Ein Nordderby der Ernüchterung

Das 106. Nordderby* gestern hat mein Herzensverein, der HSV, gestern in Bremen verloren. 2-1 hieß es am Ende, und es war verdient. Martin Rafelt, Autor bei Spielverlagerung, hat es in seiner Analyse so zusammengefasst, und damit ist eigentlich alles gesagt:

Werder und Hamburg bekämpfen sich mit ähnlichen Mitteln. Aber Werder spielt dazu mehr Fußball.

Beste Stimmung im Fanblock. (c) tinaaa_we/instagram

Zwar ging der HSV ein wenig überraschend in Führung – Werder hatte zuvor eine Riesenchance vergeben –, doch das gesamte Spiel über sah es nie so aus, als könnte der HSV auch nur irgendwas bei Werder holen. Das begann meiner Meinung nach schon bei der Körpersprache, die mir beim Aufwärmen auffiel, das zeigte sich nach dem Führungstreffer, der für eine unerklärliche Selbstzufriedenheit sorgte, und das wurde in der zweiten Halbzeit noch deutlicher, als der HSV praktisch nichts mehr unternahm, um ein Tor zu schießen. So viel zum Thema Spannungsabfall, dessen Gefahr Gisdol in der Pressekonferenz sichtlich angefressen wegredete. Die sichtbare Einstellung der Spieler sprach für mich eine andere Sprache.

Neben den bekannten Unzulänglichkeiten im Spielaufbau machte sich für mich das Fehlen eines Spielers, der mal aus der zweiten Reihe abzieht, schmerzlich bemerkbar. Leider erwischte auch Hunt keinen so guten Tag. Schon am Samstag zuvor prophezeite mir ein Bremer: Hunt sei einfach nicht so abgebrüht. Ihm setzte es für mich spürbar zu, dass er gnadenlos ausgepfiffen wurde, er agierte übervorsichtig und nicht so dynamisch wie zuletzt. Klar, eine Spitzenleistung gelingt nicht immer, aber gerade in so einem Spiel, bei diesen Aufstellungswidrigkeiten, in dieser Atmosphäre müssen Spieler das letzte Körnchen Kraft und Kaltschnäuzigkeit mobilisieren. Das ging gründlich in die Hose. Ich könnte durch jeden Mannschaftsteil gehen, überall würde ich arge Defizite konstatieren müssen: Besonders die  Verteidigung zeigte extreme Lücken, auch wenn sich Jung und Mavraj wirklich mühten und viel verhinderten. Bei einem faktischen Totalausfall der Außenverteidiger konnten sie halt auch nicht viel ausrichten. Aus meiner Sicht wurden dem HSV gegen Werder die Grenzen des eigenen, vornehmlich aufs Zerstören angelegten Spiels aufgezeigt. Werder kann das nämlich auch, nur: Die Mannschaft agierte ballsicherer, kreativer und konsequenter.

Entwicklung noch absolut instabil

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Der HSV wurde in den vergangenen Wochen ob seiner sichtbar gewordenen Entwicklung sehr gelobt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung widmete gestern dem Trainer einen größeren Vierspalter**, der diese aufzeigt – beginnend bei Gisdols Kritik an der völlig überzogenen Erwartungshaltung an die Fußball-Profimannschaft des HSV bis hin zur schrittweisen Formung einer echten Mannschaft.  Doch mit dem Spiel gestern erscheinen mir manche Aussagen (vor allem vom Zeitpunkt her) einigermaßen ungeschickt. So wird Gisdol wie folgt zitiert:

Wir haben zwei bis drei deutliche Entwicklungsschritte gemacht, wir mussten als Mannschaft gut sein, damit der Einzelne gut ist.

