Wenn Schule mehr leisten muss, als sie eigentlich kann

Meine Begegnungen mit der Schule meiner Töchter haben etwas von „Täglich grüßt das Murmeltier“: Ich rege mich auf, lege mich mit den Lehrern an, finde irgendwie Verständnis für die ganze Situation und sehe auch guten Willen, und dann kommt irgendeine Bemerkung, eine Mail oder eine merkwürdige Hausaufgabe, und alles beginnt von vorn. Zuletzt war ich extrem irritiert über einen Bewertungsmaßstab einer Mathearbeit in der Grundschule, bei dem ich bis heute trotz einstündigem Gespräch mit der Schulleitung nicht weiß, warum er so gewählt wurde. Ich sprach bei dieser Gelegenheit von verloren gegangenem Vertrauen, von Hilflosigkeit und davon, dass ich doch einfach nur mitgenommen, es verstehen möchte. Das Angebot der Schule hieß: Kommen Sie in eine Stunde zur Hospitation. Eine Deutschstunde. Fand ich gut. Also bin ich hingegangen, und ich verstehe jetzt so manches besser, allerdings etwas anders, als ich das erwartet hatte.

Grundschule sieht heute ja komplett anders aus, als ich sie noch kennengelernt habe. Es gibt nicht mehr diese Schülerbänke, an (in?) denen man zu zweit sitzt und nach vorne auf die Tafel schaut. Heute beherrschen kleine Einzeltische die Szenerie, die immer mal wieder neu arrangiert werden. Derzeit ist es in der Klasse meiner jüngeren Tochter so, dass von der Tafel aus betrachtet rechts fünf Tische an der Fensterfront stehen, die Mädchen daran schauen alle nach draußen. Wenn sie auf die Tafel oder zur Lehrerin gucken wollen, müssen sie sich dafür um 90 Grad drehen.  In der Mitte sind 2x sechs Tische zusammengestellt (sieht aus wie ein großer Tisch), an dem sechs Jungen sitzen. Zwei schauen direkt an die Tafel, die anderen vier sitzen je zu zweit in einem Winkel von je 90 Grad dazu. An dem anderen sitzen vier Jungen und zwei Mädchen, gleiche Anordnung. Und dann gibt es noch vier Tische direkt an der Wand: Die Kinder, die daran sitzen, gucken direkt einfach auf die Wand. Dort war auch ein Betreuer eingesetzt, der sich um ein Kind besonders kümmerte (Inklusionsklasse). Ich beschreibe das so detailliert, weil für mich darin schon viele Aussagen darüber stecken, wie Grundschule heute geht. Es ist nicht ein (durchaus heterogener) Klassenverbund, sondern es sind verschiedene Gruppen, die in einem Raum sitzen, lernen und auch spielen, aber eigentlich außer dem biologischen Alter nicht viel gemeinsam haben. Dazu gleich mehr.

Alltag in der Deutschstunde

Meine Hospitation bezog sich auf eine Deutschstunde, also ein Fach, das versprach, mir Freude zu machen. In der Klasse sah das so aus: Der selbständigen Arbeit am Wochenplan folgte der Morgenkreis, in dem auf Englisch durchgezählt, das Datum, der Wochentag und die Uhrzeit genannt wurden. Außerdem gab es ein Kölsches Lied, das die Kinder zur Musik von der CD eher mitgrölten als mitsangen, aber schon nett, so op Kölsch. Für den Deutschunterricht selbst waren dann noch 30 Minuten übrig. Und die begannen mit dem Satz des Tages. Dazu versammelten sich alle rund um die Tafel, die Bänke des Morgenkreises wurden dazu ein bisschen umgestellt. Sah alles gar nicht nach Schule aus, doch die Kinder fühlten sich sichtlich wohl. Wortarten wurden bestimmt und gekennzeichnet, dann sollten zu einem Wortstamm neue Wörter gefunden werden. Jedes Kind, das dran wahr, durfte dann bei der nächsten Frage ein anderes Kind bestimmen, das etwas sagen sollte. Daran schloss sich wieder Individualarbeit an: Eine Gruppe beschäftigte sich mit direkter Rede und wurde dazu als Gruppe zur Tafel gebeten, die anderen schrieben in ihren Heften (mit einer unfassbar schlechten Körperhaltung, die dort offensichtlich niemandem auffiel – Lehrerin und zwei Betreuer), wieder andere beschäftigten sich mit völlig anderen Dingen.

