Resignation in den Social Media – ein Gastbeitrag

Nachfolgender Beitrag stammt von @herzteddy . Sie hat kein eigenes Blog, doch ihr brennt in Sachen Social Media etwas sehr auf der Seele. Gerne schaffe ich hier Platz für ihre Gedanken:

Neulich scrollte ich mich während einer Datensicherung und dem Kaffee 3.0 nur kurz durch Twitter, blieb an diesem Blogbeitrag hängen und konnte mich dem nicht mehr entziehen. Ich nickte oft zustimmend, weil mir der Text aus dem Herzen sprach.  Mir wurde dabei bewusst: Social Media mit Facebook, Twitter und den Blogs geben mir nicht mehr so viel wie ich das schon einmal empfunden habe. Stattdessen regt es mich auf, ich schüttele oft den Kopf, ich fühle mich in einer komplett anderen Welt. Doch warum ist das so? Der oben erwähnte Blogpost gab mir einen Teil der Antwort: Ich muss sie für mich selbst herausfinden, sie steht nirgendwo. Also begann ich, über mein Problem nachzudenken:

Eigentlich laden Blogs ja ausdrücklich dazu ein, sich zu beteiligen, also zu kommentieren, Anmerkungen zu hinterlassen, Feedback zu geben. Doch ich bin wie MrsCgn dazu übergegangen, nur noch still mitzulesen. Hier und da antworte ich auf persönliche und unverfängliche Tweets und retweete hauptsächlich Tierfotos und Gifs. Blogbeiträge lese ich mittlerweile selten, und wenn, muss mich das Thema schon sehr ansprechen. Neben unverfänglichen Inhalten sind das bei mir die Oberbegriffe „alleinerziehend“, „Vereinbarkeit“, „Kindererziehung“, „Politik“ und „Feminismus“. Diese Mischung ist Teil meines Dilemmas: Diese Themen sind ineinander übergreifend, und in meiner Twitter-Timeline gibt es mittlerweile die unterschiedlichsten Fraktionen, die sich im besten Fall ignorieren und scheinbar mit Scheuklappen ihre Standpunkte “herunterbeten“. Immer wieder muss ich feststellen, dass Diskussionen gar nicht mehr erwünscht zu sein scheinen. Nachzufragen oder gar zu widersprechen ist nicht mehr angesagt. Das wird, wenn überhaupt eine Reaktion kommt, gerne ignoriert oder noch häufiger komplett falsch verstanden .

Ich sehe mich selbst nicht als Ja-Sager, mache aber nicht gleich ein Fass auf, wenn ich eine andere Meinung vertrete. Ich fühle mich auch keiner bestimmten Gruppe zugehörig, und das ist in Ordnung so. Denn: Ich höre mir gerne alle Argumente an, egal, aus welcher Richtung sie kommen. Und ich bin immer bereit, eigene Auffassungen zu hinterfragen und mir, wenn mich Argumente überzeugen, eine neue Meinung zu bilden.

Einbahnstraßenkommunikation

Zwei Beispiele, die mir lebendig in Erinnerung geblieben sind: Ein Tweet, in dem sich beschwert wurde, dass ein Retweet von einer Person in dessen Timline gespült wurde, dessen Einstellungen und Ansichten ja gar nicht gingen. So etwas wollte der Tweeter auf keinen Fall sehen, geschweige denn lesen. Was hat das noch mit Vielfalt und Austausch zu tun? Da wird jemand für seine Einstellung getadelt und zurechtgewiesen, dazu auf eine Art und Weise, die ich persönlich ablehne. Ein zweites Beispiel, das mir selbst passiert ist:  Für einen Account, wir folgten uns schon sehr lange und ich teilte viele Tweets und Blogbeiträge dieser Person, war offenbar ein kleiner Einwand meinerseits der Grund zu entfolgen, ohne nachzufragen oder zu erwidern. Nicht falsch verstehen: Ich verfalle deswegen jetzt nicht in Depressionen, aber dennoch frage ich mich, warum ich überhaupt noch Stellungnahmen abgeben sollte. Wofür? Wenn nur noch Zuspruch und Zustimmung erwünscht ist, wird es doch eher langweilig. Nachfragen und Widerspruch sind unbequem. Andere Ansichten, wenn auch nur in Details, sind unerwünscht und werden kurzerhand aussortiert. Mir scheint, dass die meisten eben in ihrer eigenen Filterbubble, also unter sich, bleiben wollen, man feiert sich und das vermeintliche „Auf-der-richtigen-Seite-Stehen“, und alles ist gut.