Selbstverständlich heißt Entwicklung nicht, dass es immer noch vorne geht, doch rein psychologisch scheinen mir solche Worte einfach ungünstig gewählt vor einem Derby. Denn eben diese Entwicklung war gestern praktisch unsichtbar. Das war der Rumpelfußball, von dem wir Fans dachten, dass er der Vergangenheit angehörte. Holtby rannte unproduktiv auf dem Platz herum und ein ums andere Mal ins Abseits. Letzteres ist allerdings nicht allein sein Fehler, denn seine Mitspieler spielen schlicht und einfach zu spät ab, immer! Sie warten, bis der Gegner mit zwei, drei Mann draufgeht. Und die stellen einen Holtby dann eben schnell ins Abseits. Und dieser Holtby wird in dem Artikel so zitiert:

Wir sind auf jeden Gegner optimal eingestellt.

Tja, Lewis, da scheint etwas nicht angekommen zu sein, denn davon merkten wir Fans auf der widerlichen Stehplatztribüne in Bremen nichts. Gar nichts. Es wirkte fast ein bisschen hilflos, was da auf dem Platz passierte, wenn wir von den ersten 15 Minuten des Spiels einmal absehen. Denn dann hatte sich Werder auf den HSV eingestellt – nicht umgekehrt. Es sah alles extrem vorher- und durchschaubar aus.  Weiter heißt es:

[…] das Vollgaspressing gegen Hoffenheim oder die gemeinschaftliche Arbeit gegen den Ball vom Köln-Sieg, um Modeste aus dem Spiel zu nehmen, bezeugen, dass Gisdol passgenaue Konzepte findet.

Gefunden hatte. Gestern gelang das nicht. Natürlich ist es schwer, ohne das Mentalitätsmonster Papadoupoulos in der Verteidigung und ohne dribbelmutigen Wood vorne gegen eine Mannschaft anzutreten, die motiviert und beflügelt von ihrem jüngsten Aufschwung auftritt. Aber gerade in solchen schwierigen Situationen erweist sich meiner Meinung nach, wie nachhaltig ein Entwicklungsschritt ist. Und er war es eben nicht. Ich kritisiere das nicht, sondern stelle es einfach mal fest. Passquoten von unter 70 Prozent (gegen Köln 63, gegen Bremen 66) lassen sich auch durch eine sehr gute Laufleistung nicht wirklich kompensieren. Es ist völlig klar, dass es Zeit braucht und dass wir HSV-Fans froh sein sollten über das, was wir in den vergangenen Wochen erleben durften. Sind wir auch. Aber dann wäre vielleicht auch ein wenig Zurückhaltung in der Öffentlichkeit angebracht. Denn an solchen Aussagen von Gisdol oder auch Holtby misst diese Öffentlichkeit auch die Leistungen auf dem Platz.  Wenn der FAS-Autor Frank Heike meint, dass der HSV vor dem Derby „nicht mehr wie ein Absteiger“ wirkte, so sieht das jetzt wieder komplett anders aus. Gegen Darmstadt (für mich völlig überraschend Sieger gegen Schalke04) muss jetzt zwingend ein Sieg her, gegen Augsburg und Mainz, die beide am Wochenende gewonnen haben, auch, will man nicht in die Relegation oder gar direkt absteigen. Und das mit diesem Kader … ach Mensch.

Tolle HSV Fans vor Ort
Hoffentlich auf zum nächsten Derby in der Saison 2017/18. (c) rauheSee, Instagram

Weil das Nordderby ja immer ein Hochsicherheitsspiel ist und da oft Unschönes passiert, an dieser Stelle mal ein paar Worte zu den Fans: Ich habe alles – von der Anreise über den Einlass und das Verhalten im Block selbst bis hin zur Abreise – als extrem friedlich und freundlich erlebt. Wir sind mit Werder-Fans im Shuttle zum Stadion hin- und von dort auch wieder zurückgefahren. Vor dem Spiel waren die HSVer laut, aber wirklich nur mit der Stimme, man sang, hüpfte und freute sich auf das Spiel. Im Gästeblock selbst, der aus meiner Sicht wirklich eine Zumutung ist (will man Gästefans dort nicht haben?), wurde ich zwar zugequalmt, aber weder flog ein Becher, noch wurde es eng und quetschig oder gar ungemütlich. Der Support war immer da und immer laut, wenngleich ich diese Gegner-Beschimpfung nie so richtig verstehen werde; ich verweigere mich da konsequent. Übrigens, ein Lied hat mir besonders gefallen, ich kannte es noch nicht, aber es sang und hüpfte sich toll: Hamburg ist ’ne schöne Stadt, da lohnt es sich zu leben, drum fahren wir nach Bremen und benehmen uns daneben. Wir waren leider sehr artige Gäste und haben keinen Punkt mitgenommen. Ich gehe dennoch weiter davon aus, dass wir das in der kommenden Saison anders gestalten können – im Nordderby in der ersten Liga!

