Kommunikatives & Politisches – Denkarium (8)

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Wie hier ja bekannt, bin ich auf Twitter unterwegs. Ich lese dort gerne, scrolle mich also entsprechend regelmäßig durch die Timeline. Viele Dinge finde ich nicht so spannend, doch bei manchen Themen möchte ich am liebsten reingrätschen, mitquatschen, auf etwas hinweisen, meiner Empörung Ausdruck verleihen, ganz laut sagen „jawoll“ (dafür gibt es ja das „Faven“), manchmal will ich auch leidenschaftlich widersprechen oder auch zustimmen plus ergänzen. Das Gute daran: Offensichtlich sprechen mich manche Themen noch an – manchmal denke ich ja, mir wird immer mehr total egal. Und: Ich kann all das, ohne irgendeine (vielleicht völlig deplatzierte) Reply zu hinterlassen, lesen, nicken, den Kopf schütteln, „kreisch“ brüllen oder laut lachen. Das merkt keiner, und somit wird auch keiner in irgendeiner Form belästigt. Denn: Wofür hat man denn sein eigenes Blog? Hier gehören alle Gedanken rein, die einen so anfliegen und raus müssen, damit sie nicht vergessen werden und einfach auch – wie in meinem Fall – den Kopf ein wenig entlasten, sprich wieder Raum schaffen für neue Gedanken …

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Neulich las ich einen Blogbeitrag von einem Mann, der darüber reflektierte, wie das zwischen ihm und seiner Partnerin angestrebte 50-50-Modell in der Realität aussähe, und er gab recht zerknirscht zu, dass das nicht immer so klappen würde, wie gewünscht. Nun ist das jedem selbst überlassen, welches Familienmodell gelebt wird, und es geht niemanden etwas an, wenn die Betreffenden darüber reflektieren; eigentlich ist das ja auch sehr erwachsen. Mein Punkt dabei: Wie schade, dass das überhaupt Thema ist. Gleichberechtigung als Zahlenspiel. Das kann man machen, na klar, aber fühlen sich alle dabei wohl? Das wäre übrigens mein Maßstab: Alle Beteiligten fühlen sich wohl. Bei der einen Familie ist der Zustand erreicht, wenn Frau 70% der Haus-/Care-Arbeit übernimmt, der Mann 30%. In anderen Familien läuft es genau umgekehrt, bei wieder anderen noch anders. Dieser Zwang, irgendwelchen hippen Modellen entsprechen zu müssen, ist aus meiner Sicht bedauerlich. Ich sage das auch aus ganz praktischer Erfahrung. Ich dachte nämlich mal, dass wir das hier so machen sollten, und wir haben da recht genau drauf geachtet – zumindest war ich dieser Meinung. Stimmt alles gar nicht. Zwischen gefühlt und tatsächlich liegt dann doch noch die Realität, und die sah dann ganz anders aus – und zwar jeden Tag. Daher zählen wir hier jetzt auch nicht mehr nach, sondern prüfen: Wie geht es uns dabei? Die jüngsten Ergebnisse war übrigens: Tochterkind 2 sollte sich ein bisschen stärker einbringen, sie ist alt genug inzwischen. Mir macht es gar nichts aus, die Wäsche komplett zu übernehmen.

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Ich unterhielt mich heute mit einer Kollegin via skype, und zum ersten Mal kam zur Sprache, dass ich Kinder habe. Sie wusste das bisher gar nicht. Sofort fragte sie danach, wie ich das mit den Kindern bei der vielen Arbeit denn schaffen würde. Die Kollegin ist um die 25 Jahre alt und fragte mich das wirklich. Ich habe ihr freundlich erklärt, dass ich die Kinder ja nicht alleine habe, es also einen Vater dazu gibt, mit dem ich verheiratet bin und zusammen lebe. Und dass dieser Papa sich auch kümmert. Dass dieses Denken sogar bei jungen Frauen so existiert, hat mich ehrlich erstaunt. Und dann auch ein wenig traurig gemacht. Aus feministischer Sicht ist da noch ein bisschen was zu tun.

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Ich las kürzlich die Ansage von Frau Kallenbrunnen, dass es nicht „Muttersprache“, sondern „Erstsprache“ hieße, sie sei Linguistin, sie wüsste das genau. Die Diskussion dazu auf Twitter fand ich höchst amüsant. Am besten hat mir diese Antwort hier gefallen:

