Reden wir über Kommunikation

Wenn mich ein Wort, ein Satz, ein Thema so richtig anspringt, wir sagen heute auch gerne „triggert“, dann fange ich an zu graben. Ich wühle mich durchs Netz, um Antworten auf meine Fragen, um verschiedene Aspekte zum Thema, um vertiefende Ansätze zur Problematik zu finden. Neulich las ich die Wendung „authentische Meinung“. Nun will ich gar nicht mehr auf der Frage herumreiten, wie sich Authentizität denn von dem anderen Modebegriff Glaubwürdigkeit unterscheidet (denn das habe ich hier schon einmal getan), sondern ein paar grundsätzliche Dinge in der Kommunikation beleuchten. Diese haben viel mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu tun, wie viel davon wir eigentlich aushalten und – noch viel wichtiger – aushalten wollen!  Im Zuge meines Grabens bin ich auf einen älteren Artikel bei Brand Eins gestoßen, der aus einem Heft mit Schwerpunkt Kommunikation (na  klar) stammt.  Im Jahr 2005 wurde der Text veröffentlicht, und ich finde, dass vieles davon heute noch gilt. Mir war gar nicht bewusst, wie wichtig schon vor zwölf Jahren offenbar dieses „Authentisch-Sein“ war:

Legionen von Persönlichkeits- und Kommunikationstrainern, Beratern und Autoren aller Richtungen rieten Vorständen, Managern und Politikern jahrelang, in ihren Aussagen möglichst „authentisch“ zu sein. Wann immer eine Person öffentlichen Interesses auf die Öffentlichkeit trifft, soll sie sich ganz natürlich, echt, ehrlich – eben authentisch – geben. Dann würden die Menschen gleich merken, dass hinter einem echten Kerl eine echte Botschaft steckt. Als höchstes Lob für einen öffentlichen Kommunikator gilt mittlerweile die Phrase: „Der ist echt“ oder „authentisch“. Und folgerichtig ist auch das, was der Mensch treibt, dem man so viel Gutes nachsagt, ehrlich, echt, vertrauenswürdig.

Unglaublich. Aber genau das ist der Grund, warum ich sage, dass es einfach nicht reicht, authentisch zu sein; die viel wichtigere Glaubwürdigkeit speist sich aus weiteren Eigenschaften. Denn:

Verordnete, inszenierte Authentizität und Transparenz sind bloße Konstruktionen. Wenn es einem sympathischen, hemdsärmeligen Burschen im Fernsehen gelingt, uns zu beeindrucken, dann sagen wir: „Der kommt echt gut rüber.“ Das ist der Unterschied zwischen echt sein und echt wirken.

Wir erkennen nicht immer sofort, was echt ist, und nehmen daher ersatzweise für echt, was auf uns echt und ehrlich wirkt. Dazu kommt: Was sind wir als Empfänger der Botschaften denn bereit, an Ehrlichkeit auszuhalten? Die Erfahrung zeigt: Ehrlichkeit kommt nicht weiter! Was wir an Kindern toll finden, stört uns an Erwachsenen ganz oft. Denn diese Ehrlichkeit ist an vielen Stellen der Kommunikation gar nicht gefragt, nicht erwünscht und manchmal sogar auf dem Weg zu einem Ziel kontraproduktiv. Dazu passt auch der witzige Film „Der Dummschwätzer“ mit Jim Carrey. Er spielt darin einen erfolgreichen Anwalt und notorischen Lügner (Titel im Original „Liar Liar“), der einen ganzen Tag dazu „verflucht“ ist, die Wahrheit zu sagen, weil sein Sohn sich das zum Geburtstag gewünscht hat. Das bringt ihn in viele missliche Situationen und kostet ihn beinahe den Job. Natürlich geht alles am Ende gut aus, aber es zeigt, dass 100prozentige Ehrlichkeit für eine Gesellschaft gar nicht taugt. Wenn wir aber mehr wollen, als Selbstgespräche zu führen, müssen wir zumindest:

… Widerreden und Widersprüche aushalten. Das Wichtige vom Nebensächlichen trennen. Auf die Haltung kommt es an. […] Computer, Internet, Fernsehen – die elektronischen Medien – sind schuld, dass sich die Informationsmenge in immer kürzeren Abständen verdoppelt. Das überfordert uns. Kaum jemand hat noch einen Überblick, ein anderes Wort für Standort. Die Maschinen und Systeme, keine Frage, belasten uns zunehmend. Aber auch hier ist es falsch, die Dinge verantwortlich zu machen für das, was Menschen verbocken.