Danke an T. und S. für Eure Bilder.

* 54. Bundesligasaison, SV Werder stieg einmal ab
** FAS, Ausgabe 16. April, S. 37

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. janvonnebenan sagt:

    Hallo! Nach unserer kleinen Diskussionen heute morgen via Twitter habe ich mich doch mal entschlossen zu kommentieren. Ich stimme dir in vielen Punkten zu. Möchte aber noch ein zwei Gedanken ergänzen und dabei vielleicht andere Aspekte beleuchten.
    Du schreibst von einer gewissen Zufriedenheit, die du schon beim Aufwärmen ausmachtest. Ich habe dies via TV nicht gesehen, empfand jedoch bereits in den ersten Sekunden nach Anpfiff eine gewisse Unsicherheit bei der Truppe. Ich möchte hier zwischen Zufriedenheit (Spannungsabfall) und Unsicherheit unterscheiden. Mich treibt die Frage um, woher diese Unsicherheit stammen könnte? Personalsorgen, die in meinen Augen unbestritten sind? Fehlender Glaube? Großer Respekt vorm Gegner? Oder wählte Gisdol gar die falsche Taktik? Der letzte Ansatz ergibt für mich noch am ehesten Sinn. Ohne Bobby Wood ist unser Spiel ein ganz anderes. Er kann Bälle festmachen, andere rücken nach und aus diesen Situationen ergaben sich oft unsere Tore. Leider fehlte Bobby am Sonntag, seit zwei Wochen fehlt auch Müller (sehr!) und Kostic ist seit Wochen komplett außer Form.
    Gisdol blieb dennoch bei seinem hohen Pressing (ungewöhnlich hoch im Vgl. zu den letzten Auswärtsspielen) und den hohen Bällen aus der Abwehr. Damit kam eine unglaubliche Hektik ins Spiel, was der sichtbar unsicheren Mannschaft nicht gut tat. Beide AV standen extrem hoch und wurde ständig überspielt, was Wallace zeitweise aus dem Zentrum auf die LV Position zwang…das geschah in meinen Augen ohne Not!
    Gisdols größter Fehler war aber die Einwechslung eines völlig desorientierten PML, der eine der schlechtesten Leistungen ablieferte, die ich in den letzten Jahren von einem Hsv-Profi gesehen habe (und das will was heißen).
    Für mich war es ein klarer Fall von vercoacht und ich laste diese Niederlage einzig dem Trainer und einer miesen Personallage an.
    Erwartungshaltung
    Gidols Äußerungen in der FAS schüren bei mir keine Erwartungshaltung. Bei dir etwa??? Das sind Interviews, wie sie unzählige Trainer tagtäglich geben (müssen) und irgendwas erzählen (sollen). Er spricht von einer Entwicklung, die sie gemacht haben und betrachtet man, wo die Truppe herkommt, ist das auch so.