Dabei sind gute Diskussionen, die es in meiner Timeline natürlich auch gibt, sehr interessant und aufschlussreich. Sich gegenseitig zum Nachdenken zu bringen, neue Sichtweisen einzunehmen und über den eigenen Tellerrand zu schauen macht unglaublich Spaß und erweitert den eigenen Horizont. Das mag ich und ist ein Grund, warum ich noch da bin.

Themen, die mich dennoch immer wieder aufregen

Eines ist der Feminismus. Aus meiner Sicht wurde unsäglicher Unsinn im Namen des Feminismus in den vergangenen Jahren publiziert, ich las außerdem Belehrungen, wie man sich als Frau zu verhalten hat oder welche Ansichten man sich zu eigen machen sollte. Doch ich weiß: Feminismus hat deutlich mehr Facetten. Der Feminismus, der Frauen immer wieder in Opferrollen steckt und als Lösung Feierquoten anbietet, gibt mir absolut nichts. Mitunter habe ich eher das Gefühl, dass sich ein paar der Damen politisch vereinnehmen lassen und so die eigentlichen Probleme der meisten Frauen auf der Strecke bleiben.

Ein anderes ist die Kindererziehung. Für Erziehungsstile wie „unerzogen“ oder „bedürfnisorientiert“, Langzeitstillen, Familienbett und Co. bin ich wahrscheinlich einfach zu alt. Für mich war einfach immer wichtig, individuell auf meine Kinder einzugehen und ihnen gleichzeitig mitzugeben, sich respektvoll mit ihren Mitmenschen auseinanderzusetzen. Pauschale Vorgaben und Ermahnungen, dass ich den Kindern eventuell Schaden zufügen würde, wenn ich das und das machte, finde ich eher weniger hilfreich.

Dazu gehört für mich u.a. auch das 50-50 Modell. Gibt es wirklich Menschen, die darüber Buch führen, wer was wieviel macht? Ist Gleichberechtigung tatsächlich nur gewährleistet, wenn alles zu jeder Zeit 50-50 aufgeteilt ist? Für mich ein absurder Ansatz. Viel wichtiger ist doch, und da bin ich ganz bei MrsCgn, dass sich alle wohlfühlen und jeder seinen Beitrag leistet, ohne sich gegenseitig aufzurechnen, was der eine dem anderen noch schuldig ist. Bei uns ist es von Tag zu Tag, Woche zu Woche sehr unterschiedlich. Grundsätzlich hat hier jeder, da sind auch die Jungs mit einbezogen, seine bestimmten Aufgaben. Und doch gibt es Tage und auch mal Wochen, in denen das so nicht funktioniert. Da muss dann improvisiert werden, anders eingeteilt und übernommen werden. So hat es sich über die Jahre so ergeben, dass hier jeder jeden ersetzen kann, wenn es mal nötig ist. Meine Söhne können kochen und Wäsche waschen, mein Mann macht auch die Toilette sauber, und ich habe schon Küchen aufgebaut. Wir sind ziemlich zufrieden mit unserem internen Ablauf, und wenn irgendetwas nicht richtig läuft, dann wird darüber gesprochen, gestritten und diskutiert, bis eine Lösung da ist, die für alle okay ist. Dafür brauchen wir keine öffentliche Diskussionen oder Anleitungen.

