Verrückt. Alles verrückt.

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Ausgerechnet in der Karnevalszeit so ein Wort zu benutzen ist – klar, verrückt. Aber manchmal ist es wirklich seltsam, wie einem Dinge auffallen, für die es kaum eine andere Bezeichnung gibt. Du liest, siehst oder hörst etwas, und alles, was Dir einfällt, ist: Verrückt. Das ist unbedingt zweideutig zu verstehen, denn wie gerne bin auch ich manchmal im positiven Sinne verrückt, erlebe dann aber auch Dinge, die genau das Gegenteil sind. Also:

Ich habe mir heute einmal den „Weltspiegel“ angeschaut, das war sehr interessant. Meine spontane Reaktion: Ich weiß, warum ich so ungern reise. Denn dieser Tourismus ist nicht immer nur toll, sondern sorgt für ganz verrückte Dinge. So ist es in den berühmten Reis-Terrassen auf den Philippinen inzwischen angesagter, als Touristenführer zu arbeiten, als die Reisfelder zu bestellen, sich um das Weltkulturerbe zu kümmern. Da stirbt gerade ein mal als „Weltwunder“ bekannt gewordenes Stück Natur, und die Welt guckt Urlaub machend zu. Ich fand das traurig.

Entscheidungen an den Interessen der Mehrheit vorbei

Aber es ist gar nicht nötig, gedanklich so in die Ferne schweifen, um Verrücktes wahrzunehmen, das passiert auch in der unmittelbaren Umgebung. Nehmen wir nur das Urteil zu den Bausparkassen, das der Bundesgerichtshof in dieser Woche verkündete. Man muss sich das mal vorstellen: Da werben die Bausparkassen jahrelang mit ihren Bauspartarifen, die man ja gar nicht für Anschaffung rund um eine Immobilie nutzen müsse, man könne damit ja auch einfach so sparen – und dann das. Aufgrund der Niedrigzinsphase bekommen sie Probleme, die oft hohen Guthabenzinsen zu zahlen, und ein Gewinn durch das Gewähren eines Darlehens ist auch nicht in Sicht. So was aber auch. Meiner Meinung nach ist es ungeheuerlich, dass die Bausparkassen nun einfach so solche Verträge kündigen dürfen, für die sie als Unternehmen ganz allein selbst verantwortlich sind. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung hat das in seinem Kommentar für mich gut herausgearbeitet.

Der Bundesgerichtshof hat mit juristisch interessanten, bankenfreundlichen Winkelzügen das Recht der Verbraucher ausgehebelt. Das ist bedenklich. Denn es handelt sich um glasklare Verträge, bei denen hohe Zinsen nach dem objektiven Vertragstext Vertragsinhalt geworden sind. Es ist das Risiko der Bausparkassen, dass das Zinsniveau allgemein drastisch sinkt. […] Der Bundesgerichtshof ist nicht dafür da, die übertriebene Werbung der Bausparkassen und deren Unvorsichtigkeit beim Vertragsabschluss nachträglich für diese wohltätig zu korrigieren und zu reparieren.

Das Schlimme daran ist tatsächlich der grundsätzliche Charakter und wirft bei mir sofort die Frage auf: Wann dürfen die Versicherer die Altverträge mit einer Garantieverzinsung von 4% kündigen? Denn diese zu bedienen, fällt den großen Finanzkonzernen ja auch immer schwerer, was zugegebenenmaßen aufgrund der Anlagevorschriften durchaus erklärbar und verständlich ist. Dennoch: Ich fühle mich einmal mehr in meinem Misstrauen gegenüber Bausparkassen und Versicherern wieder einmal bestätigt. Dass der BGH hier mitmacht, ist fürwahr eine große Enttäuschung.

Das ist auch das Stichwort für die nächste Verrücktheit im Sinne von unfassbar, unglaublich und unsagbar traurig: Es geht um die Lehrer. Zum einen machte mich meine Mutter auf den Brandbrief der hessischen Lehrer aufmerksam, was ich in einem Blog schon verarbeitet hatte. Nun habe ich an diesem Wochenende Zeitungen nachgelesen, die mir wichtig sind, und da fand ich einen Bericht einer Grundschuhllehrerin, bei dem mir fast die Tränen gekommen wären.  Die Lehrerin spricht davon, dass es inzwischen so weit ist, dass man sich als Lehrkraft taktisch verhalten müsste, um überhaupt noch lehren zu können. Schließlich: Der Erziehungsauftrag sei immer größer geworden. Genau diesen Eindruck habe ich auch. Bitter daran für uns Eltern:

Auf der Strecke bleiben die paar normalen, unauffälligen, lernbegierigen Kinder, die einfach mitlaufen, weil man als Lehrerin keine Zeit für sie hat.

Und noch viel bitterer für die Zukunft:

Heute würde ich keine Grundschullehrerin mehr werden, weil ich den Kindern nicht mehr gerecht werde. Mir macht die Arbeit Spaß, aber nicht unter diesen Bedingungen. Ich bin Lehrerin und will altersgerecht Inhalte vermitteln, aber das tritt immer mehr in den Hintergrund.

In was für einer verrückten Welt leben wir eigentlich? Hat sich jemand das mit der Inklusion, so wie sie derzeit läuft, wirklich gut überlegt? Bringt es diesen Kindern wirklich etwas? Die zitierte Lehrerin berichtet da etwas ganz anderes. Mit der Politik, wirklich nahezu jede Aufgabe, die irgendwie mit Bildung zu tun hat, in die Grundschulklassen zu packen, kommen wir nicht weiter; und dass ich selbst da so macht- und hilflos bin, macht mich wütend.

