Sie wollten es einfach mehr: Der HSV schlägt den Effzeh

Es ist etwas fünf Monate her, da der HSV hier in Köln zu Gast war und mächtig verhauen wurde. Drei Tore schenkte Modeste dem René Adler ein, der HSV blamierte sich bis auf die Knochen, und ich sprach danach von einem Spiel der ungezählten Missverständnisse. Es war insgesamt eine grausige Hinrunde des HSV, in der der Verein lausige 13 Punkte (von insgesamt 51 möglichen) zusammenkamen. Viele fragten schon nicht mehr, ob der Verein absteigen würde, sondern nur noch wie: indirekt oder über die Relegation?

In der Rückrunde, das ist bekannt, hat sich die Situation ein wenig geändert. Der HSV ist aktuell die viertbeste Mannschaft der Rückrunde mit 17 Punkten – mehr haben nur die Bayern, man glaubt es kaum. Im Ergebnis sieht das so aus, dass Leipzig deutlich besiegt, gegen Leverkusen ein knapper Sieg erzielt, die Hertha aus Berlin geschlagen und auch Gladbach bezwungen wurde. Dazu je ein Unentschieden gegen Freiburg und Frankfurt. Gestern also der glückliche, aber durchaus verdiente Sieg gegen den Effzeh, und hier sind meine Eindrücke dazu:

Die Vorgeschichte

Ich hadere mit dem HSV schon so lange, dass ich mich nicht einmal mehr erinnern kann, wann ich das letzte Mal in Hamburg bei einem Heimspiel war. Auswärtsspiele nahm ich immer noch wahr, war u.a. in Jena beim Pokalspiel und dann eben zuletzt hier in Köln dabei. Doch das Spiel des HSV gegen Leipzig hatte mich dann doch ein wenig beeindruckt, und zwar so sehr, dass ich für unsere Familie Karten orderte. Eine Kurzschlusshandlung oder einfach die große Hoffnung, der große Wunsch, endlich einmal wieder einen Sieg des HSV live bejubeln zu können. Im Pokal hatte man ja gezeigt, wie das gegen Köln geht. Als ich die Tickets geordert hatte, schüttelte ich über mich selbst den Kopf, rational zu erklären war das auf jeden Fall nicht. Aber da es gegen den Effzeh ging, konnte ich auch die Familie begeistern.

Das Stadion

Auch wenn es gefühlte Ewigkeiten her ist, dass ich in Hamburg zum HSV-Spiel war: Ich brauche immer noch kein Navi, um den Weg zu finden, und ich finde mich auch im Stadion immer noch bestens zurecht, auch wenn es zu Plätzen geht, die ich bisher noch nicht so kannte. Wir hatten Karten in 5B geordert, und der Blick von dort ist großartig. Alles gut im Blick und im Ohr. Letzte Reihe im Block bedeutete keine Sitznachbarn hinten (auf uns schaute die Feuerwehr), „ökumenische“ Verteilung der Fans (vor mir ein Effzeh-Fan im Hector-Trikot) und ein unkomplizierter Weg wieder nach draußen. Das Wetter spielte auch mit, und so erstrahlte der Volkspark richtig. Volle Hütte, entsprechend laut ging es zu. Und an dieser Stelle gleich mal das große Lob an die Gästefans, den Eindruck von Daniel kann ich so nur bestätigen:

Das ist ja das Schöne an solchen Vereinen wie dem Effzeh (der HSV zählt auswärts übrigens auch dazu): Sie bringen richtig viele Fans mit, und dann macht so ein Spiel auch dann irgendwie Spaß, wenn auf dem Rasen nicht unbedingt leichte Kost geboten wird.

Der Herr Holtby

Er wurde von vielen Fans als der Mann des Spiels gesehen, er war der Held, der das entscheidende Tor markierte, er ließ sich entsprechend ausgiebig von den Fans feiern und freute sich sichtlich. Bei allem, was man ihm so vorwerfen kann: Ich nehme ihm diese Freude durchaus ab. Für mich lenkt sie aber von seiner immer noch sehr diskutablen Leistung, und zwar nicht nur in diesem Spielt, nicht ab. Denn: Was Lewis Holtby während eines Spiels da so veranstaltet, ist aus meiner Sicht alles andere als erstklassig. Ich habe meine Tochter, die neben mir saß, noch explizit darauf hingewiesen, ihn mal besonders zu beobachten. Er läuft wirklich viel, aber was bitte sind das für Laufwege? Was kommt dabei denn so heraus? Das erinnert manchmal an Pausenhofgemeinheiten, bei denen drei größere Schüler einem kleineren was wegnehmen, ihn bitten, es sich doch zu holen, und der Kleine dann hin- und herrennt, während sich die Großen sich das Ding zuwerfen und ihn auslachen. Das ist extrem unproduktiv, einfach aktionistisch und teilweise dusselig, etwa dieses Ball-Wegkicken, als dem Effzeh einen Freistoß zugesprochen wird. Er sollte die Abstandsregel zum Ball beim Freistoß mittlerweile kennen. Diese gelbe Karte war so unnötig, wenn auch folgerichtig, wie ein Kropf. In der zweiten Halbzeit sah ich ihn verbessert, aber auch wieder in diesem „trying-too-hard“-Modus. Wie oft wurde er aus dem Abseits zurückgepfiffen? Wenn er so spielen will, dann sollte er bei Modeste hingucken: Der spielt auch immer sehr bewusst an der Grenze des Abseits‘, hat aber auch die Schnelligkeit und Durchsetzungsstärke, bei Ballgewinn das Ding zu Ende zu bringen. Ich würde Gisdol gerne mal fragen, wie die taktische Vorgabe für Holtby war – ich kann mir nicht vorstellen, dass Gisdol will, dass sich Holtby so scheinbar „unkontrolliert“ auf dem Platz bewegt. Und so schnell immer wieder den Ball verliert. Apropos Ball verlieren:

