Ehrlichkeit, Einsichten, Entspanntheit – Denkarium (7)

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In jüngster Zeit frage ich mich öfter: Wie ehrlich sind wir eigentlich zueinander? Kann ich mich auf das, was mir mein Gegenüber sagt, wirklich verlassen? Hintergrund ist, dass es mir vor allem im beruflichen Alltag immer mal so vorkommt, als waberte in aller Kommunikation eine Art Sub-Kontext, der sich von dem offensichtlichen extrem unterscheidet. Ein Beispiel:

  • Person A: Person B hat angemerkt, dass der Aspekt X in unseren Texten verschlampt wird. Wir müssen besser aufpassen.
  • Ich: Wir achten sehr darauf, dass X immer beachtet wird, könntest Du das etwas konkretisieren?
  • Person A: Schweigt bzw. wechselt das Thema.
  • Ich frage Person B: Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, wie wir sicherstellen können, dass Aspekt X ausreichend berücksichtigt wird …
  • Person B: Ach, es ging da nur um einen Text, und dort war es tatsächlich durchgerutscht. Ist kein Problem. Ich wollte nur daran erinnern, dass uns X sehr wichtig ist und wir immer daran denken sollen. Kein Grund zur Panik.

Das steht symbolisch für Gespräche, die ich öfter führe. Es entsteht der Eindruck, dass manche eine Sache dramatisieren, sie schlimmer machen als sie eigentlich ist und damit mit dem Finger auf andere zeigen. Ich vermute, dass sie das tun, um von eigenen Unzulänglichkeiten, die anderswo durchaus deutlich werden, abzulenken. Ich höre aus dem Bekanntenkreis, dass ich mit dieser Beobachtung nicht allein bin. Es gibt offensichtlich Menschen, die in ihren Berichten über etwas eben dieses Etwas immer modifizieren müssen, als ob eine Geschichte nicht erzählenswert wäre, wenn man über sie weniger spektakulär berichtete – und zwar unabhängig davon, ob sie dann noch der Wahrheit entspricht oder nicht. Dazu kommt dann noch diese offensichtlich nicht so wertgeschätzte Fähigkeit des Zuhörens. Es geht einfach nur noch um das Ich.

Im beruflichen Umfeld spielt sicherlich das so genannte „Politische“ eine Rolle: Es gilt, Positionen zu schützen, Interessen zu wahren, Besitzstände zu pflegen, vor dem nächsten Chef gut dazustehen. Da mir dieses (vielleicht für eine Karriere sogar nötige) Taktieren völlig abgeht, stehe ich solchem Verhalten einigermaßen konsterniert gegenüber. Wie anstrengend muss so was für jene sein, die sich die Tatsachen zurechtfriemeln müssen, damit sie groß, wichtig und höchst-dringlich erscheinen? Wie lange hält man so was durch?

Ehrlich währt aus meiner Sicht immer noch am längsten – das vermeidet Missverständnisse und bietet viel eher eine Grundlage für weitere Gespräche. Und für mich das Wichtigste: Ich weiß bei Menschen, die mir gegenüber ehrlich sind, immer, woran ich bin. Ich mag so was. Ganz grundsätzlich.

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Ich hatte ja hier schon schon einmal über meine Beziehung zu Lehrern gesprochen. Das ist eine Weile her, und ich war auch wirklich willens und bereit, mir eine neue Meinung zu erarbeiten – allein: Es ist kompliziert. Im Grunde ist es eine Geschichte von dem Versuch, wirklich Vertrauen zu fassen in das, was die Lehrer mit unseren Kindern tun, eine große Portion Sicherheit zu haben, dass das alles passt und gut für die Kinder ist. Und es ist eine Geschichte von enttäuschten Erwartungen. Ich habe vertraut und bereue das. So vieles, was mir die Pädagogik als den Stand der neuesten Forschung vermitteln möchte, kommt bei mir als Experiment auf dem Rücken meiner Kinder vor und führt zu Ergebnissen, bei denen ich mich immer frage: Ernsthaft? Darüber hinaus ist es eine Geschichte von meinem ehrlichen, allerdings wohl gescheiterten Versuch, bewusst zu neuen Einsichten zu kommen und mit Lehrern einen konstruktiven Weg zu gehen, der allen Beteiligten das Gefühl gibt: Wir wollen das Gleiche und unterstützen uns dabei. Mir tut das ehrlich weh, weil ich finde, dass Lehrer wichtig sind. Sehr.

Doch wie ich heute an einer Grundschule erfuhr, funktioniert das anders. Bevor ich ein Kind auf eine bestimmte Schule schicke, informiere ich mich und entscheide dann, ob das „Gesamtpaket Schule“ (O-Ton Rektor) für uns (also das Kind und uns Eltern) passt – oder eben nicht. Take it or leave it. Und ansonsten beteilige Dich an Basteleien, Aufräumaktionen und Flohmärkten. Das Allerwichtigste aber: Hinterfrage nie etwas Inhaltliches. Lehrer tun Dinge, weil sie in Konferenzen, in Ausschüssen, Kommissionen so beschlossen bzw. in Fortbildungen so erlernt wurden.  Es ist völlig gleichgültig, ob das zu den Kindern jeweils passt (zum Beispiel Schreiben nach Hören), es ist egal, ob das auf weiterführenden Schulen vorausgesetzt wird (Englisch nicht zu nur sprechen, sondern auch zu schreiben), und es ist komplett irrelevant, was Eltern denn dazu meinen.

