Verärgerung – manchmal muss sie eben raus

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Ich bin ja inzwischen in einem Alter, in dem ich mich durchaus beherrschen kann. Meine gelegentliche Wut auf etwas oder jemanden muss ich nicht immer sofort herausschreien, manchmal verpufft die einfach – weil ich noch mal eine Nacht darüber geschlafen habe, weil ich es ruhig angesprochen habe oder weil es sich einfach geklärt bzw. herausgestellt hat, dass alles nur halb so wild war. Das ist eine schöne und angenehme Sache, schützt jedoch nicht davor, dass sich manches eben doch aufstaut, und das will dann eben raus. Meist ist es danach ein wenig besser. Also:

Eine Haltung zum Vergessen

Im Berufsleben gehöre ich ja inzwischen zu den alten Hasen. Das fühlt sich manchmal echt komisch an, wenn man es mit Kollegen und Kolleginnen zu tun hat, die die eigenen Kinder sein könnten, so theoretisch und vom Alter her, meine ich. In der Regel inspiriert mich die Zusammenarbeit mit ihnen, sie haben oft so einen erfrischend anderen Blick auf die Dinge, andere Ideen, eine andere Art, sich einem bestimmten Thema zu nähern. So muss das sein, ich wertschätze das sehr. Das ist die eine Seite. Es gibt jedoch auch eine andere Seite. Das ist die, bei deren Erwähnung ich Gefahr laufe, als typisch älter oder arrogant rüberzukommen. Dabei will ich gar nicht Erfahrung gegen Junior ausspielen, ich war ja auch mal ein absolute beginner. Es geht also nicht um Fehler oder darum, dass manche Dinge länger dauern. Das ist absolut okay, und die Berufsstarter sollen lernen, was einfach Zeit braucht. Mir ist in den vergangenen Jahren etwas ganz anderes aufgefallen: Wenn ich das mit einem Wort beschreiben sollte, so fiele mir dazu ein: Haltung. Es ist die Haltung, die so manche Youngsters einnehmen, wenn sie in ein Unternehmen hineinkommen. Viele Ansprüche werden da sichtbar (geht gar nicht ums Geld), eine sehr selbstbewusste Einschätzung der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten, ein sehr forsches Auftreten (da bin ich, da bleib ich). Das klingt im ersten Moment ganz normal, doch mich nervt es. Ehrlich. Und zwar aus einem einzigen Grund: Es steht häufig einfach nichts dahinter. Ich vermisse: simple Kenntnisse, kleinere Erfahrungen, Anstrengungsbereitschaft, Ausdauer, der Wille, sich auf ein Thema/eine Aufgabe wirklich einzulassen. Irgendwie so etwas. Wer in der schreibenden Zunft unterwegs ist, sollte die Sprache beherrschen. Wer mit Menschen zu tun hat, sollte ein Minimum an Empathie mitbringen. Wer sich in der Kommunikationsbranche zu Hause wähnt, sollte wissen, was Recherche heißt und wie man zitiert. Einfachste Dinge gelingen nicht, aber wehe, ich bringe durch andere wichtige Dinge die Kapazitätsplanung eines solchen Youngsters durcheinander.

Was ist da los, frage ich mich? Um  nicht falsch verstanden zu werden: Ich schätze selbstbewusste junge Kollegen und Kolleginnen. Und ich habe viele kennenlernen dürfen, bei denen ich spüren konnte, woraus es erwuchs. Da war und ist eine inspirierende, manchmal durchaus unbequeme, aber immer angenehme Zusammenarbeit.  Doch ich erlebe zu oft ein eklatantes Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, eine Attitüde, die durch keine erbrachte Leistung, durch kein besonderes Engagement unterlegt ist. Das ist dieses „viel labern und nichts sagen“, das ist das „Feuer ankündigen und dann nur heiße Luft produzieren“. Und das macht mich wütend. Weil es für mich Mehrarbeit bedeutet, weil es mich bremst, weil es sich für mich zusätzlich auch noch ungerecht anfühlt. Keine Angst davor, Fehler zu machen, ist das Eine und durchaus Gewollte – sie aber dann nicht einzusehen, beim nächsten Mal wieder zu produzieren und sich dennoch wie ein Meister aufzuführen, ist ärgerlich. Sehr ärgerlich.

Im Kleinen anfangen

Dies alles im Kopf lässt mich auch gegenüber meinen Kindern sehr piensig werden. Zum einen geht es darum, dass immer mehr materielle Dinge selbstverständlich geworden zu sein scheinen: Klassenfahrten für 200  Euro in der Grundschule und 400 Euro in der weiterführenden Schule, 20 Euro für die Klassenkasse bei den beiden Elternabenden, zig Euro für eine eventuell nötige Nachhilfe. Zum anderen beobachte ich eine gewisse Angst vor Leistungsdruck: In der Schule wird viel von individueller Förderung gesprochen,  Leistungsdenken ist per se böse und wird viel zu stark von Eltern hereingetragen.

Ich habe zu all dem eine andere Haltung und gebe mir größte Mühe, meinen Kindern dementsprechend andere Grundwerte mitzugeben. Nichts von all den materiellen Dingen ist selbstverständlich. Es ist schön, dass unsere Kinder hier in dieser Hinsicht keine Not kennen, aber so etwas kann sich ja durchaus einmal ändern. Ich möchte, dass sie das, was sie, war wir haben, wertschätzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Darüber hinaus ist auch das Streben nach Leistung (und hier meine ich nicht zwingend Zensuren) nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Wer sich Kenntnisse und Fähigkeiten aneignet, wird später in der Lage sein, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und vielleicht, wenn es die Möglichkeit gibt, die Welt ein klitzekleines bisschen besser machen. Mit der Haltung „ich muss hier gar nichts“, „ist doch egal“ und „das wird schon noch“ gelingt so etwas nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass das so harte Arbeit ist. Und es ärgert mich manchmal schon auch. Doch ich bin davon überzeugt: Schon im Kleinen anzufangen, dass nicht alles selbstverständlich hingenommen wird, dass es eine gute Idee ist, etwas richtig zu lernen und zu verstehen, lohnt sich.

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. themaxxno1 sagt:

    Hallo Mrs,

    Ich lese Deine Beiträge immer wieder gerne und kann Dir berichten, dass es in meiner Firma ähnliche Erfahrungen gibt.

    Gefällt mir

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