Mein Fußballwochenende – das volle Programm

Spitzenreiter! Spitzenreiter! Hey! Hey! (c) Matthias Scharf

Die Fußball-Bundesliga ist wieder in vollem Gange, und ich habe mir ein Wochenende gegönnt, das voll davon war. Es ging los am Freitag mit der Partie 1. FC Köln gegen meinen Herzensverein, den HSV, und gestern sah ich live auf der legendären Südtribüne das Spiel der Borussia aus Dortmund gegen Hertha BSC. Witzig, das ich somit zweimal direkt Spiele des aktuellen Spitzenreiters sah.  Das Stadionerlebnis als solches ist aus meiner Sicht – zumindest von den Positionen, von denen aus ich die Spiele sah – nicht für eine detaillierte Analyse der Spiele geeignet. Zu vieles blieb mir verborgen, weil ich es entweder schlicht nicht sehen konnte (Papadopoulous‘ Schwalbe zum Beispiel), oder weil ich durch die Vorkommnisse im Block abgelenkt war. Dazu gleich mehr.

Was ich mitgenommen habe, sind ein paar ganz grundsätzliche Dinge:

Tolle Stimmung im Gästeblock. (c) Tinaaa_we
  • Der HSV hat tatsächlich sehr effizient und streckenweise (!) wirklich Fußball gespielt. Da wurde mal nicht einfach der Ball nach vorne gebolzt, sondern versucht, ihn durch Pass-Spiel nach vorne zu bringen.
  • Die Bereitschaft, wirklich alles zu geben, war jederzeit spürbar. Ich mache das vor allem fest an der schnellen Antwort auf das 1-2-Anschlusstor durch Köln. Man hätte ja jetzt auch mauern können, aber der HSV war mutig und hat einen Konter toll zu Ende gespielt. Das ist ja auch eine Qualität, die wir beim HSV nicht jeden Tag erleben.
  • Die Verteidigung wirkte in vielen Phasen gefestiger als zuletzt. Natürlich ist es für den Zuschauer nicht so attraktiv, aber es ist nicht verboten, der Heimmannschaft den Ball zu überlassen und ihr ein paar Aufgaben zu stellen. Aus meiner Sicht hat der HSV diese Idee gut umgesetzt und durchaus clever agiert. Es begann fahrig, doch mit dem Tor kam diese angesprochene Coolness zum Tragen.
Troche! Hach! (c) MrsCgn

Aus diesen Gründen kann ich nicht ganz nachvollziehen, wenn viele, gerade von der gegnerischen Mannschaft, behaupten, der Sieg in Höhe von 3-1 sei unverdient gewesen. Natürlich hatte der Effzeh keinen guten Tag, vergab ein paar gute Chancen. Die Mannschaft wirkte auf mich teilweise hilflos und verunsichert. Hatte man den HSV vielleicht unterschätzt, sich in der Euroleague-Euphorie ein wenig zu sicher gefühlt? Es war insgesamt kein hochklassiges Spiel, aber keineswegs langweilig. Mit Blick auf die Vergangenheit bin ich da sicher ein wenig milder im Urteil als manch neutraler Zuschauer. Ja, ich fand es wohltuend, „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ zu skandieren, ich fand es lustig, als „Europapokal“-Gesänge angestimmt wurden. Und ich habe es als sehr selbstironisch wahrgenommen, als dann auch noch der Uralt-Klassiker „Wer wird deutscher Meister?“ intoniert wurde. Es gab ein großes Gelächter, und ich finde, dass man gerade in Köln ruhig mal ein wenig auf den Putz hauen kann, so lange hinterher klar bleibt: Das waren hier drei wichtige Punkte gegen den Abstieg.

Fan- und Familientreffen

Wie immer freue ich mich bei solchen Spielen sehr auf die Menschen, die ich dort treffe. Es gab ein schönes Wiedersehen unserer „Sektion Rheinland“, und es kamen noch andere Fans hinzu, die ich schon lange einmal persönlich kennenlernen wollte, etwa den Jan, ein langjähriger Follower und Followee auf Twitter – das war toll!  Wir waren als komplette Familie vor Ort, was sich einfach wunderbar angefühlt hat, auch wenn der Mann und die jüngere Tochter ob der Niederlage ihres Vereins ein wenig geknickt waren. Und dann hatte ich auch noch das Vergnügen,  einen Vordermann im Block zu haben, der das Trikot meines Lieblingsspielers trug. Mehr geht kaum 😉

Der unschöne Moment

Schon beim Betreten des Gästeblocks in Köln wurde mir ein wenig mulmig. Unsere Plätze befanden sich recht nahe an der Grenze zum Fanblock der Kölner Nordtribüne. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass es dort oft hoch herging, und ich sollte mit dieser Vermutung Recht behalten. Beim 0-1 flogen erstmals Becher von der anderen Seite zu uns – wir hatten wirklich Glück, nicht getroffen worden zu sein. Es wurde ungemütlich, denn natürlich ließen sich auch HSVer dazu hinreißen, gefüllte Becher rüberzuwerfen, schlimmstens zu pöbeln und zu provozieren. Es wurde erst ruhig, als tatsächlich Polizei in voller Montur anrückte und einen Teil des Blocks ganz oben räumte. Ich weiß nicht, was da in den Köpfen dieser Leute passiert. Als ob so ein Verhalten auch nur irgendwas ändern würde. Echt traurig.

