Schreiben nach Gehör – ein Zwischenruf

Mir ist gestern etwas Verrücktes passiert, ich habe statt „Er“ einfach nur „R“ auf der Tastatur getippt. Wenn man es ausspricht, ist es ja auch ein „er“.  Ich twitterte das, weil ich es witzig fand. Das rief dann zum einen wissendes Verständnis, aber auch Widerspruch hervor, nämlich diesen:

Gerne möchte ich hier erklären, warum ich das anders sehe.

In den Grundschulen, die meine Kinder besuchten bzw. noch besuchen, wurde in der ersten Klasse das so genannte „Schreiben nach Gehör“ mit Anlauttabelle gelehrt. Das bedeutet, dass Kinder sehr schnell in die Lage versetzt werden (könnten), Texte aufzuschreiben. Ob diese für andere lesbar oder verständlich sind, ist hier egal. Uns Eltern wurde gesagt: Kinder haben Freude daran, sie seien motiviert, und das sei wichtig. Ich als Mutter sage: Unsinn. Worin liegt eigentlich genau der Mehrwert, dass Kinder schon in der ersten Klasse Geschichten schreiben können? Erklären konnte mir das bisher keiner. Seit wann steht und die fällt die Motivation zu lernen mit der Fähigkeit, Texte schreiben zu können? Meine jüngere Tochter lernt Englisch, und sie schreibt im Unterricht so gut wie gar nicht. Sie ist komplett motiviert und fragt immer, was dieses oder jenes auf Englisch heißt. Sie hat Spaß an der Sprache und singt gerne englische Lieder. Und das, obwohl sie nicht auf Englisch schreibt. Ja nun.

Nun ist meine Meinung ja nicht maßgeblich. Ich habe also ein bisschen gegoogelt und gesehen, dass das Konzept „Schreiben nach Gehör“ sehr kontrovers diskutiert wird. Die einen sehen es extrem kritisch (wie ich) und haben dafür aus meiner Sicht durchaus gute Gründe, beispielhaft dafür ein Kommentar aus der FAZ. Andere wiederum, beispielsweise Sprachwissenschaftler (hier im Interview), erklären, dass die Reinform gar nicht unterrichtet wird und die Eltern sich mal locker machen sollten. Auf die Frage, woran es denn läge, dass die Rechtschreibleistungen immer schlechter würden, antwortet Frau Dr. Iris Meißner:

Mediennutzung hat sich verändert, das spielt vielleicht eine Rolle. Lerngruppen sind sehr heterogen. In einer ersten Klasse sind zwar alle Kinder sechs oder sieben Jahre alt, aber sie haben einen Entwicklungsunterschied von plus/minus zwei Jahren. Und was ich auch beobachte: Es gibt eine andere Haltung zu dem Können der Kinder. Eine Art Schuldumkehr. Wenn ein Schüler heute etwas nicht kann oder nicht lernt, dann ist erst einmal der Lehrer schuld. Ich bin selbst Mutter und erlebe das auch in der Elternarbeit. Dann frage ich immer zurück: „Liegt es wirklich allein in der Verantwortung der Lehrerin, wenn das Kind bestimmte Dinge nicht macht?“ Man kann nicht erwarten, dass das Kind eine saubere Rechtschreibung entwickelt, wenn man zu Hause überhaupt keine Beziehung zu Texten hat.

Dem entgegne ich:

  • Es geht nicht darum, irgendjemandem die Schuld zu geben, sondern um die Kinder. Sie leiden darunter, wenn sie in der dritten Klasse auf einmal für etwas korrigiert werden, das doch sonst richtig war. Sie leiden darunter, wenn die Noten in der weiterführenden Schule um mehr als eine Note absacken. Sie leiden darunter, dass ihre Arbeiten in Biologie oder Geschichte abgewertet werden, weil sie nicht vernünftig Deutsch schreiben können.  Ich diskutiere gerne darüber, wie das zu verhindern ist, aber den Kindern ist nicht geholfen, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigt.
  • Bildungsauftrag. Diesen hat die Schule. Und sie hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe, nämlich alle Kinder, auch solche, „bei denen keiner zu Hause eine Beziehung zu Texten hat“, in die Lage zu versetzen, sich zu bilden. Und die Voraussetzung dafür ist nun mal die Sprache. Wer so wie Frau Meißner spricht, manifestiert einen Status. Wollen wir das?
Im Alltag wird es anstrengend