Extreme Entwicklungsunterschiede

Warum ich das so ausführlich erzähle? Nun: Ich war und bin leider nach wie vor der Meinung, dass heutzutage in der Schule nicht in dem Umfang bestimmte Dinge gelehrt werden, die ich mit Blick auf die Zukunft der Kinder für sehr wichtig halte – gutes und korrektes Deutsch gehört unbedingt dazu. Die sehr nahe Zukunft heißt in diesem Fall weiterführende Schule. Die Grundschule, ich schrieb es hier schon einmal, ist jedoch vom Leistungsgedanken so weit entfernt wie der Mond von der Erde. Und ich ahne inzwischen auch, warum. Die in der Regel wirklich sehr engagierten Lehrer und Lehrerinnen haben es in einer Klasse mit Kindern zu tun, deren Entwicklungsstand eine Zeitspanne von vier Jahren umfasst. So sagte man mir das auf der Grundschule meiner älteren Tochter, so hörte ich bei Tochter Nummer Zwei wieder. Vier Jahre. Während die einen schon unglaublich fit und selbständig sind, verstehen andere einfachste Aufforderungen nicht. Während die einen mit Füller in schöner Schreibschrift schreiben, tun sich andere in der gleichen Klasse schwer, mit einem Bleistift eine lesbare Druckschrift hinzubekommen. Während die einen richtig und zügig lesen, lernen andere noch das Alphabet. So langsam wird mir klar, was das für die Lehrer bedeutet. Im Grunde bräuchte es drei oder mehr Lehrer gleichzeitig in einer Klasse, um allen Bedürfnissen adäquat gerecht werden zu können und teilweise das aufzufangen, was an anderer Stelle aus welchen Gründen auch immer versäumt wurde. Ich frage mich, worin der Sinn liegt, eine so große Unterschiedlichkeit in einer einzigen Klasse ganz bewusst zuzulassen. Hier lernen die Kinder nicht voneinander, weil sie ja von vornherein in Gruppen eingeteilt werden. Und in diesen Gruppen finden sich dann Kinder, die ähnliche Fähig- und Fertigkeiten haben. Allerdings: Selbst in der leistungsstärksten Gruppe wachsen die Bäume nicht in den Himmel, weil es keine 100-prozentige Aufmerksamkeit für sie gibt, für sie geben kann.

Insofern haben jene, die hier mehr gesellschaftliche Anstrengungen und ja, auch Geld! fordern, für mich absolut Recht. Um alles irgendwie hinzubekommen, und das Bemühen darum spreche ich niemandem in der Schule ab, sind Kompromisse nötig. Bestimmte Dinge werden nicht mehr gelehrt, weil einfach die Zeit dafür fehlt. Weil nämlich viele Stunden damit verbracht werden müssen, den Kindern ganz andere Sachen beizubringen, etwa Umgangsformen, einfachste Techniken des Lernens, Essverhalten in der Pause, Umgang mit den Arbeitsmaterialien, richtiges Sitzen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Aus meiner Sicht ist es unfassbar traurig, dass die Schule hier viel leisten muss, obwohl sie doch eigentlich eine ganz andere Aufgabe hat. Und hiermit sind wir bei der Frage, wer denn nun wofür Verantwortung übernehmen muss.

Welche Verantwortung für wen?

Hierzu las ich heute einen streitbaren, sehr interessanten Blogbeitrag, bei dem auch die Kommentare besonders lesenswert sind. Kernthema ist die Frage nach der Verantwortung dafür, dass „Kinder armer Eltern schlechter sprechen, ungesünder sind …“.  Für mich geht es gar nicht so sehr um den Faktor arm oder nicht arm, sondern ganz generell darum, wie wir Elternschaft heute definieren: Welchen Beitrag soll das Elternhaus leisten, damit Kinder, wenn sie groß sind, ein selbstbestimmtes Leben führen können? Das scheint eine sehr wichtige Frage zu sein, denn, und hier folgt ein Kommentar von Rosa aus dem eben erwähnten Blog:

Bildung ist für sie [die Eltern, die sagen, dass die Schule der Ort ist, wo Kinder etwas lernen sollen, Red.] etwas, das ausschliesslich in der Schule stattfindet. Es gibt schlichtweg keine Vorstellung davon, dass Bildung etwas mit ihnen zu tun haben könnte und auch zuhause vermittelt wird. Und selbst wenn sie das wüssten, würden sie wahrscheinlich denken, dass sie ihren Kindern nicht viel mitgeben könnten.

