Erfahrungswerte

Die geschätzte Frau Brüllen nahm die Halbjahresgespräche in der Schule zu ihrem Sohn zum Anlass, einen Blog zu verfassen. Darin steht unter anderem dieser Satz:

Eigentlich wollte ich dieses Gespräch bzw. die Selbstverständlichkeit, Unaufgeregtheit, Normalität dieser Kommunikation zum Anlass für einen Rant nehmen, wie unglaublich übergriffig und mühsam ich die Art finde, wie über Lehrer […]  hergezogen wird. Wie im Internet und im realen Leben der Fehler NIE beim eigenen Kind oder, noch schlimmer, bei den Eltern liegt, sondern immer die Person schuld ist, die unangenehme Wahrheiten anspricht oder auf die Einhaltung von Regeln besteht.

Ich lese die Beiträge von Frau Brüllen sehr gerne, und ich weiß mich mit ihr in vielen Dingen einig. Doch hier fühle ich mich zu Unrecht kritisiert, obwohl ich selbstverständlich weiß, dass sie mich persönlich überhaupt nicht meint. Der Text richtet sich gegen eine sehr spezielle Kritik an Lehrern, das ist absolut angekommen. Dennoch: Die postulierte „Übergriffigkeit“ der Art und Weise, in der über Lehrer hergezogen werde, hat mich provoziert. Für mich impliziert das genauso allgemein: An den Lehrern liegt es eigentlich nie, sondern immer an den Eltern oder Kindern.  Genau das würde ich dann doch ein wenig differenzieren.

Wider das Schwarz-Weiß-Denken

Als ich so acht bis zehn Jahre alt war, wollte ich Lehrerin werden. Ich habe zu Hause intensiv Schule gespielt, mir ein Klassenbuch gebastelt und es intensiv ausgefüllt, eine Schranktür als Tafel benutzt, bis mir meine Eltern eine kleine Tafel hingestellt haben, mir Namen für meine zu unterrichtenden Klassen ausgedacht, „Unterrichtsvorbereitungen“ geschrieben, Noten verteilt – das volle Programm. Meine Eltern haben mir diesen Berufswunsch ausgeredet. Nicht kategorisch, aber eben beharrlich, und irgendwann habe ich mich dann auch für andere Dinge interessiert. Erst viel später haben sie mir erzählt, wie ihre Begegnungen mit meinen Lehrern war, als es um mich als Schülerin ging. Ich will das nicht groß ausführen, es war auf jeden Fall sehr oft sehr unerfreulich. Ich selbst habe zu einigen Lehrern ein recht nettes Verhältnis gepflegt – meiner Deutschlehrerin werde ich auf ewig dankbar sein, in meinen Sportlehrer war ich ein bisschen verliebt, und für meinen Mathelehrer habe ich auf dem Abiball eine Laudatio gehalten. Will sagen: Meine Meinung zu Lehrern war (und ist) von sehr unterschiedlichen Erlebnissen und Erfahrungen beeinflusst.

Mit der Schulzeit unserer Kinder erhielt dieses Bild von Lehrern neue Facetten. Ich vertraute ihnen das Beste, was ich habe, unsere Kinder, an. Die Erwartungen waren entsprechend hoch, vielleicht manchmal zu hoch, das gebe ich gerne zu. Die ältere Tochter geht inzwischen in die achte Klasse, die jüngere in die dritte. Im Laufe dieser Jahre sind mir viele Lehrer begegnet, und wieder waren die Begegnungen sehr unterschiedlich: Ich erlebte im besten Sinne pädagogische Kompetenz, Empathie und ehrliches Interesse, ich erlebte aber auch unfassbare Inkompetenz, Gleichgültigkeit und vor allem Verantwortungslosigkeit. Im Grunde könnte ich sagen: wie überall. So nehme ich nicht nur Lehrer als Gruppe wahr, sondern viele andere Menschengruppen auch. Ich könnte hier jetzt zum Beispiel meine Berufsgruppe oder auch Fußballfans anführen.

