Hurra! Wir leben noch. Mit dem HSV auf Achterbahnfahrt.

Was für eine Erleichterung, was für ein Wahnsinn. Durch ein 2-1 gegen den VfL Wolfsburg gelang dem Herzensverein der direkte Klassenerhalt. Ich war nach dem Spiel fix und fertig, und ich habe mich ehrlich gefreut. Vor allem für die Fans vor Ort, deren aufgestaute Emotionen sich einfach den Raum nahmen, den es dafür manchmal braucht. Einen wunderbaren Bericht zu dem, was die Fans gestern während des Spiels durchmachten, gibt es hier beim Trapper. Was haben die Anhänger nicht nur in dieser Saison mit ihrem Verein durchlitten? Sie wurden Zeuge von zig grausamen Fußballspielen, sie mussten mit ansehen, wie gar nichts mehr ging, wie teilweise Fußball auf Kreisliganiveau gespielt wurde … ich selbst war auch bei einigen live zugegen, es hat zwischendurch sehr weh getan.

Bei mir ist ein Tag nach dem emotionalen Höhenflug wieder etwas Ruhe eingekehrt, und ich stelle fest, dass all die Kritikpunkte, die hier und hier und vielen weiteren Stellen geäußert wurden, nichts von ihrer grundsätzlichen Aktualität eingebüßt haben. Heribert Bruchhagen hat gestern im Interview auch gesagt, dass die Arbeit für die neue Saison quasi heute beginnt. Er werde sich mit dem Trainerstab und Jens Todt zusammensetzen und die nötigen Dinge besprechen. Dafür gäbe es ein paar Ideen, die vor allem in Gesprächen mit Freunden, die es mit dem HSV halten, entstanden sind, also mit dem Trapper und auch mit Daniel Jovanov.

Der Kader passt so nicht

Irgendwie klingt das ein bisschen nach „Eulen nach Athen“ tragen – eigentlich sieht jeder, dass es personell auf dem Platz nicht funktioniert. Nicht umsonst lässt Gisdol den einfachsten aller Spielpläne kick&rush (oder sollte ich besser sagen: kick and rumble) spielen; in diesem Kader passen die (vermeintlichen) Fähigkeiten nicht zusammen. Einzige Ausnahme vielleicht: Die Torwartposition. Ich sehe durchaus, dass Adler Defizite im Aufbauspiel hat, aber er und auch Mathenia haben gut gehalten. Letztgenannter hat für mich den Klassenerhalt zum Schluss sichergestellt. Doch nicht nur spielerisch ist da viel im Argen, auch finanziell. Dass man in Hamburg seit Jahren gegen den Abstieg spielt, aber Gehälter wie ein EL-, wenn nicht CL-Teilnehmer zahlt, kann nicht angehen. Aus meiner Sicht ist das mit einer der Gründe, warum die Situation beim HSV ist, wie sie ist: Da ist unheimlich schnell Selbstzufriedenheit. 539 Minuten Arbeit für etwa 3 Mio Euro – laut Mopo sind das die Eckdaten von Lasogga – können sich sehen lassen und funktionieren so wohl bei kaum einem anderen Erstliga-Verein.

Dazu Auszüge aus einem Gespräch mit dem Trapper und seiner ausdrücklichen Genehmigung:

Trapper: In der Abwehr hoffe ich, dass es gelingt, Papadopoulos zu halten.  [Anm.: Rudi Völler äußerte sich gestern im Aktuellen Sportstudio so, dass er da durchaus gesprächsbereit ist, wahrscheinlich nur eine Preisfrage. Er weiß eben auch, dass da ein Kühne steht, dazu später mehr.] Djourou sehe ich vor dem Absprung. Also fehlt mindestens ein gestandener Innenverteidiger als Backup. Zuätzlich würde ich über Diekmeiers Abgang und Verstärkungen im defensiven Mittelfeld nachdenken. Sakai könnte dann standardmäßig als Rechtsverteidiger spielen, dazu ein kostenkünstiger, beidfüßiger Backup. Ekdal ist mir bislang zu verletzungsanfällig und zu wenig defensiv überzeugend. Für mich ist der wie Holtby ein 8er, nicht Fisch nicht Fleisch. Holtby macht zwar den Gute-Laune-Onkel und ist sehr lauffreudig, aber offensiv kommt viel zu wenig, keine Pässe, keine Assists, so gut wie keine Tore. Auch deswegen fällt der Formaufschwung von Hunt im Spiel des HSV derart auf. Er ist im Mittelfeld fast der einzige, der kreative Pässe spielt. Von allen anderen (Holtby, Ekdal, Ostrzolek, Jung) kommt zu wenig. Bei Walace sehe ich Anpassungsschwierigkeiten, glaube aber an sein Potenzial. Hier muss man beurteilen, ob Porath zur nächsten Saison so weit sein wird, dann könnte man zum Beispiel ohne Ekdal oder Holtby auskommen. Außerdem kann man Lasogga getrost wegschicken. Als Stürmer Nr. 3 viel zu teuer.