    Nein, nein, nein! Das kann und darf nicht sein…ich bin da völlig anderer Meinung. Ich lasse den Aspekt „Aussendarstellung“ hier außer Acht, denn er würde Seiten füllen.
    Eine Leistung auf dem Platz muss imA unabhängig von den Aussagen in Medien betrachtet werden. Ich finde es falsch, dass du Holtbys Aussage so herausfilterst: Wie waren denn seine taktischen Vorgaben? Hat MG ihn etwa nach 20 Minuten an den Rand gerufen und korrigiert? nein, vielleicht weil er so spielen sollte? Wir wissen es beide nicht.
    Mein Fazit: wir waren klar die schlechtere Mannschaft und haben verdient verloren. Wir hatten in den letzten Wochen auch das nötige Matchglück, das man sicherlich nicht immer haben kann.
    Ich finde nicht dass du eine Schwarzmalerin bist. Das möchte ich am Ende unbedingt festhalten. Du stellst fest und in vielen Punkten stimme ich zu.

    Jetzt ist der Kommentar sehr lang geworden und eigentlich entstand er primär aus deinem Vorwurf (so habe ich es empfunden) via Twitter, dass ich es mir zu einfach machte und den „MEDIEN“ die Schuld gäbe. Vielleicht konnte ich dies hiermit auflösen, was in 140 Zeichen nicht klappte!
    Liebe Grüße, Jan(von nebenan)
    nurderHSV

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Lieber Jan,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich finde Deine ergänzenden Aspekte sehr wichtig, daher: Prima, dass Du diese hier aufgeschrieben hast. Vielleicht stelle ich noch ein klar, was über Twitter in der Tat ein wenig seltsam rüberkam:
      Im Dialog mit Philipp_HH entstand der Eindruck, dass die Medien in HH erst den HSV hochjazzten und ihn jetzt schon wieder als sicheren Absteigern sähen. Es ist diese Sichtweise, die ich fatal finde, da sie von der Mannschaft und dem Trainerstab ablenkt.

      Und dann noch:
      Taktisch vercoacht – interessanter Aspekt, kann gut sein. Es würde vieles erklären.

      Unsicherheit – ja, auch. Mir fehlte die breite Brust, die aufrechte Haltung, dieser unbedingte Wille, es den Bremern heute aber mal so richtig zu zeigen. So ein Glaube an sich selbst kann auch Berge versetzen. Ich nahm das im Stadion nicht wahr.

      Erwartungshaltung – Meine Kritik bezog sich auf Gisdols sehr geharnischte Antwort auf Frau K.’s Frage nach dem Spannungsabfall. Das war extrem unsouverän, und im Nachhinein behält die Fragestellerin ja Recht. Für mich war dieser Spannungsabfall klar zu sehen! Der Führungstreffer hätte doch zeigen können: Hey, da geht was, lass uns dranbleiben. Genau das passierte aber nicht. Wir standen da im Block und dachten: Das gibt’s doch nicht! Werder kam erst später ins Spiel, das wäre m.E. zumindest herauszögerbar gewesen.

      Holtby – Gerade er sollte sich m.E. besonders zurückhalten. Er (bzw. sein Berater) hat clever einen Vertrag ausgehandelt, Holtby selbst liefert aber konstant nicht. Er läuft wie ein Duracell-Häschen, doch Zählbares kommt nur selten heraus. Seine Position (welche das ist, scheint mir im Spiel immer mal zu schwanken; er ist wohl eigentlich 8er, gibt aber zwischendurch den permanent im Abseits stehenden Stürmer) füllt er aus meiner Sicht mehr schlecht als recht aus. Er könnte doch, wenn es denn unbedingt nötig ist, einfach etwas Nichtssagendes (tolle Mannschaft, toller Geist, blabla) sagen.

      Lasogga – da bin ich absolut Deiner Meinung. Für mich war die Einwechslung auch unverständlich; und was PML ablieferte, empfand ich als Frechheit.

      Entwicklung – Die spreche ich der Mannschaft in keiner Weise ab, wirklich nicht. Aber diese Entwicklung ist eben noch instabil. Das ist ja gar nichts Schlimmes, ich stelle das nur fest. Insofern war es, und auch das steht so da, vielleicht einfach unglücklich, es so vor dem Derby zu sagen. Weil es eben eine gewisse Erwartung auslöst, was m.E. völlig normal ist.

      Nochmals Dankeschön.

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