„In aller Freundschaft“ – ganz in Familie

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Es ist schon ein wenig peinlich, es zuzugeben, aber: Unsere große Tochter hat uns infiziert. Mit einer Fernsehserie. Seit ein paar Wochen sind wir große Fans der Vorabendserie „In aller Freundschaft, die jungen Ärzte“. Im Grunde ist es die moderne Variante von „Ein Krankenhaus am Rande der Stadt“, die tschechische Serie, die mich als Kind so gefesselt hat.  „Die jungen Ärzte“ spielt in Erfurt, die Protagonisten sind Assistenzärzte und ihre Oberärzte. Uns geht es dabei weniger um das Medizinische, obwohl wir gerne lustiges Diagnoseraten machen und der Mann verdächtig oft richtig liegt. Wir finden die zwischenmenschlichen Themen spannend, die da mitunter zur Sprache kommen, und ja, wir diskutieren darüber richtig ernsthaft: Was hätten wir denn in dieser oder jener Situation gemacht? Finden wir das gut? Und wenn nein, warum nicht? Wir reden über Umgangsformen, über Gerechtigkeit, über Moral.

Wir sehen und verstehen immer öfter

Eine Figur in der Serie ist Matteo Moreau, plastischer Chirurg mit einem überbordenden Selbstbewusstsein. Er schikaniert die Assistenten ziemlich, genießt fachlich aber einen absolut tadellosen Ruf. Im ersten Moment erscheint der wirklich auf menschlicher Ebene wie ein Idiot, empathielos, hartherzig. Doch dann gibt es eben auch die anderen Szenen: Die, in jener er einem Patienten von seinem persönlichen Schicksal erzählt, das seine rauhe Schale sehr erklärbar macht. Oder jene, in der er für eine sterbende Patientin, die ihn für ihren Liebsten hält, eine alte Armee-Uniform anzieht und ihr einen Heiratsantrag macht. Wir haben geweint bei der Szene, so toll war das. Wir sind uns dann sicher: Hinter seiner harten Schale steckt ein weicher Kern. Und schon gehen wir mit seinen kleinen Gemeinheiten wohlwollender um – die Figuren in der Serie tun es auch.

Dr. Harald Loosen, ein älterer Oberarzt, der gleich zu Beginn einen Herzinfarkt erleidet und später teilweise zurückkommt, gefährdet durch einen Dokumentationsfehler einen Patienten, der daraufhin das Krankenhaus verklagen will. Es wird Oberarzt Niklas Ahrens verantwortlich gemacht, der aber gar nichts dafür kann. Gefühlte ewige Folgen danach sieht Loosen seinen Fehler ein und klärt alles auf. Wir atmen alle durch und freuen uns, dass die Gerechtigkeit dort eben doch noch siegt. Dass Loosen sich damit aus der Serie geschossen hat, bedauerte bei uns keiner, er passt dort irgendwie so gar nicht rein.

Eine echte Herausforderung ist es, eine Haltung zu Theresa Koschka zu finden. Sie fälscht ein Rezept, um ihrer sterbenskranken Oma zu helfen. Sie operiert eine Patientin, und rettet somit deren Leben, obwohl sie das ohne einen Oberarzt niemals hätte tun dürfen. Sie steht dazu, obwohl sie dabei eine sehr grundsätzliche Regel missachtet hat. Weil ihr die Kündigung deswegen droht, lässt sie sich auf ein Schäferstündchen mit dem Klinikchef ein, der ihr dann natürlich nicht kündigt. Tochter Nummer 1  findet die Handlungsweise von Theresa nicht in Ordnung, „weil sich das einfach nicht gehört“. Ich bin mir der Fiktionalität sehr bewusst und empfinde durchaus Sympathie für diese unangepasste Figur, der man fachlich nichts nachsagen kann, die aber menschlich den ein oder anderen vor den Kopf stößt, Dr. Herzlos nennen sie manche. Dabei wissen wir Zuschauer: Ihre Mutter hat sie verlassen, als sie fünf Jahre alt war, die Oma hat sich um sie als Kind gekümmert. Theresa verzeiht ihrer Mutter das nicht und richtet ihre Liebe voll und ganz auf ihre Oma. Sie ist in der Serie vor ein paar Folgen verstorben, was das wohl mit Theresa macht?

Irgendwas, das bleibt

Natürlich hat all das, was wir dort sehen, nicht viel mit der Realität zu tun. Der Alltag, der dort beschrieben wird, ist zwar zeitraubend, aber ansonsten so clean und glatt, wie es mit Sicherheit in keiner einzigen Klinik abläuft. Aber das macht gar nichts, wir alle verstehen es als Unterhaltung. Keiner der Kinder ruft ständig aus, auch Arzt werden zu wollen. Keiner sagt, er wolle auch mal ins Krankenhaus. Wir erfreuen uns an den „menschelnden“ Geschichten, etwa wenn Vivi Kling ein bisschen schräg schaut, als ihr Halbbruder Matteo Moreau ihr eröffnet, dass sie nun seine Stammzellen intus hätte. Wir gackern, wenn Ahrens zu Moreau sagt: „Machen Sie Dr. Ahlbeck Mut, damit rechnet er am wenigsten.“ (Ahlbeck verlor durch einen Unfall seinen rechten Unterschenkel und litt sehr darunter.) Wir kichern, wenn sich die Kumpels Ahlbeck und Baehr wie ein Ehepaar verhalten und einander necken.

So seicht das alles ist, wir genießen dieses Abschalten vom Alltag, dieses Entführtwerden in eine mehr oder weniger heile Welt, in der es immer Vollmond ist. Wir haben uns daher die DVD Boxen geholt und schauen parallel zu den aktuellen Folgen, die übrigens immer donnerstags um 18.50 Uhr im Ersten laufen, die alten an. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber macht uns allen Spaß. Irgendwie ist es ja auch schön, so etwas Banales in die Alltagsroutine einzubauen, an der wir alle gemeinsam Freude haben. Sogar der Mann. Und wenn unsere Kinder irgendwann mit ihren Kindern mal vor dem Fernseher sitzen werden und eine andere Adaption von Arzt-Serie anschauen, werden sie uns bestimmt ein Bild per whatsapp schicken und fragen: Wisst Ihr noch?

 

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