Ein seltsames Thema, über das ich auch immer wieder stolpere, ist dieser „Genderkram“. Ja, ich meine das so, wie es klingt: Auf der einen Seite der Gender-Mainstream, auf der anderen Seite das Gender-Marketing. Wenn man ein wenig googelt, kommt man auf den Gedanken, dass beides eventuell aus einem ThinkTank kommt. Und da werde ich stutzig. Zu keiner Zeit wurde mit diesem Thema so viel Geld gemacht wie in der jüngeren Vergangenheit. Den Herstellern und Werbern ist es wohl ziemlich egal, ob das Überraschungsei für Mädchen oder das pinke Fahrrad für ein Mädchen tatsächlich für ein Mädchen oder einen Jungen gekauft wird. Auch den Gurken- und Joghurtherstellern ist es mit Sicherheit völlig schnurz, wer die Erzeugnisse isst, Hauptsache, sie werden gekauft. Ist es nicht einfach nur ein guter Werbeschachzug, weil dieses Thema in aller Munde ist und man so (mit Provokation) auch weitläufig bekannt wird? Und die Widersacher, die vor der Hellblau-Rosa-Falle warnen, tragen dazu bei, indem sie nicht müde werden, diese sehr wohl übertriebende Werbung immer wieder anzuprangern. Gleichzeitig verdienen sie aber mit dem gleichen Thema durch Kurse, Vorträge und Bücher Geld. Das nenne ich mal eine Win-Win-Situation aus einem künstlich gemachten Konflikt.

Es fehlt die Ausgewogenheit als Alternative zu den Extremen

Mich stört bei all dem vor allem die Absolutheit der Argumentation – egal, von welcher Seite es kommt. Es gibt nur noch schwarz oder weiß, gut oder böse. Für mich hat die Welt auch andere Farben und andere Eigenschaften. [mehr dazu auch hier und hier, Red.] In allen Bereichen werden nur noch die Extreme gefeiert und Menschen in Schubladen gesteckt, ohne sich in irgendeiner Weise mit seinem Gegenüber auseinandersetzen zu wollen. Mir fehlt in den sozialen Medien das „Dazwischen“, die Auseinandersetzung über verschiedenen Ansichten auf Augenhöhe. Um Lösungen zu finden, müssen meiner Meinung nach alle Standpunkte Gehör finden, aber genau das wird aus meiner Sicht derzeit unterbunden.

Es gibt eben nicht nur Schwarz oder Weiß, dafür oder dagegen. Die richtigen Wege liegen meistens irgendwo in der Mitte. Entgegenkommen und Kompromisse finden und vor allem auch die individuellen Lebenseinstellungen jedes einzelnen einfach aktzeptieren und nicht verurteilen. Das wäre ein Anfang. Stattdessen wird, so empfinde ich das, alles dafür getan, die Fronten zu verhärten. All das trägt dazu bei, dass ich mich mehr und mehr zurückziehe – auch als Leser von Blogs. Und das finde ich irgendwie schade.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Truddel sagt:

    Hi, sehr interessant, Ich selber bin weder auf Twitter noch auf Facebook, aber ich lese manchmal still mit. Dein Post bestätigt meinen Eindruck, dass zumindest auf Twitter kein richtiger Meinungsaustausch stattfindet. Ich war der Meinung, dass dazu die 140 Zeichen nicht ausreichen, aber anscheinend gibt es ja noch mehr, und noch dümmere Gründe. Aber schon allein von meiner Beobachtung von außen her hatte ich immer den Eindruck, man umgibt sich mit Leuten eigener Meinung, für mehr reicht es nicht aus. Ich habe mal auf einen Tweet geantwortet, der wiederum zu einem Blogartikel führte (also geantwortet habe ich auf dem moderierten Blog). Ich habe ausführlich recherchiert, und mit Belegen geantwortet, allerdings kritisch (aber höflich) dem Autor gegenüber. Wurde nicht gepostet. Wozu ist das gut? Wollen die Leute nur im eigenen Saft schmoren?
    Auf Twitter und Facebook wird entweder die Meinung des Autors bestätigt, oder es wird sofort polemisch / beleidigend. Eine sachliche oder auch nur respektvolle Diskussion wird selten geführt (wie gesagt, meine Meinung als Außenstehender).
    Das ist nicht nur Zeitverschwendung, sondern sogar gefährlich.

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