Haltung ist eine wichtige Sache. Sie hilft, Informationen einzuordnen, mit ihnen zurechtzukommen, etwas mit ihnen anfangen zu können. Ich habe das Gefühl, dass ich sehr häufig an anderen Menschen verzweifele, weil sie eben diese klare Haltung vermissen lassen, weil sie unverbindlich kommunizieren, weil ich nie so richtig weiß, woran ich bei ihnen bin. Das macht Kommunikation schwer. Dabei sind wir Menschen verantwortlich für unsere Art der Kommunikation – ohne uns Menschen wäre auch das Internet, wären Social Media nicht das, was sie heute sind. In dem Beitrag von Brand Eins wird Eberhard Posner, damals Leiter der Unternehmenskommunikation der Siemens AG in München damit zitiert, dass er die landläufige Erklärung all jener, die ständig von Überforderung durch zu viel Information redeten, aber durch ihr Verhalten genau diesen Missstand erst ermöglichen, nicht mehr hören könnte.

Das Problem besteht in erster Linie darin, dass so viele nicht den Mut haben, eine klare Entscheidung zu treffen. Entscheidungsschwäche, nicht Informationsüberfluss, ist die Grundlage schlechter Kommunikation.

Und hier sind wir dann bei einem Thema, das mich aktuell (vor allem im beruflichem Kontext) sehr bewegt: Viele sind mehr damit beschäftigt, authentisch und glaubwürdig rüberzukommen, als klar, verbindlich und entscheidungsstark zu sein. Denn das hieße ja, sich nicht mehr alle Optionen – auch die, einfach abzutauchen – offen halten zu können. Es bedeutete, sich auf etwas/jemanden einzulassen, sich auf die ein oder andere Art durchaus angreifbar zu machen. Auch innerhalb eines Unternehmens. Da regiert dann nicht der gesundes Menschenverstand, sondern die pure Angst. Die Angst, Fehler zu machen, dafür getadelt zu werden, gar den Posten und vor allem gewisse Privilegien zu verlieren. Man  baut sich eine als sicher wahrgenommene Situation auf, errichtet sich eine Art System, das dann mit allen Mitteln erhalten werden muss. Und hier beißt sich die Katze dann in den Schwanz: Dieses System zu stabilisieren und dabei immer bemüht zu sein, die Authentizität und Glaubwürdigkeit zu bewahren, bedeutet unter Umständen, eben genau diese zu verlieren. Das Bedrückende daran: Sie merken es nicht einmal, sondern drehen das Rad einfach noch weiter. Das Ergebnis: Die Sache kommt nicht voran, es herrscht Frust, die Kommunikation wird noch schwieriger.

Es könnte alles so einfach sein

Was mich dann zu meinem eigentlichen Gedanken bringt: Wir machen es uns alle einfach so verdammt schwer, miteinander so zu kommunizieren, dass wir uns endlich mal über die Sache und nicht ständig über das Wie unterhalten können. Das ist, damit keine Missverständnisse aufkommen, immer eine zweiseitige Geschichte, beteiligt sind immer ein Sender und ein Empfänger. Beide müssten dafür etwas tun. Noch einmal aus dem oben erwähnten Artikel:

Kommunikation hat nämlich einen Zweck: sich mit anderen auf einen Punkt zu einigen, mit jemandem etwas zu teilen, das man für wichtig und richtig hält. Kommunikation funktioniert nur, wenn man sich auch einigen will – alles andere sind zwecklose Selbstgespräche.