Dieses verflixte Unterbewusstsein

Um das Gefühl mal wieder in eine etwas positivere Richtung zu drehen: Im Zuge meines Nachlesens von Zeitungen fiel mir auch ein Interview in der FAZ am Sonntag vom 5. Februar in die Hände (leider kein legaler Link darauf möglich). Die Redaktion sprach mit der Harvard-Ökonomin Iris Bohnet (Schweiz) über das Für und Wider von anonymen Bewerbungen und was Frauen statt einer Quote wirklich brauchten. Sie erzählt darin von Studien, die sehr gängige Vorurteile immer wieder bestätigen: Erfolgreiche Frauen seien machtbesessen und unsympathisch, erfolgreiche Männer dagegen sympathische Spitzenperformer. Auch, oder gerade weil das nicht neu ist, fasziniert es mich, dass uns das passiert, obwohl wir es gar nicht wollen:

Die Stereotypen sind ganz tief in uns – übrigens auch in uns Frauen – verankert, deshalb spreche ich auch von […] unbewussten Vorurteilen, die unsere Entscheidungen häufig sogar gegen unseren Willen beeinflussen. Das Gehirn spielt uns Streiche.

Bohnet erklärt das einen ganz wunderbaren Beispiel: Sie beschreibt die jahrelang übliche Praxis bei Symphonieorchestern, Frauen und Männer gleichermaßen offen vorspielen zu lassen. Im Ergebnis saßen im Orchester dann fast ausschließlich Männer. Bis man in Boston auf die Idee kam, Bewerber und Bewerberinnen hinter einem Vorhang vorspielen zu lassen. Der Frauenanteil wuchs im Laufe der Jahre von fünf auf 40%. Verrückt, nicht wahr? Bohnet erklärt auch, dass dagegen auch kein guter Wille helfe. Die Lösung läge auch in anonymisierten Lebensläufen und dazu in technologisch aufgepeppten Bewerbungsverfahren. Auf diese Weise hätte beispielsweise ein IT-Unternehmen festgestellt, dass es ganz andere Leute suchte als gedacht: Statt „IT-Fuzzis“ wurden reihenweise Psychologen und Neurowissenschaftler eingestellt, weil die in den Tests viel besser abgeschnitten hätten. Ohne die Software, die dabei eingesetzt wurde, wäre das Unternehmen darauf womöglich nicht gekommen. Auch verrückt. Diese Anonymisierung, dieser Ausschluss von Optik, stattdessen die Konzentration auf die Kenntnisse und Fähigkeiten würden denn auf die spezielle Frauenförderung zumindest in der derzeitigen Form ein etwas anderes Licht. Dass Unternehmen mit Frauen im Management besser dastünden, sei eine Korrelation, keine Kausalität, mein Bohnet. Und schließlich: So lange die schon erwähnten Schablonen bei der Talentsuche nicht ausgeschaltet würden, sorge das bei vielen Frauen für Enttäuschung.

Verrückt, verrückter, HSV gegen die Unaussprechlichen

Was mich zum nächsten Thema bringt: Mein Herzensverein hat sich gestern beim Verein, dessen Name hier in diesem Blog nicht genannt werden darf, bis auf die Knochen blamiert. Nun war für mich nicht enttäuschend, dass es eine Niederlage gesetzt hat, denn die war vorhersehbar – diese Mannschaft aus dem Süden ist ja nicht irgendeine, sondern eine der besten des Kontinents. Nein, was weh tat, war einmal mehr die Art und Weise. Ich hatte vorab schon ein blödes Gefühl, als ich so was hörte wie „wir werden Vollgas geben“, „wir fahren mit breiter Brust nach …“ oder „wir können dort was holen“ oder oder … Ein Spruch peinlicher als der nächste, wenn man dagegen hält, wie der HSV abgesehen von den ersten 20 Minuten dort aufgetreten ist. Und dann lässt sich der HSV dort vorführen wie eine U17! Wie kann man denn das, was man in den vier Spielen aufgebaut hat, so dermaßen wieder einreißen? Dieses absolut verrückte Torverhältnis kann in der Endabrechnung noch mal richtig teuer werden, wenn die Entscheidung, dass es in die 2. Liga geht, nicht schon vorher fallen sollte. Das wird auch psychologisch wirklich eine anspruchsvolle Woche für den Trainer. Vielleicht ist es ganz gut, dass der Verein gleich am Mittwoch wieder ran muss (Pokal). Und eventuell muss man als Fan auf so ein verrücktes Spiel gestern einfach genauso verrückt (allerdings im positiven Sinne) reagieren:

 

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Doch, die Sache mit der Inklusion ist eine tolle Sache. Oder sollte ich lieber „wäre“ sagen? Denn sie funktioniert nur, und wirklich nur unter der Bedingung, dass den Schulen und Lehrpersonen die dafür nötigen Ressourcen (zeitlich, finanziell, know-how) zugestanden werden. Sonst führt sie nur zu dem, was wir in der Schweiz ein „Gemurkse“ nennen würden.

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    1. mrscgn sagt:

      Liebe Katharina,
      ich verstehe gut, was Du meinst. Aber in diesem Artikel beschreibt die Lehrerin sehr gut das Dilemma. Sie schreibt:
      „Die Eltern denken, sie ermöglichen ihrem behinderten Kind in der REgelschule ein normales Leben, aber es ist gar nicht normal für die Kinder. Sie haben von Anfang an in der Klasse eine besondere Rolle und werden auf einen Thron gehoben, weil die Lehrerin sich am meisten um dieses Kind kümmert.“
      Genau so sieht es aus. Es wird so oder so separiert von den anderen. Ich glaube, dass die Inklusion so, wie sie hier versucht wird, eine Illusion ist.
      Für Deine Gedanken sage ich Dankeschön!

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