Und genau das meine ich an den Schulen, die meine Kinder hier Köln besuchten und besuchen, auszumachen. Hier muss Schule inklusive Ganztagsbetreuung (leider) sehr viel mehr leisten, als den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Für mich bedeutet das, meine (unsere) Zuständigkeit noch einmal zu modifizieren. Bisher sah ich meine Verantwortung in der klassischen Allgemeinbildung, all das, was auch „modeste.me“ in ihrem Blog schreibt.  Unsere Kinder bekommen bei uns zu Hause durch unser Leben, unsere Gespräche all das mit, wofür ich in der Schule ganz und gar keine Verantwortung sehe. Aber: Die Antwort auf die große Unterschiedlichkeit im Entwicklungsniveau der Kinder kann nicht sein, alle zusammenzubringen, um sie dann dort doch zu separieren, weil anders ein Unterricht gar nicht möglich ist. Vielmehr täte Ehrlichkeit gut, aus der die Konsequenz hervorginge: Wer besonderen Förderbedarf hat, erhält ihn; nur eben dort, wo es auch effektiv ist. Wo ist der Mehrwert für ein Kind,  das Unterstützung braucht, in einer Klasse zu sein, in der es überfordert ist? Und ja, wo ist der Mehrwert für ein Kind, das in so einem Verbund unterfordert ist? Die Konsequenz: Als Eltern müssen wir hier mehr Verantwortung denn je übernehmen – um darauf zu warten, dass andere es tun und die dafür nötigen Entscheidungen, auch finanzieller Art, treffen, fehlt uns die Zeit. Unsere Kinder gehen jetzt in die Schule, nicht in zehn Jahren.

Nachtrag

Meine Mutter machte mich  auf den Brandbrief der Grundschullehrer in Hessen aufmerksam, hier gibt es dazu die Informationen.  Und das kommt mir irgendwie bekannt vor:

“ … Lage an den Frankfurter Grundschulen drastisch: bis zu 25 Kinder in einer Klasse, von denen mitunter 20 ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult worden seien. Die Familien der Kinder kämen aus verschiedenen Kulturkreisen, ihre Elternhäuser seien extrem heterogen. Viele würden elterliche Aufgaben wie die Erziehung zu Umgangsformen, die medizinische Versorgung und die Ernährung an die Schulen abtreten. Daraus erwachse für die Lehrer „eine kaum zu bewältigende Arbeitsbelastung sowohl in zeitlicher als auch in psychischer Dimension“, schreiben die Schulleiter…“

Ja genau: Ich rede von 21 Kindern, die auch auch verschiedenen Kulturkreisen kommen, die Elternhäuser sind – von einer kleinen Gruppe abgesehen – natürlich heterogen, Umgangsformen müssen bei vielen in der Schule erlernt werden, Ernährung ist ein großes Thema. Und dabei geht es uns noch gut, was die Besetzung mit Lehrern angeht. Nur: Mehr Personal reicht hier m.E. nicht aus, hier muss konzeptionell noch mal neu nachgedacht werden, denn ja, liebe Lehrer in Hessen (und vor allem auch hier in NRW): So geht es nicht!

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Landfamilie sagt:

    Das klingt krass. Ist das eine öffentliche Schule? Klingt für mich ein bisschen nach Montessori.

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    1. mrscgn sagt:

      Das ist eine ganz normale, allerdings inklusive Schule. Und eigentlich ist sie auch gut ausgestattet. Auf dem Papier. In der Klasse sind zwei Lehrerinnen jeweils halbtags, dazu eine Soz.Päd., ebenfalls halbtags, dazu dann noch die Betreuer für ausgewählte Kinder. Aber wenn kein gemeinsamer Unterricht möglich ist, was soll dann die Zusammenführung all dieser Kinder in einer Klasse? Das ergibt doch nur Sinn, wenn sie zusammen lernen. Für mich ist das Augenwischerei, bei der letztlich der eigentliche Unterrichtsgedanke, den Kindern wirklich etwas beizubringen, hinten runterfällt. Im Ergebnis werden die Erwartungen überall heruntergeschraubt, und was daraus dann wird, sehe ich im Job.
      Es bleibt nichts anderes, als sich als Mutter und Vater selbst stärker denn je zu engagieren. Ich habe das immer vermeiden wollen.

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      1. Landfamilie sagt:

        Das ist schade. Mich interessiert das mit der Inklusion, aber ob und wo das gewinnbringend für alle umgesetzt werden kann, weiß ich auch nicht. Ich kenne bloß Fälle, in denen ein Kind mit Behinderung eine Begleitung mit in die Klasse bringt. Eure Sitzordnung finde ich zwar auf den ersten Blick auch seltsam, vielleicht ist es aber ein ausgeklügeltes Resultat. Manche Kinder können sich vermutlich tatsächlich besser konzentrieren, wenn sie zur Wand schauen.

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    2. Digger sagt:

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