Ich kann leider nur die „Evidenz“ von zwei Kindern vorweisen, bei denen ich es unterschiedlich gehandhabt habe. Tochter 1 habe ich von Anfang an korrigiert. Sämtliche Texte, die sie in den ersten zwei Jahren nach Hause brachte, wurden auf ihre Lesbarkeit und Rechtschreibung hin geprüft und verbessert. Sie ist mittlerweile in der achten Klasse und riskiert aufgrund ihrer sicheren Rechtschreibung keine Abwertung der Gesamtnote bei Arbeiten, übrigens nicht nur in Deutsch. Bei Tochter 2 wollte ich Vertrauen haben, vor allem auch, weil ich die Lehrerin (inzwischen in Elternzeit) sehr mochte und auch einfach vertrauen wollte. Die Lütte ist heute in der dritten Klasse, ihr gelingt der Transfer von richtig zu falsch zu neu-richtig nicht so leicht.  Für mich zeigt das gut, wie schwierig es ist, einmal Abgespeichertes später zu korrigieren. In der ersten Klasse wird wild drauf losgeschrieben, aber ab der 3. Klasse muss dann richtig geschrieben werden. Wie erkläre ich, dass das, was bisher irgendwie okay war, plötzlich falsch ist? Tatsache ist, dass jetzt in der Schule korrigiert wird (wenn auch in unserem Fall hier halbherzig) und wir hier oft sitzen, um Texte zu berichtigen. Wer fragt jetzt nach der Motivation der Kinder? Meint irgendwer, dass sie das toll finden, immer wieder verbessert zu werden und damit vor Augen geführt zu bekommen, was sie alles (noch) nicht können?

Rechtschreibung, oder sagen wir: Die Fähigkeit, verständlich schreiben zu können (keiner ist perfekt, und die Regeln ändern sich ja auch ständig), halte ich für elementar. Sie ist so wichtig, dass sie kein Feld für Experimente sein, sondern höchste Priorität in der Schule (und eben nicht nur zu Hause) genießen sollte. Verantwortung haben hier beide Seiten, natürlich, aber es kann nicht sein, dass sie komplett von der Schule nach Hause verlagert wird. Das hilft vor allem jenen nicht, die zu Hause nicht unterstützt werden (können). Deren Bildungschancen werden so definitiv nicht größer.

Nachtrag

Das Thema lässt mich nicht los, daher noch einmal einen weiteren Artikel, der mir aus der Seele spricht, es ist ein Gastbeitrag eines Gymnasiallehrers aus Berlin in der FAZ.  Ihm geht es u.a. auch um den Stellenwert des Schriftlichen und des Übens desselben:

Es verblüfft einen immer wieder, wenn man Briefe von Menschen liest, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur Schule gegangen sind. Sie schreiben in einem nahezu fehlerfreien Deutsch. […] Ihr korrektes Deutsch haben sie gelernt, weil das Üben der Rechtschreibung mit einer Beharrlichkeit durchgeführt wurde, die „schülerzugewandte“ Pädagogen heute als unmenschlichen Drill stigmatisieren. […] Die physiologische Gehirnforschung plädiert dafür, Merkfähigkeit vor allem durch beständiges Üben zu stärken. Warum sollte man das Drill nennen, was uns das eigene Gehirn als eine erfolgversprechende Lernmethode vorgibt? Es ist an der Zeit, dass sich die Lehrer gegen die unwissenschaftliche Verächtlichmachung des Übens verwahren.