MrsCgn: Für mich wäre das weniger ein Nachbessern, sondern ein Ersetzen. Möglichst mit Talenten aus der zweiten Reihe, sprich aus der zweiten Mannschaft oder tatsächlich auch aus der zweiten Liga. Nachbessern klang im ersten Moment für mich anders. Nennen wir es vielleicht: Wir müssen ersetzen durch junge Talente aus der Zwoten.

Trapper: Jan-Fiete Arp oder Knöll oder Jatta für den Offensivbereich/Sturm; Janjicic als Innenverteidiger oder als 6er, Porath im Mittelfeld. Die werden sich nicht alle am Ende durchsetzen. Der eine oder andere möglicherweise doch . Dennoch muss man auch den einen oder anderen gestandenen Spieler dazuholen.

MrsCgn: Dazuholen – genau das wird nicht gehen ohne Geld. Und fände es wirklich gut, wenn der HSV mal haushalten würde!

Trapper: Ja. Auch über Adler muss man nachdenken. Tolle Saison bisher, aber verletzungsanfällig, und an seinem Torwartspiel nagt der Zahn der Zeit. Sein Aufbauspiel … Bei der Marktentwicklung würde ich ein Einfrieren der Kosten bereits als Einsparung bewerten. Zumal man das auch mittel- und langfristig bewerten muss: Der Weggang etablierter älterer Spieler bedeutete Platz für jüngere, die an Wert gewinnen (hoffentlich). Stichwort: Stille Reserven. Ich glaube, dass Bruchhagen stärker auf die Finanzen achten wird als Beiersdorfer. Und Gisdol traue ich zu, dass er den einen oder anderen Jungen tatsächlich hochzieht und entwickeln kann. Was es wirklich braucht, ist endlich Kontinuität und einen überzeugenden Plan. Keine Einkäufe mit der Schrotflinte, sondern gezielt! Wenn man beispielsweise Demirbay heute sieht, könnte man doch verrückt werden, dass er damals keine Chance erhielt. Der war doch schon bei uns!

MrsCgn: Da gibt es keinen Dissens.

Trapper: Wir spielen doch diesen Zerstörer-Fußball mit langen Bällen auch, weil unser Mittelfeld spielerisch zu schwach ist. Bremen hat uns ausGESPIELT. Viel passsicherer, viel schneller kombiniert, kreativer – das war schon schön anzusehen.

MrsCgn: Martin Rafelt von spielverlagerung.de hat das schön gesagt: Bremen spielt ähnlich wie der HSV, nur eben besser und mehr Fußball! Damit ist alles gesagt. Und mir tat es vor Ort weh, das so zu sehen.

Trapper: Diekmeier, Djourou, Lasogga, Bahoui abgeben, dann Holtby oder Ekdal – ebenfalls abgeben. Dann Papadopoulos binden und einen gestanden Innenverteidiger dazu, Janjicic als Backup aufbauen. Einen Rechtsverteidiger als Backup für Sakai und einen gestandenen defensiven Mittelfeld-Spieler dazu. Ich denke schon, dass das fast kostenneutral gehen könnte. Gregoritsch ist für mich mehr 9er als zentral offensiver 10er oder gar Außenbahnspieler. 9 spielt Wood, 10 Hunt. Die Frage bei Gregoritsch und Waldschmidt lautet also: WO sollen die spielen, wo ist deren Perspektive? Eventuell muss man auch hier mal nachdenken … Es fehlt uns grundsätzlich an Tempo. Es fehlt auch an Passgenauigkeit und Kreativität. Und an Stabilität im defensiven Mittelfeld.

MrsCgn: Tempo, Ballnahme, Passgenauigkeit (gegen Werder 66%, gegen Köln 63%!), Kreativität – unterschreibe ich alles.

Trapper: Deswegen sehe ich zum Beispiel Diekmeier inzwischen offensiv sehr kritisch. Keine Flanken und nur „einbeinig“ – das kostet alles Bälle und Zeit,  also Tempo. Derzeit würde ich die linke Seite (Douglas/Ostrzolek)  in Ruhe lassen, auch wenn ich das letztlich ebenso kritisch sehe. Wenn man da was ändern will, geht das auch nach der nächsten Saison. Dann muss das aber besser geworden sein. Die Baustellen sehe ich im Mittelfeld und auf der rechten Seite. Interessanterweise eben nicht im Sturm, obwohl wir mit nur zwei Toren in zehn Spielen gestartet sind.

