegt am gegenüber und nicht am alter.

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Dankeschön für Deinen Kommentar.
      Ich denke, dass dies jeder anders empfindet. In meinem Fall habe ich das so beobachtet. Ich war als jüngere Frau deutlich aufgeschlossener, ich fühlte mich durchaus auch in Gesellschaft von jenen wohl, mit denen ich wenig gemeinsam hatte. Das ist heute anders. Ich bin da deutlich selektiver geworden, einfach aus Erfahrung: Was und wer tut mir gut, was und wer nicht? Das konnte ich mit 20 Jahren doch noch gar nicht wissen. Insofern ist es vielleicht wirklich eine ganz natürliche Entwicklung.

      Gefällt 1 Person

  3. Miss Minze sagt:

    ch bin so manches Mal überrascht worden von Leuten, die ich eigentlich für – na ja, unangenehm – hielt. Dann kamen wir doch mal ins Gespräch und ich stellte fest: Die sind ja richtig nett!
    Leider passiert das aber selten. Wie du schreibst, lassen wir uns leider (zu oft?) von Vorurteilen lenken. Ich bin vor kurzem umgezogen und verstehe ich mich seither nur noch mit einer einzigen Nachbarin. Die anderen sind mir zu prollig. Zumindest denke ich, dass sie so sind. Oft miteinander geredet habe wir schließlich nicht.
    Im Grunde sind doch die meisten Leute ganz erträglich. Aber ich kann dich verstehen: Irgendwann ist „ganz erträglich“ einfach nicht genug, um einen ganzen Abend miteinander zu verbringen.
    LG Anne

    Gefällt 1 Person

    1. mrscgn sagt:

      Liebe Anne, Dankeschön für Deinen Kommentar. Dein letzter Satz bringt es auf den Punkt. Erträglich sind in der Tat die meisten. Aber das ist nicht das, was ich in Gesellschaft suche, wenn ich mich denn schon mal in eine solche begebe. Das hat sich einfach bei mir verändert.

      Gefällt mir

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s