Der Herr Diekmeier

Dennis Diekmeier spielt seit gefühlten Ewigkeiten beim HSV, tatsächlich seit 2010, als er von Nürnberg für zwei Millionen Euro nach Hamburg wechselte – zu seinem Entdecker Michael Oenning, der damals Co-Trainer beim HSV war. Zuvor hatte Oeninng Diekmeier von der U23 des SV Werder (!!!) nach Nürnberg geholt. Mit der Nummer 2 auf dem Rücken, auf der rechten Verteidigerseite spielt Diekmeier also seit sechseinhalb Jahren beim HSV. Bekannt ist er für seine Schnelligkeit, weniger für seine Flanken. Denn diese präzise zum Mitspieler im Strafraum zu bringen hat er scheinbar verlernt. Allein in Halbzeit 1 versuchte er es dreimal, jedes Mal stöhnte es im Stadion laut auf. In der zweiten Halbzeit vergassen ihn seine Mitspieler ganz oft und wurschtelten nur links herum, da konnte Herr D. noch so wild winken. Ich sagte an dieser Stelle zu meiner Tochter nur: „Die wissen bestimmt, warum sie ihn nicht anspielen.“ Er zeigte gestern wieder arge Schwierigkeiten in der Ballannahme und -weitergabe, war damit allerdings nicht allein. Ein Passquote von 63% spricht Bände, auch wenn der Gegner exakt den gleichen Wert hatte. Dazu kam, dass er sich trotz Flankenschwäche wohl mehr als Rechtsaußen, denn als Verteidiger sieht, den 1,77 m großen Jojic denn auch unbedrängt zum 1-1 einköpfen ließ.  Auf mich wirken seine Auftritte arrogant, auch wenn er das vielleicht so nicht beabsichtigt; er macht einfach auch zu viele Schlagzeilen neben dem Platz, die Bild nennt ihn den „gläsernsten Profi“ der Bundesliga. Zu Herrn D. las ich eine interessante Diskussion auf Twitter, und ich konzediere gerne: Die ganze Situation beim HSV ist sicherlich nicht zwingend leistungs-, sprich entwicklungsfördernd.

Die Emotionen

Ein Endergebnis, das gut tut.Ich hatte ja an dieser Stelle schon einmal darüber sinniert, dass das Nicht-Umsetzen von HSVplus sowie die anhaltende sportliche Misere etwas mit mir gemacht hatten. Reiner Selbstschutz, es lässt sich alles mit ein klein wenig mehr Distanz leichter ertragen. Aber wie schön, wenn es mich direkt im Stadion dann doch wieder mitreißt – ich kann da nicht anders. Es war laut im Stadion, auch wenn die Kölner auf den Rängen nach meinem Gefühl mehr Alarm gemacht haben als die HSVer, es gab Torchancen, vier Tore, wovon eins zu Recht nicht anerkannt wurde, und das Publikum ging gerade in den letzten zehn Minuten noch mal richtig ab. Genau so kenne ich das übrigens von Auswärtsspielen – nur dass es dort praktisch im ganzen Spiel so ist. Fehlten eigentlich nur noch die Wechselgesänge. Gab es das früher nicht mal? Zwischen  25a und 22c weiß ich es sicher, nicht auch mal zwischen Nord und Süd? Die Tochter und ich flippten also mal richtig, ich war echt heiser nach dem Spiel. Und ich freue mich ein bisschen, dass es offensichtlich noch funktioniert. Und warum? Der HSV hat gerade in der Schluss-Viertelstunde gezeigt, was mit Kampf, Leidenschaft und Willen möglich ist. Die Kölner, so zumindest mein Eindruck, waren mit dem Punkt zufrieden, der HSV aber irgendwie nicht. Zu Recht! Sie wollten den Sieg einfach ein Stückchen mehr und haben sich dafür belohnt. Gut so.

Die Begegnungen

Ins Stadion gehe ich eigentlich nicht nur wegen des Spiels, sondern auch wegen der oft zahlreichen netten Begegnungen am Rande. Zwar habe ich einige nette Leute nicht treffen können, weil einfach alles sehr eng getaktet war, aber ich traf einen alten Bekannten wieder, den ich wirklich schon lange nicht gesehen hatte, aus Gründen. Umso schöner war diese sehr erwachsene und freundliche Begegnung. Falls Herr S. das liest: War schön, Dich zu sehen. Und: Ich konnte in der Halbzeit kurz mit Daniel Jovanov sprechen: Sein Arbeitsplatz ist toll, von dort ist der Überblick wirklich ein anderer als in der Südkurve, von wo aus ich zum Beispiel sonst Spiele verfolge. So am Rande fand ich es auch sympathisch, dass ein erkennbarer Effzeh-Fan mich als erkennbarer HSVer nach dem Weg fragte. So gehört sich das.

 

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