Die Spielweise muss eine andere werden

Wer einen derart unsystematisch zusammengestellten Kader hat – Bruno Labbadia hat in seinem Interview mit Alexander Bommes sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er mit Beiersdorfers Kaderentscheidungen nicht einverstanden war –, muss sich dann eigentlich nicht wundern, was auf dem Platz dann passiert. Zwar will immer noch nicht in meinen Kopf, wie Profifußballer selbst einfachste Dinge plötzlich nicht mehr können (Ballannahme, Pass zum Mitspieler, Eckbälle, Flanken, Freistöße), aber gut. Oft ist das ja Kopfsache, das konzediere ich gerne.  Daniel hat es in seiner Analyse nach dem Mainz-Spiel gut auf den Punkt gebracht, wir sprachen in der Halbzeitpause dieses Spiels kurz darüber, und man konnte es auch gestern wieder sehen:

Trotzdem war die Meinung weit verbreitet, der HSV habe sich fußballerisch weiterentwickelt. Hat er aber nicht. Man kann furchtbaren Fußball mit extrem vielen Fehlpässen anbieten und trotzdem gewinnen. Das Eine schließt das Andere nicht aus, deshalb ist dieser Sport ja manchmal so spannend. […] Der HSV hat [durchaus] einen Plan, […] leider nur diesen: die Bälle weit nach vorn zu bolzen.

Darauf kann sich eigentlich jede Mannschaft einstellen, den einen gelang das richtig gut (Bremen, Augsburg), andere liessen sich verunsichern (Köln, Hoffenheim). So kann es jedoch auf keinen Fall weitergehen, ich denke, dass es dazu kaum Dissens gibt, auch wenn ich selbst immer wieder sage, dass Fußball nun mal ein Ergebnissport ist. Keiner erwartet Zauberfußball, wie wir ihn bei Mannschaften unter Guardiola gesehen haben. Aber ein Plan B oder C wäre schon mal nicht schlecht. Kick&Rush war einmal, es gibt heute andere, gefälligere und mehr Spaß für die Spieler bringende Wege, um ein Fußballspiel zu gestalten.

Die Geschäftspolitik muss sich ändern

Auch zu diesem Thema ist gefühlt 100x alles geschrieben worden. Der Club hat so ein verdammtes Glück gehabt in den vergangenen Jahren, dass diese vielen Fehlentscheidungen auf oberster Ebene nicht zum GAU, dem Abstieg, geführt haben. Die Ziele von HSVplus, für die ich mich sehr eingesetzt habe, sind aus meiner Sicht komplett verraten worden, die Einkaufs- und Verkaufspolitik unter Beiersdorfer war eine Katastrophe, die Entscheidungen für oder gegen einen Trainer haben die Unruhe weiter verstärkt. Ich fand das Interview, das Marcell Jansen der FAZ gegeben hatte, nicht überzeugend, aber in einem hatte er durchaus Recht: Diese permanente Unruhe im Verein (bzw. in der Fußball Sport AG) trug nicht dazu bei, die Leistungen der Spieler zu verbessern. Man hat es sich als Angestellter des Vereins dann eben eingerichtet: netter Arbeitsplatz, schöne Stadt, sensationelle Fans, pünktliche und reichliche Gehaltszahlung. Wenn ich ein nur mäßig ambitionierter Fußballer wäre – ich nähme es mit. Zumal es ja keinen zu geben scheint, den das irgendwie stört, was für mich der eigentliche Skandal ist. Die Kühne-Millionen fließen, und das freut dann die Spieler-Berater-Gilde, die für ihre Schützlinge Best-Konditionen aushandeln kann. Die Liga dankt es und lacht sich eins ins Fäustchen. Wer ein paar Beispiele dafür braucht: Lasogga, Kostic, Sobiech, Gregoritsch …

Ich teile in dieser Hinsicht übrigens eine Ansicht von Daniel, der auf Facebook einen Beitrag gepostet hat, der hier auf HSV Arena nachzulesen ist (für Nicht-FB-Nutzer).

Was das für die Zukunft bedeutet? Es geht nur so: Mit der Auswahl von guten Talenten, die nicht viel kosten, beim HSV aber ihre ersten Schritte machen können. Um später für mehr Geld verkauft werden zu können. Ich bin überzeugt: Nur so wird der HSV seine Probleme in den Griff bekommen. Und nicht mit neuen Millionen von Kühne, um irgendwelche überteuerten „Stars“ zu verpflichten. Dass das nichts bringt, außer einen Haufen von Verbindlichkeiten und sogar Lizenzproblemen, haben die letzten drei Jahre mehr als deutlich gezeigt.

Ich gebe es ehrlich zu: Ich trauere einem Sportchef wie Frank Arnesen nach – für mich der einzige in der jüngeren Vergangenheit, der kreativ war, der einen Plan, eine Idee und vor allem wirklich Ahnung hatte. Was hätte er mit dem „kalten Hund“ Bernd Hoffmann für den Verein reißen können? Das wäre nicht immer bequem gewesen, aber ganz sicher erfolgreicher als das, was ein Beiersdorfer abgeliefert hat, der sicher vieles kann, aber keinen Sportdirektor, geschweige denn einen Vorstandschef. Es bleibt einfach nur die Hoffnung, dass die Herren Bruchhagen, Todt und Gisdol um die Erforderlichkeiten wissen und endlich mal Entscheidungen treffen, die auf die Zukunft einzahlen, und damit aufhören, immer nur Trouble-Shooting zu betreiben. Das hatten wir jetzt drei Jahre – reicht dann auch.

 

 

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