HSV: Mein ewiger Kampf zwischen Gefühl und Vernunft

„Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“
(Blaise Pascal, französischer Mathematiker und Philosoph ,1623-1662)

Es ist seit einigen Jahren wirklich eine Herausforderung, HSV-Fan zu sein. Die Bandbreite reicht vom Halbfinale in der Euroleague gegen Fulham 2010, als das Finale in Hamburg anstand, bis zur Relegation in Karlsruhe, in der der HSV im Jahr 2015 bis zur 90. Minute abgestiegen war. Eine Achterbahn ist nichts dagegen – jeder Fan wird mir da zustimmen. Sorgte die Abstimmung für HSVplus noch bei mir für ein echtes Hochgefühl, bin ich doch seit spätestens Anfang des Jahres mehr als ernüchtert. Das Gefühl ist immer noch da, doch die Vernunft „flüstert“ immer lauter ins Ohr: WTF! Und das praktisch jedes Wochenende in einer laufenden Saison. Gestern erlebte ich diesbezüglich mal wieder einen Höhepunkt.

Der Verein des Herzen, der HSV, hat gestern nach einer gefühlten Ewigkeit (es waren wohl 200 Tage) ein Bundesligaspiel gewonnen. 0-2 hieß es am Ende gegen erschreckend schwache Darmstädter, die sich damit als Abstiegskandidat Nummer Eins präsentierten. Wer sich für den Spielbericht interessiert, ist beim Trapper bestens aufgehoben, wer eine andere Sicht darauf lesen will, hier entlang. Ich persönlich verorte mich irgendwo dazwischen, und das hat mit diesem Kampf zwischen Gefühl und Vernunft zu tun. Um das zu erklären, muss ich ein bisschen weiter ausholen:

Zunächst ist mir wichtig klarzustellen, dass es nicht um den Widerstreit von Emotionalität und Rationalität geht. Wer das näher vertiefen möchte, kann hier gerne nachlesen. Das Interessante daran ist, dass man eine rational gut begründete Ansicht durchaus leidenschaftlich (emotional) vortragen kann. Auf der anderen Seite funktioniert es auch, völlig emotionslos etwas komplett Irrationales zu erzählen. Mir geht es um die Balance zwischen Gefühl und Verstand (bzw. Vernunft) – gut erklärt hat das Mila Hanke in diesem Beitrag. Darin heißt es u.a.:

Neben dem Verstand, der Fakten sammelt und logisch das Für und Wider abwägt, besitzen wir alle noch ein zweites, unbewusst arbeitendes Entscheidungssystem, das auf Gefühlen beruht. … Was wir gemeinhin als Bauchgefühl, Unterbewusstsein oder auch Intuition bezeichnen, lokalisieren Hirnforscher im emotionalen Erfahrungsgedächtnis.

Will sagen: Das Eine existiert gar nicht ohne das Andere. Und das genau illustriert mein Problem – ich bringe beide, Verstand und Gefühl, in Bezug auf meinen Verein einfach nicht mehr zusammen. Während mein Gefühl dafür sorgt, mich bei Siegen wie gestern wirklich zu freuen, bei missratenen Aktionen „Orrrrr“ und noch ganz andere Dinge zu brüllen sowie auf einmal wieder an einen möglichen Klassenerhalt zu glauben (habe ich das wirklich gerade geschrieben?), sagt mir die Vernunft, die Fakten zur Kenntnis nimmt und in Zusammenhänge einordnet: Sag mal, bist Du bekloppt?

