Ausbildung, Wertbildung, Einbildung – Denkarium (9)

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Mich ärgert ein wenig, dass ich in diesem Jahr noch keine Bücher gelesen habe (und was ich unbedingt ändern möchte), dafür aber auffallend viele Texte – in Zeitschriften, im Netz, in Blogs. Ganz oft beschäftigen mich diese länger, als mir manchmal lieb ist, aber offensichtlich treffen sie bei mir einen Nerv. Nun denn:

Die @LadySparfuxx hat mir einen Text aus der ZEIT in die Twitter-Timeline gestellt:

In dem Text geht es um eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), nach der viele Mütter (fast 40 Prozent) erst drei Jahre nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten möchten, und dann auch nur Teilzeit. Auch mir stellt sich die Frage, wer da eigentlich befragt wurde. Und was sagt uns das über unsere Gesellschaft? Natürlich muss jeder Mensch selbst wissen, wie er sein Leben gestalten möchte, doch für mich ergeben sich daraus die Fragen: Wer soll sich für die Interessen und Anliegen der Frauen im Job und in der Gesellschaft einsetzen, wenn sie sich aus dieser immer mehr zurückziehen und sich darauf konzentrieren, vermeintlich neue „Rentenzahler“ aufzuziehen und ein bisschen was dazu zu verdienen? Von dem daraus häufig entstehenden Abhängigkeitsverhältnis (Partner oder Staat) mal ganz zu schweigen. Warum investieren wir so viel Zeit und Geld in die Ausbildung unserer Töchter, wenn diese (Aus-)Bildung, dieses Wissen, diese Kompetenzen mal ein bisschen hier und ein bisschen dort eingesetzt werden, aber letztlich nicht dort ankommen, wo relevante und weitreichende Entscheidungen getroffen werden – nämlich in den Schaltzentralen der Macht, in denen Teilzeit irgendwie nur schlecht möglich ist? Seufz.

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Ein noch viel größeres und sehr kontroverses Echo hat ein Text der „Süddeutschen“ ausgelöst, auf den ich auch durch Twitter auf merksam wurde:

Die Diskussion dazu zog sich über zwei Tage hin, was ich spannend fand, weil der Wille deutlich wurde, verschiedene Standpunkte zu reflektieren und eine differenzierte Sicht dazu zu gewinnen. Am besten zusammengefasst und wirklich auf den Punkt gebracht hat es Frau Kreis mit ihrem Blogbeitrag. Allerdings: Die Frage, woher denn diese Unlust auf Leistung kommt, blieb in der für mich sichtbaren Diskussion unbeantwortet. Meine These ist, dass bereits in der Grundschule viel verschenkt wird, was wiederum ausdrücklich nicht an den Lehrern liegt. Ich hatte es hier schon einmal berichtet: Das Problem sind die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kinder, wenn sie in die Schule kommen, und die nicht angemessene Reaktion darauf von politischer Seite. Weil nämlich die Grundschule so viel mehr leisten muss, als sie aufgrund ihrer Ausstattung und ihres Personalschlüssels überhaupt zu leisten vermag. Wenn Kinder mit Entwicklungsunterschieden von bis zu vier Jahren in einer Klasse zusammenkommen, dann bleiben wegen der Notwendigkeit, hier Annährung herzustellen, zwingend Lehrinhalte auf der Strecke. Denn die Anstrengungen konzentrieren sich natürlich darauf, jene zu fördern, die am meisten Nachholbedarf haben. Kinder, die diesen nicht haben, laufen halt einfach mit, und deren Eltern werden beschwichtigt, indem man ihnen sagt, dass die Kinder viele soziale (statt inhaltlicher) Kompetenzen erlernen. Das ist gut gemeint, aber damit auch für mich das Gegenteil von gut. Denn: In weiterführenden Schulen werden schon auch Kenntnisse verlangt. Und es nützt für das Abitur wenig, wenn die jungen Leute wunderbar Streit schlichten können und jederzeit darauf bedacht sind, niemandes Gefühle zu verletzen, aber bei einfachsten mathematischen Aufgaben oder den Regeln der deutschen Rechtschreibung und Grammatik versagen. Auch wenn immer mehr Schüler denn je irgendwie ihr Abitur machen: Was ist das noch wert? An den Hochschulen ist man da jedenfalls skeptisch, siehe in dieser Kritik an fehlendem Schülerwissen und dieser Einschätzung zur Studierfähigkeit der Abiturienten. Und ich bin es auch.