Genau das ist der Punkt: Im Bestreben, den Kindern nur ja keinen Drill zuzumuten oder auch nur den Eindruck zu erwecken, den Kindern wirklich etwas abzuverlangen, bedient man sich Methoden, die schlicht nicht zum Ziel führen. Wieder mal ein Beispiel für die These: Manchmal ist das Gegenteil von gut eben – gut gemeint.

 

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo Mrs, ich verdopple schlank die empirische Basis und bestätige Deine Forschungsergebnisse.

    Mein K1 hatte eine herrlich tradierte Lehrerin, der es von vornherein schnuppe war, was die reine Form des „Schreib wie du es fühlst“ vorgibt. K1 liest und schreibt, das es eine Pracht ist. K2 bekam die volle Breitseite und wurde damit versenkt. Das Problem haben wir hinterher ausbaden müssen, nicht die Schule: Die hat K2 wunderbare Deutsch-Noten bescheinigt, obwohl kein einziger leserlicher Text herauskam und K2 entsprechend frustriert war; sie wusste wohl, das ihr Schreiben gruselig war und sich daraus eine herzliche Abneigung gegen Lesen und Schreiben gebastelt.

    Hier wurde versucht, ein nicht existierendes Problem auf eine neue Art zu lösen. Als ob es nicht genug Dinge in der Schule gibt, die wirklich verbessert werden müssten.

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    1. mrscgn sagt:

      Danke Dir, Christian.
      Interessanterweise hat Tochter 1 gar kein Interesse am Schreiben, doch wenn sie muss, macht sie dabei zumindest keine Rechtschreibfehler. Sie redet halt lieber. Und Tochter 2 schreibt so gerne, aber … es ist kompliziert. Das ist es ja, was mich so traurig macht: Wo stünde sie, hätte sie, wie in Sachsen üblich, mit der Fibel gelernt?

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  2. nebuhsv sagt:

    Hallo, eigentlich gerade auf dem Weg ins Bett erreicht mich dieser Blog und ich kann nicht wiederstehen hier gleich meinen Kommentar zu hinterlassen. Ich versuche Punkt für Punkt meine Meinung zu äußern und hoffe, dass man mir folgen kann.

    Also erstens, das Dir unterlaufene „Missgeschick“, welches natürlich ursprünglich kein Beispiel war, sondern lediglich eine kleine Begebenheit aus Deinem Alltag beschreiben sollte, kann Deiner Tochter nicht passieren. Zu dem Lehrgang „Freude am Schreiben“ gehört nämlich unter anderem auch, dass das „r“ als „r“ gesprochen wird und nicht als „er“. Die Buschtabenfolge ist „a“, „b“, „c“ usw. nicht etwas „a“, „be“, „ce“ usw. wie wir es gewohnt sind.

    Deutsch ist die Muttersprache der meisten Kinder. Die Sprache ist (hoffentlich) bereits erlernt. Es wird also die Schrift erlernt. Im Gegensatz dazu steht der Englischunterricht. Hier wird die Sprache, das Sprechen, erlernt und jetzt darfst Du drei mal raten, warum wenig geschrieben wird. Es geht also um zwei völlig unterschiedliche Kompetenzen. Und so wie die Motivation beim Sprechen lernen durch Sprechen oder Singen kommt, gehalten und bestätigt wird, so wird sie beim Schreiben lernen durchs Schreiben gefördert. Und wenn ein Kind nach wenigen Monaten Schule schon einen kurzen Liebesbrief an seine Mutter schreiben kann und freudig in die Arme genommen wird, dann motviert das ungemein.

    Nun zu Deinen aufgezählten Punkten:
    1. Ohne Klugscheißen zu wollen (ein wenig doch 😉 ) seid ihr der selben Meinung +/- 2 Jahre ergibt eine Spanne von 4 Jahren.