Ich finde es ja immer sehr spannend, wenn mit großer Absolutheit bestimmte Begrifflichkeiten postuliert werden. So ein wenig neige ich dazu ja auch, ich bestehe hier zu Hause konsequent auf „wegen“ plus Genitiv, obwohl ich weiß, dass den kaum noch einer benutzt. „Brauchen“ wird hier auch immer mit „zu“ gebraucht – das scheint ebenso auszusterben. Ich bemühe mich darüber hinaus, bei indirekter Rede nicht mit „würde“ zu formulieren und frage mich: Versteht das jeder? Ich verweigere mich dem „wo“ zur Einleitung eines Relativsatzes, obwohl das ja immer häufiger zu hören ist. Ich bin durchaus aufgeschlossen für neue, moderne Sprache, die den Sachverhalt vielleicht sogar noch besser beschreibt, als es die althergebrachten Wörter tun. „Fremdbetreuung“ ist so ein Wort, für das ich neulich ein inhaltlich viel besseres las, wenngleich es so sperrig war, das es sich nicht gleich einprägte.  Aber hier wird ein Fachbegriff postuliert, der sicherlich korrekt und in einer Fachwelt wohlbekannt ist. Damit grenzt sich der Experte halt vom Normalverbraucher ab. Der sagt ja auch Leser/Hörer, während ich Rezipient sage. Und der sagt auch Kabel zu allem, was Fachleute Leitungen nennen.  Doch der Vorteil ist: Jeder weiß, was gemeint ist. Und ich plädiere im Zweifel immer für Verständlichkeit. Muttersprache verstehe ich besser als Erstsprache.

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Schließlich begegnete mir ein interessantes Phänomen: Den Bloglesern vergeht offensichtlich immer mehr die Lust  am Kommentieren. Sagt Tina:

Ich bin eine Karnation dieser gesunkenen Lust, in Blogs zu kommentieren. Ich  lese sehr gerne Blogposts, aber immer seltener spricht es mich so an, dass ich meine, unbedingt dazu etwas sagen zu müssen. Warum ist das so? Vielleicht meine ich, dass alles irgendwie schon gesagt wurde, und bei diesem „nur noch nicht von jedem“ spiele ich ungerne mit. Dazu kommt, dass ich mich immer häufiger frage, ob denn irgendjemanden überhaupt interessiert, was ich (was ein anderer) dazu meint? Ich sinniere auch darüber, warum ich denn überhaupt kommentiere, was ist mein Ziel? An genau diesem Punkt wird es echt schwierig: Wenn mich wirklich etwas triggert, und das kommt ja ab und zu vor, dann blogge ich selbst dazu. Dann ist es raus, dann geht es mir besser. Wenn es mich nur so ein bisschen anspricht … ja, warum soll ich dann kommentieren? Ich erkenne den Sinn für mich einfach nicht.
Ein Beispiel: Eine Mutter beschreibt in einem unterhaltsam zu lesenden Blogpost von ihrem Alltag, bei dem jeder Tag im Grunde dem anderen gleicht und von Verpflichtungen geprägt ist. Sie ist alleinerziehend, was dem Text für mich einen anderen „Drive“ gibt. Ich habe während des Lesens ganz oft genickt, auch manches Mal geschmunzelt und mich dann gefragt: Was ist jetzt  anders als bei mir, die ich nicht alleinerziehend bin? Das wiederum ist eine Frage, die mit der Autorin nichts zu tun hat, daher gehört das Sinnieren dazu nicht in ihr Blog. Für mich ist das die Antwort: Wenn das, was mich bewegt, allein meine Cup of tea ist, dann passt es eben auch besser hierher und nicht woanders hin. Tja nun.

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Zum Schluss noch etwas Politisches: Gestern erhielt ich in meine Twitter-TL den Link zu einem sehr interessanten Video-Podcast:

Es ist schwierig, dieses wirklich interessante, zu keiner Sekunde langweilige Gespräch in wenigen Worten zusammenzufassen. Er äußert sich zu solchen Themen wie:

  • Unterscheidung von Islam und Islamismus / Trennung von Spiritualität und Ideologie
  • Warum die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam nötig ist analog zur Aufklärung im Christentum
  • Denkverbote in den Köpfen aus falsch verstandener Toleranz heraus

Ich empfinde es durchaus als herausfordernd, öffentlich darüber zu diskutieren, wie weit Toleranz denn geht, denn schnell wird man in solchen Gesprächen in eine Ecke gedrängt, und gerne auch in die rechte. Welche Erwartungen darf ich als mitten in Europa Geborene an jene haben, die von anderswoher kommen und sich hier niederlassen? Darf ich einfordern, sich zur Verfassung des Landes zu bekennen, in dem ich leben möchte – oder bin ich sonst ein Nazi? Darf ich es irritierend finden, dass Menschen, die viele Vorteile der westlichen Demokratie für sich nutzen, aber auf der anderen Seite Erdogan wählen, also seine Politik richtig finden, obwohl sie im krassen Gegensatz zu dem steht, mit welcher sie es in ihrem Alltag zu tun haben?  Samad regt in diesem Gespräch eine offene (sachliche) Debatte an. Er plädiert für eine Aufklärung im Islam, für eine kritische Auseinandersetzung mit den Texten im Koran. Er tut das völlig unaufgeregt und, ich möchte fast sagen, wohlwollend. Es geht ihm nicht um Diffamierung, sondern um Klarheit, um Verstehen. Ich fand dieses Gespräch wirklich interessant und empfehle es unbedingt weiter.

 

 

 

 

 

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