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Vom Studium hin zum Berufsleben. Dazu las ich kürzlich einen sehr interessanten Beitrag zum Thema, wie viel Sinn eine Tätigkeit stiften sollte. Es ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit im Job, es geht darum, dass eine Firma nicht dafür zuständig ist, dem Leben des Mitarbeiters durch die Arbeit einen Sinn zu geben, dafür sei er schon selbst verantwortlich. Für mich klingt plausibel, wenn der Autor Volker Kitz sagt:

Jeder darf für seine Arbeit brennen. Doch nur wer es nicht muss, kann wahrhaft zufrieden werden, produktiv und gesund.

Dazu vielleicht eine persönliche Anmerkung: Ich habe für die Tätigkeiten, die ich bisher ausgeübt habe, fast immer gebrannt. Nicht, weil das irgendjemand von mir verlangt hätte, sondern weil das meine Art ist. Ich habe mich immer für das Thema, das ich gerade bearbeitet habe, interessiert – egal, ob es um die allgemeine Zinsentwicklung, Vorfälligkeitsentschädigung, Rückstellungen für Beitragsrückerstattung oder um die Osseointegration eines Zahnimplantats ging. Und ich tue es nach wie vor – für mich ganz allein.

An dieser Stelle der Hinweis auf einen aktuellen Artikel (22.04.2017) im Spiegel: „Ende des Katzbuckelns“. Er ist noch nicht frei online verfügbar, spricht aber ein interessantes Thema an; die These:

Vielen Mitarbeitern fehlt die Courage zum Einschreiten, wenn im Unternehmen etwas schiefläuft. Doch Mut im Job kann man lernen.

Ich hätte dazu eine Gegenthese: Es sind häufig nicht die Mitarbeiter, denen Courage fehlt. Es sind die Vorgesetzten, die die Argumente der Mitarbeiter nicht ernstnehmen. Es ist oft ihre hohe Meinung von sich selbst, ihre eigenwillige Einschätzung der eigenen Kompetenz und natürlich eine Riesenportion Eitelkeit, die verhindert, dass die von Mitarbeitern vorgetragenen Fakten und Einschätzungen zum Tragen kommen. Der Mitarbeiter hat schließlich nicht die Macht, die Entscheidungen entsprechend zu treffen oder zu korrigieren. Und irgendwann das Hinweisen und Mahnen einzustellen, ist m.E. nicht Ausdruck fehlenden Mutes, sondern gelebter Realismus und Selbstschutz.

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Weniger provokant, dafür anregend fand ich den Blogbeitrag von Katrin Hilger zum Thema „perfektes Leben“. Ich finde die Fragestellung ja schon seltsam, weil Perfektion in einem Leben für mich nach Borg klingt, dieser Spezies im Star Trek Universum, die assimiliert, um höchstmögliche körperliche und technologische Perfektion zu erreichen. Will sagen: Ist Perfektion überhaupt ein echtes Lebensziel? Zumal diese ja jeder für sich anders zu definieren scheint. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Wunsch nach Perfektion eher einer der Abgrenzung ist: Wenn mein Leben perfekt ist, deins aber nicht, dann ist meins besser als deins. Und am besten ist die „Perfektion“, für die es die meiste Zustimmung gibt. Für mich ist das eine sehr oberflächliche, daher wenig interessante Betrachtung des Lebens. Für mich geht es nicht um die Perfektion an sich, sondern um die Annäherung an ein Gefühl des Wohlbefindens – und dieses kann in gänzlicher Un-Perfektion im technischen Sinn bestehen.

 

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