    Hier ist der wichtigste Punkt! Entweder war hier die Information unzureichend, oder das Konzept wurde falsch durchgeführt. Bereits nach der Buchstabeneinführung, zu Teil auch parallel, werden die ersten Rechtschreibregeln gelehrt. Diese werden auch korrigiert! Nur in einem kleinen Teil des Unterrichts und zu Hause (für die Motivation und weil die Eltern nicht wöchentlich über die Fortschritte ihres jeweiligen Kindes informiert werden können) schreiben die Kinder völlig unkontrolliert. Dies geschiet in der Regel nach ca. einem halben Jahr. Sie sollten somit nicht „auf einmal“ verbessert werden, sondern bis dahin alle geforderten Rechtschreibregeln gelernt und verinnerlicht haben, so dass der Übergang weich ablaufen sollte.
    Die Kinder lernen langsam das richtige Scheiben, nur die Lücken werden von ihnen „nach Gehör“ gefüllt. Somit sollte auch kein Umlernen nötig sein, weil sie eben noch nichts (falsch) gelernt haben.
    Der Übergang zur 3. Klasse sollte somit nicht so holprig ablaufen. An weiterführenden Schulen gibt es mMn ein ganz anderes Problem. Standesdenken unter Lehrern, das Wegfallen der Schulartenempfehlung und damit verbundener Platzmangel an den Gymnasien sind nur kleine Teile davon. Meine Meinung dazu auszuführen würde aber den Rahmen hier sprengen.
    Die Schulen haben einen Lehrauftrag, eigentlich nichts weiter. Aber auch hier wird trotdem angesetzt, ich weiß nicht, ob Dir „Antolin“ oder „Gänsefüßchen“ etwas sagen, aber mit solchen Mitteln wird versucht, das Lesen in das zu Hause zu tragen und die Eltern, die dies nicht von alleine tun, zu unterstüzen.

    Beim letzten Absatz stimme ich Dir Inhaltlich erstmal zu mit dem Hinweis, dass wie oben beschrieben eben das Erlernen der Rechtschreibung in der Schule stattfindet und in der Verantwortung der Lehrer liegt und von den Eltern unterstüzt werden sollte.

    Dir und Deinen Kindern wünsche ich alles Gute und T2 dann, dass sie in der 8. Klasse eine ähnlich starke Rechtschreibung wie T1 jetzt entwickelt hat!

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    1. nebuhsv sagt:

      Nachtrag zu Deiner Antwort an Christian: Herauszustellen ist aber auch, dass T1 keinen Spaß am Schreiben hat, T2 aber sehr wohl…

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      1. mrscgn sagt:

        Ich muss das präzisieren: Sie schreibt nicht gerne im Fach Deutsch. Wenn es um ihre privaten Themen geht, ist das komplett anders. 😉

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    2. mrscgn sagt:

      Vielen Dank.
      Das Problem ist ja, dass es DAS Konzept nicht gibt. Jeder Lehrer handhabt es ein wenig anders. Und natürlich kommen die von mir hier schon mal beschriebenen Probleme in der Klassenstruktur hinzu (Entwicklungsunterschiede, Inklusionsklasse). Deine Erklärungen überzeugen mich leider nicht: Ich verstehe den Mehrwert des Schreibens von Anfang an immer noch nicht. Der Liebesbrief an die Mama kann es ja nicht sein. Was spricht denn dagegen, mit der Fibel zu lernen? Sich nach und nach die Buchstaben zu erschließen und dann zu schreiben, gerne auch gleich in Schreibschrift, was ja gleich die nächste Baustelle ist (nicht bei uns, sondern ganz grundsätzlich). Auch hier können Kinder sehr wohl motiviert sein.
      Und natürlich ist es ein Umlernen: Vieles, von dem, was anfangs stehen gelassen wurde, wird heute angestrichen. Der Übergang zu dritten Klasse war bei uns weniger wegen der Stufe als wegen des Lehrerwechsels holprig. Ich bin es als Mutter, die größere Defizite sieht, als es die Noten der Tochter aussagen! Im Grunde müsste ich mein Kind aus der Klasse herausnehmen und selbst unterrichten – ist es das, was wir wollen?
      Antolin kenne und schätze ich .

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