Die große Show in Dortmund
Ein Blick von unserem Platz auf der Süd rechts oben. (c) Tinaaa_we

Und was für ein Erlebnis dann einen Tag später in einem Stadion, das mit 80.860 Zuschauern gefüllt war und einem einen Gänsehautmoment nach dem anderen bescherte, einfach durch die unfassbar große Zahl an Fans in gelb, die sangen, jubelten, klatschten, hüpften oder auch schunkelten – zum BVB-Walzer, unglaublich. Ich kannte das Stadion ja schon vom Gästeblock aus, was ich auch schon als Erlebnis empfand, aber von der Süd, dieser riesigen Stehplatztribüne, war das noch einmal eine ganz andere Nummer. Uns bot sich ein phantastischer Blick mit einem wirklich guten Überblick. Unweigerlich wurden wir zu einem Teil einer großen Stimmungsmaschine – auch ohne mitzusingen.

Die Menschen um uns herum waren durchweg freundlich, sangen laut und häufig (liebenswert) falsch, pöbelten sehr wenig und genossen sichtlich die Atmosphäre, das Freunde-Treffen, das gute Wetter und natürlich das sehenswerte Spiel. Der Unterschied zum Freitagabend war angemessen groß, Dortmund spielte unter dem neuen Trainer einen sehr feinen Ball.  Teilweise sah das aus wie beim Handball, sehr ruhig und überlegt, allerdings lange sehr linkslastig. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Mannschaft genau wusste, was sie da tut; sie schien zu wissen, dass ihre Chancen kommen und die Tore fallen würden. Davon waren es weniger als es hätten sein können. Berlin tat zunächst erwartbar wenig fürs Spiel, was sich später änderte und zu entsprechenden Möglichkeiten führte.

Es ist ein anderes Fußballschauen, wenn man nicht Fan einer Mannschaft ist. Es bleibt (zumindest für mich) mehr Konzentration für den Sport. So konnte ich erkennen, wie anders die BVB-Spieler die Bälle annehmen (im Vergleich zum HSV) und weiterverarbeiten, wie ballsicher sie sind. Hier breitete sich eine Spielidee aus, das wirkte die meiste Zeit planvoll und diszipliniert. Da war Zeit,  der großen Tochter ein paar Hinweise zu geben, worauf sie achten könnte, wie der Gegner sich verhält, wie sich bestimmte Situationen lösen lassen. Ich fand es so cool, die Leidenschaft für den Sport mit dem eigenen Kind teilen zu können.

Randnotizen

Hinter uns standen einige Fans, die hörbar aus dem asiatischen Raum kamen. Sie flippen komplett, als Kagawa eingewechselt wurde und riefen bei jeder Ballberührung durch Kagawa seinen Namen „Shinji“. Das klang in meinen (europäischen) Ohren extrem liebevoll, und ich hoffe sehr, dass die Fans sich gut amüsiert haben, auch wenn ihr „Shinji“ kein Tor erzielt hat. Ich hatte auf jeden Fall ganz viel Sympathie für die Fans hinter mir.

Tolles Erlebnis in Dortmund. (c) Tinaaa_we

Über 80.000 Leute in so ein Stadion zu bringen, ist ja auch eine logistische Herausforderung. Ich war erstaunt (und erfreut) zu sehen, wie entspannt so was auch abgehen kann. Das lag zum einen an sehr breiten Zugängen, aber auch am zahlreichen Personal, das dort vorgehalten wurde. Das nahm dem Ganzen doch sehr das Bedrohliche. Auch der Weg aus dem Stadion verlief ruhig, ohne einen einzigen Rempler.

Das Bier, das im Stadion ausgeschenkt wurde, schmeckte mir sehr gut – kein Vergleich zum Kölsch vor dem Stadion in Köln, das abgestanden und wässrig ausgegeben wurde.

Seltsam fand ich übrigens, dass tatsächlich ein Zuschauer mit Effzeh-Trikot versuchte, Einlass in den HSV-Gästeblock zu bekommen. Gut, dass es ihm nicht gelang, aber wie dreist kann man eigentlich sein?

Und noch eine: Wenn aus dem Stadion kommt, freut man sich ja doch auch ein wenig auf die Zusammenfassung im Fernsehen. Es geht um den Gesamtüberblick, den Abgleich mit den eigenen Eindrücken, um die Zeitlupen der entscheidenden Szenen (siehe Papadopoulous), um die Frage, wie das Spiel bei jenen ankommt, die es nicht live verfolgen konnten. Und das hat mich dann doch sehr enttäuscht. Sowohl bei Sky als auch im ZDF verzerrte die Berichterstattung aus meiner Sicht das Spielgeschehen. Vielleicht lässt sich das aufgrund diverser Hintergründe nur wenig anders regeln, aber für den Fan fand ich das enttäuschend.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Was ein Wochenende für dich! Deine Analyse des Spiels und den Kommentar zur Berichterstattung teile ich, aber ich sehe es gelassen. Unsere Mannschaft kämpft immer bis zur letzten Minute, nur deshalb sind wir noch in der Liga. Und das ist auch eine Eigenschaft, die man haben muss, wichtiger als Ballbesitz und Passquote.

    Ich wäre gerne in Köln gewesen, alleine für die Atmosphäre und die freundlichen Fans, insofern erstaunt mich dein Erlebnis mit den Bierbechern.

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    1. mrscgn sagt:

      Das mit den Becherwürfen erlebe ich leider nicht zum ersten Mal. Du erinnerst Dich sicher, dass ich das auch schon in HH auf Deinem Platz „erleiden“ musste. Wenn man Kinder dabei hat, nimmt man das noch eine Spur unangenehmer wahr, als es das vielleicht ist.
      Und ja, wir haben Dich vermisst.

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