Ich bin dankbar dafür, dass es auch andere Vertreter in dieser Berufsgruppe gibt, dafür, dass sie mir in Gesprächen (ja, auch auf Twitter) zeigen, dass es anders geht. Ich bin dankbar dafür, dass ich eine Grundschullehrerin erleben durfte, bei der sich das Kind rundum wohl fühlte und der ich gerne vertraute. Ich bin dankbar dafür, dass ich eine Leistungsverbesserung bei meinem Kind beobachte, weil es vor allem einen neuen, ganz großartigen Lehrer hat. Ich werde mich gedanklich an diesen Menschen „festhalten“ müssen, anders halte ich das sicherlich nicht aus.

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 Die Überschrift meines Lebens, so denke ich es manchmal, könnte „Verantwortung“ heißen. Ich habe sie einfach ganz oft in meinem bisherigen Leben übernommen, und das für ganz verschiedene Dinge und auch für Menschen. Ich mache das gerne, mir liegt das, ich gehe keinen Schwierigkeiten aus dem Weg, sondern versuche, Probleme zu lösen. Ich erkläre nicht, warum etwas nicht geht, sondern suche nach Wegen, wie es geht. Doch es kostet auch Kraft. Kraft, die ich manchmal eigentlich gar nicht habe. Und die mir dann für mich selbst fehlt. Dieses „Jetzt-bin-ich-mal-dran“-Ding zeigt ja auch, dass es schon einer bewussten Entscheidung bedarf, doch einmal an sich selbst zu denken, anstatt immer, quasi nebenbei und völlig selbstverständlich, auf sich achtzugeben.

An dieser Stelle habe ich nun, bedingt durch diverse Umstände, eine Entscheidung getroffen, die mit der Abgabe von Verantwortung verbunden war. Beruflicher Art. Und ich bin wirklich erstaunt, wie sehr mich das entspannt. Ich träume nicht mehr vom Business, sondern von den Hauptdarstellern aus „In aller Freundschaft“. Ich denke vor dem Einschlafen nicht mehr an meine To-do-Liste vom nächsten Tag, sondern stelle mir vor, dass ich mit ABBA singe und schlafe darüber selig ein. Ich unterbreche meine Arbeit, um das Kind von der Schule abzuholen. Einfach so. Und ich gehe gemeinsam mit dem großen Kind auf eine Tupperparty. Um 17 Uhr! Herrlich! Die ganze Familie merkt, dass die Mutti anders drauf ist, dass sie entspannt ist, laut und herzhaft lacht, großzügiger bei vielen Dingen ist und richtig Spaß daran hat, die Kinder bei den „Siedlern“ zu bezwingen.  Hätte ich all das vorher gewusst – ich hätte das früher schon so entschieden, aber, wie sagte schon Mr. Hobbs, der Gemischtwarenhändler aus „Der kleine Lord“ fast philosophisch: Lieber spät als nie.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wie immer sehr lesenswert. Danke für das Teilen deiner Gedanken.

    Erlaube mir eine Anmerkung zu folgenden Sätzen: „Es entsteht der Eindruck, dass manche eine Sache dramatisieren, sie schlimmer machen als sie eigentlich ist und damit mit dem Finger auf andere zeigen. Ich vermute, dass sie das tun, um von eigenen Unzulänglichkeiten, die anderswo durchaus deutlich werden, abzulenken.“

    Deine/Eure Vermutung ist sicher nicht unbegründet, denn in der Tat gibt es derartige Menschen. Dennoch erscheint sie mir den Sachverhalt zu pauschal in ein negatives Licht zu rücken.

    Wenn zwei Menschen vermeintlich ein und dasselbe erleben, so erleben sie es doch je individuell. Das beginnt schon bei der Bewertung eines gemeinsam gesehenen Fußballspiels. Dasselbe Spiel und doch u.U. ganz anders erlebt….
    Alles, was wir erleben, durchläuft die diversen Filter unserer Erfahrungen, unseres Wissens, unserer Gefühlswelt, kurz: unserer jeweiligen Persönlichkeit. Möglicherweise hat Person A Person B schlicht missverstanden? Dann wäre es ggf. ein einfaches kommunikatives Problem.
    Denkbar wäre auch, dass Person A grundsätzlich sehr darauf achtet, was andere, insbesondere Autoritäten (um eine solche könnte es sich bei Person B handeln) äußern. Dann wäre u.a. Angst als Grundemotion wohl eher der Schlüssel zum Verständnis.
    Oder es will sich jemand tatsächlich wichtig machen und ggf. von eigenen Defiziten ablenken. Dann könnte man auch in Richtung Egomanie/Narzissmus denken. Was ich damit ausdrücken möchte: Die Gründe, warum andere Menschen Dinge anders bewerten und eventuell folgerichtig anders kommunizieren als wir (es für angemessen halten oder selbst getan hätten), sind vielfältig. Wenn man diesen Menschen nun möglicherweise vorschnell unlautere Motive unterstellt (das macht Person A doch nur weil…), dann könnte man selbst Opfer der eigenen Projektionen werden.

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    1. mrscgn sagt:

      Dankeschön für Deinen Kommentar und die wertvollen Hinweise. Ich habe tatsächlich einfach spekuliert, vermutet, denn eine ehrliche, eine authentische Antwort darf ich sicher nicht von der Person A erwarten. Und ich weiß ja auch nicht, wie ehrlich Person B ist. Daher ja: Es ist kompliziert.

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