Das wäre alles nicht weiter berichtenswert, wenn es dabei nicht um unsere Kinder ginge! Wenn es sie betrifft, werde ich zur (zugegeben sehr emotionalen) Löwenmama. Ich verspüre einen unbändigen Willen, sie vor vielem zu beschützen, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sie so behandelt zu sehen, wie ich das auch mir gegenüber erwarte und wünsche. Dass das zu Spannungen führen kann, erscheint mir logisch, und ich konzediere selbstverständlich, dass die Lehrer, die unsere Kinder unterrichten, dafür erst einmal nichts können. Insofern ging ich in Gespräche mit den Lehrern unserer Kinder immer wohlwollend hinein, ich setzte voraus, dass sie das Beste für die Kinder wollen. Die Erfahrungen haben mir jedoch gezeigt: Es ist kompliziert.

Vertrauensfragen

Selbstverständlich gibt es nicht die Lehrer, genauso wenig wie es die Ingenieure oder die Krankenschwestern gibt. Doch die Begegnungen mit den Lehrern in unserem direkten Umfeld besorgen mich in höchstem Maße. Von den vollmundigen Versprechen, die auf den Tagen der offenen Tür verkündet werden (zu diesen kann man vor der Anmeldung des Kindes zum Kennenlernen gehen), bleibt in der Realität nicht viel übrig. Eltern sollen – so erlebte ich es an zwei Grundschulen – letztlich vor allem ihre Kinder so erziehen, dass die Kinder sozial verträglich sind, bei schulischen Aktivitäten immer helfend dabei sein und ansonsten gefälligst die Klappe halten. Kritische Fragen zu den Lehrinhalten bzw. zur Lehrmethodik (Stichwort Schreiben lernen nach Hören) haben zu unterbleiben. „Warum“-Fragen kommen noch viel schlechter an. Wenn ich mir dann überlege, welche Anforderungen ich in den ersten vier Schuljahren bereits erfüllte, wenn ich sehe, was von Kindern heute in Sachsen und Thüringen erfolgreich verlangt wird, und dann mit dem vergleiche, was (und vor allem wie!) hier so gelehrt wird, bekomme ich Angst. Mein Vertrauen ist jedenfalls komplett dahin, und das hat mit irgendwelchen Noten, nach denen letztlich sowieso niemand fragt, absolut nichts zu tun.

Auf der weiterführenden Schule läuft die Art des Lehrens und die Kommunikation mit den Eltern nach meinem Empfinden anders, ich nenne es mal erwachsener, aber auch dort wirken Lehrer, deren Berufsauffassung mich das ein und andere Mal ehrlich irritiert. Und hier komme ich wieder auf Frau Brüllen zurück: Wenn Kinder zwei Jahre und länger bei einer Lehrkraft mehr oder weniger nichts lernen, dann liegt das m.E. nicht allein an den Kindern oder deren Eltern, sondern zu einem durchaus relevanten Anteil auch an Lehrern. Dass diese sich vor der Klasse aufbauen und von der schlechtesten Klasse überhaupt sprechen, ihnen um die Ohren hauen, was für eine „gequirlte Scheiße“ sie schreiben würden und ihnen anschließend schöne Ferien wünschen, hinterläßt mich das fassungslos. Mit dem Wechsel der Lehrkraft zum heutigen Klassenlehrer hat sich das übrigens komplett geändert, die Kinder lieben das Fach und haben sich durch die Bank deutlich in den Leistungen verbessert – Lehrer haben nie schuld? Auch wenn ich es lieber Verantwortung nennen und in diesem Fall sogar von einem ausdrücklichen Verdienst des Lehrers sprechen möchte.

Ich möchte den Lehrern, die meine Kinder unterrichten, vertrauen können. Ich möchte sicherstellen, dass die Lehrer sie innerhalb ihrer Möglichkeiten (!) auf das Leben als Erwachsene vorbereiten, und zwar so gut es geht. Wenn ich daran Zweifel habe, so ist die Äußerung derselben nicht übergriffig, sondern schlicht notwendig! Es ist meine Verantwortung meinen Kindern gegenüber, die wahrzunehmen ja die Lehrer selbst auch (zu Recht) einfordern. Doch wenn wir über Verantwortung sprechen, so ist diese hier auf mehrere Schultern verteilt, die der Lehrer gehört dazu. Das ist ihr Job. Mit anderen Worten: Selbstverständlich ist es Quatsch, die Lehrer für alles, was in einer Schule oder bei den Kindern nicht optimal läuft, verantwortlich zu machen. Es ist aber genauso falsch, sie hier von jeder Verantwortung dafür frei zu sprechen. Und sie daran in ausgesuchten Fällen auf einer persönlichen Ebene zu erinnern, werde ich mir auch weiterhin erlauben.

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