Genau das ist das Problem: Man muss sich einigen wollen. Und jetzt die Fragen:

  • Will sich heute überhaupt noch irgendjemand einigen? Oder nicht lieber doch einfach seinen Willen durchsetzen?
  • Will heute noch irgendjemand seine eigene Meinung/Haltung hinterfragen, um sie gegebenenfalls auch zu ändern? Oder nicht doch einfach nur sagen, dass nur das richtig ist, was man selbst sagt?
  • Will heute jemand noch Entscheidungen treffen, verantwortlich sein und dann auch die Konsequenzen tragen? Oder nicht doch lieber eine Unternehmensberatung rufen, die die Entscheidungen dann trifft und der man dann natürlich die Schuld geben kann?
  • Will jemand  entscheidungsstarken Menschen auch dann Glaubwürdigkeit zubilligen, wenn die Entscheidung sich als falsch herausgestellt hat? Oder lacht man sich nicht eher ins Fäustchen, weil sich dann doch noch ein Dummer gefunden hat, dem man die Schuld geben und den man aussortieren kann?
  • Will man jemandem zuhören, der unbequem ist, Fragen stellt und Entscheidungen bei anderen notwendig werden lässt? Oder lässt man die dann nicht lieber immer wieder gegen eine Wand laufen und sieht feixend zu, wie die sich abmühen, während man selbst weiterhin keine Entscheidungen trifft, sondern sagt, man müsse erst mal schauen?
  • Will man selbst auch dann noch ehrlich, echt und bei sich sein, wenn das bedeutete, negatives oder eben überhaupt kein Feedback zu bekommen? Oder nicht doch lieber den Weg des geringsten Widerstandes gehen?

Ich fände es so ermutigend, wenn die Zahl jener, die den jeweils ersten Teil dieser Fragen für sich mit Ja beantworten, größer würde. Wenn diese Gruppe von Menschen wahrnehmbarer, lauter wäre. Denn das bedeutete, dass es wieder stärker um die Sache ginge und nicht darum, wer dabei am besten aussieht.

Nachtrag

Auf Spiegel online las ich heute einen Artikel, der im Grunde meine Kritik unterstreicht. In dem „Manifest für mehr Ehrlichkeit“ geht es auch darum, endlich damit aufzuhören, die Arbeit zu überhöhen, ihr mehr Bedeutung zu geben, als sie hat. Aber eben auch darum, damit aufzuhören, ständig darüber zu reden, wie toll die Arbeit doch ist, anstatt sie einfach mal zu machen.

Denn wie alle Lügen fordern die Märchen der Arbeitswelt Zeit und Kraft, um aufrechterhalten zu werden: Wir inszenieren Leidenschaft, Wichtigkeit, Betriebsamkeit. Wir inszenieren die Arbeit – statt sie zu machen. Was bleibt, sind Erschöpfung, Enttäuschung. Und ein Unternehmen, das zu sehr davon schwärmt, wie toll die Arbeit ist, will sich vielleicht einfach davor drücken, über eine angemessene Bezahlung zu reden.

Ich habe in der jüngeren Vergangenheit ganz oft erlebt, dass unheimlich viel geredet wurde, dass Listen geschrieben, Präsentationen gestrickt und Telefonkonferenzen abgehalten wurden – doch wer hat letztlich den Job gemacht? Wer hat etwas Zählbares produziert? Genau der, der bei diesem Zauber nicht mitgemacht hat.  Auch ich plädiere unbedingt für Ehrlichkeit. Damit lässt sich immer sehr viel besser umgehen:

Doch wer als Arbeitgeber ehrlich spricht, statt zu faseln, überrascht seine Mitarbeiter und gewinnt ihren Respekt. Wahrheit entwaffnet, lässt Widerstände schwinden. Mitarbeiter werden gelassener zur Arbeit kommen; die Produktivität steigt mit der Stimmung.

Genau so. Ich nenne das auch Erwartungsmanagement. Jeder weiß, was Sache ist, kennt seine Aufgaben und erledigt sie. Alles andere findet sich praktisch von allein.

 

 

 

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