Also sortiere ich das, was die vernunft sagt, mal für mich:
  • Der HSV hat zum dritten Mal mit der gleichen Formation das Spiel begonnen; es war nicht zu übersehen, dass sich das positiv auf das Spiel auswirkte.
  • Die vergangenen drei Ergebnisse wurden gegen Mannschaften erzielt, die entweder einen wirklich gebrauchten Tag erwischten (Hoffenheim) oder selbst auf einem ähnlichen Niveau wie der HSV spielen. Letzteres belegen ja auch deren Ergebnisse vor dem Spiel gegen Hamburg.
  • Die Defensive des HSV zeigt nach wie vor eklatante Schwächen. Dass diese nicht ausgenutzt wurden, lag vor allem am Unvermögen der gegnerischen Offensive, die entsprechenden Tore zu erzielen – die Gelegenheiten waren da (von D98 abgesehen).
  • Es gelingen im Spiel oft die einfachsten Dinge nicht: Ballannahme, Pass zum Mitspieler. Von den etwas anspruchsvolleren Dingen, etwa das Erahnen von Laufwegen des Mitspielers und genaues Passen in eben jene, will ich gar nicht reden.
  • Das Offensivpressing ist als solches inzwischen erkennbar, hier stimme ich dem Trapper zu.
  • Die Vereinsführung gibt nach wie vor ein Bild des Jammers ab: Nach Sportdirektor Knäbel ist auch Mediendirektor Wolf nicht mehr an Bord. Marketing-Chef Hilke gab sein Ausscheiden zum Ende des Jahres bekannt (immerhin!), Beiersdorfer dilletiert weiter als Vorstandschef und Sportchef vor sich hin. Das Interview gestern bei Sky zeigte einmal mehr, welch‘ Fehlbesetzung er auf beiden Posten ist.
  • Im Kader befinden sich (viel zu viele) Spieler, die beim HSV den Vertrag ihres Lebens abgeschlossen haben, anderswo einen solchen selbstredend nicht mehr bekämen und sich entsprechend verhalten. Man fühlt sich sicher. Diekmeier steht exakt für dieses Modell.
  • Die Medien außen vor zu lassen, keine Zeitungen mehr zu lesen (heute nach dem Sieg dagegen schon), Social Media zu meiden – das sind für mich Entscheidungen, die einer Profi-Mannschaft unwürdig sind. Dieser durchkommerzialisierte Sport (ich nenne es mal noch Sport) und auch der HSV lebt sehr gut von seiner medialen Präsenz. Wer das bis zu einer gewissen Grenze, die ich dann aber doch ganz woanders verorte, nicht mitspielen will, ist im hochbezahlten (!) Fußball einfach fehl am Platz.
  • Uli Stein sagte gestern bei sky90, dass die finale Entscheidung darüber, welcher Spieler kommt (oder eben auch nicht) bei HSV durch Bernhard Peters getroffen werde. Ob das stimmt, lässt sich von außen nicht nachprüfen, doch allein, dass es genügend Leute gibt (und ich zähle mich dazu), die das für möglich halten, sagt ja einiges.
Soweit der Verstand. Jetzt das Gefühl:
  • Es ist ein tolles Gefühl, den Herzensverein mal wieder jubeln und die drei Punkte auf dem Konto zu sehen. Endlich mal keine Häme aus dem grün-weißen Lager (ersatzweise dem rot-weißen hier daheim).
  • Ich freue mich mit den Spielern mit, die sich auf dem Spielfeld wie Kinder freuen. Sie können wenig für das Chaos in der Führungsetage und holen sich auf dem Platz im Spiel miteinander (hoffentlich) das Selbstbewusstsein für die nächsten Aufgaben.
  • Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich die Fans vor Ort im Fernsehen jubeln höre. Das ist ganz spontan und nicht zu kontrollieren. Wahrscheinlich, weil ich zu gut weiß, wie sich das im Block anfühlt.
  • Ich fange an, die Möglichkeit des Doch-nicht-Abstiegs in Erwägung zu ziehen. (???)
  • Ich verteile Herzchen für Tweets, die die Freude über den Sieg ausdrücken. Uns grinse über ein Bild auf Whatsapp „Heute ein König“.
  • Ich habe gestern dem HSV-Weihnachtsmann aus Schokolade geköpft, weil der für den nächsten Sieg gedacht war (und mir offensichtlich dann auch noch Magen verdarb).

Was mache ich jetzt damit? Ein gewonnenes Spiel gegen eine denkbar schwache Mannschaft – all das macht die in der Vergangenheit mehrfach geäußerte Kritik an der Vereinsführung, an der Kaderzusammenstellung und an der Mannschaft selbst noch nicht hinfällig. Es darf nicht den Blick dafür vernebeln, welche vereinspolitischen und sportlichen Entscheidungen dringend getroffen werden müssen – allen voran die Demission von Beiersdorfer. Es muss weiter möglich sein, defizitäre Dinge in allen Bereichen anzusprechen, ohne als Hater oder Pester in die Ecke gestellt zu werden.

Für mich war der Auftritt gestern einen Zeichen der Mannschaft, dass sie sich noch nicht aufgegeben hat. Eine Antwort auf die Frage, wohin die Reise mit dem HSV künftig gehen wird, war er definitiv nicht.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. heluecht sagt:

    Daumen hoch! In diesem Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl finde ich mich durchaus wieder. Konnte das nur nicht so schön ausdrücken wie Du 😉

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  2. Der Schoko-Weihnachtsmann war sicher aus 2015 und wurde seither „bis zum nächsten Sieg“ verschont… Kein Wunder, dass dein Magen not amused war! 😉

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    1. mrscgn sagt:

      Hehe, den hatte ich zum Köln-Spiel erworben, zusammen mit dem Nikolaus im Effzeh-Gewand.
      Aber vielleicht liegt derzeit alles, was mit dem HSV zu tun hat. mir ein wenig quer im Magen 😉

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