Frauen in der Gesellschaft: Für eine Perestroika im Kopf

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Ich war eine Abiturientin, als Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU wurde und mit seinen Prinzipien „Glasnost“ und „Perestroika“ (Offenheit und Umgestaltung) anfing, sein Land in ein neues Zeitalter zu führen. Diese beiden Begriffe haben meine politische Haltung sehr geprägt. Mir fiel inbesondere der letztgenannte Begriff wieder ein, da ich in der jüngeren Vergangenheit viele Diskussionen online und real verfolgte, in denen es um die Stellung der Frau in der Gesellschaft ging. Immer mehr wurde mir klar: Wenn hier etwas geändert werden soll, reicht es nicht, mal hier ein Schräubchen (Frauenquote) und mal da ein Schräubchen (Elternzeit für Väter) zu drehen, es braucht einen großen Wurf. Natürlich bedeutet Politik in der Realität das Bohren dicker Bretter, aber ich meine, dass es wichtiger denn je ist, sich stärker für Veränderungen im Kopf einzusetzen. Denn damit fängt es an. So lange die Klischees über die Rolle der Frau gelebt werden, und zwar auch von vielen Frauen, bleibt das Brett dick, anstatt es ein bisschen dünner, sprich bearbeitbarer zu machen. An drei Beispielen wird die Notwendigkeit einer перестройка für mich deutlich:

Entscheidung zwischen Kompetenz und Liebenswürdigkeit

Ich habe vor kurzem einen interessanten Gastbeitrag von Iris Bohnet in der FAZ gelesen. Die Überschrift „Frauen, versteckt Euch“ ist ein wenig irritierend – im Kern ist es ein Plädoyer für anonymisierte Bewerbungsverfahren. Die Vorstellungen davon, wie ein Mann und wie eine Frau zu sein haben, sind so dermaßen tief in der Gesellschaft verankert, dass es einfach schwer ist für Frauen, sich hier durchzusetzen. Bohnet belegt das einleuchtend in ihrem Text. Ein sehr interessanter Aspekt ist dabei dieser hier:

Was bei einem Mann als Unternehmergeist, Selbstbewusstsein und visionäre Kraft gepriesen wird, erscheint bei einer Frau als Arroganz und Selbstinszenierung. Frauen können nicht gewinnen. Wenn sie dem weiblichen Stereotyp von Pflege und Sorge für andere entsprechen, werden sie geschätzt, aber nicht respektiert. Dutzende von Studien zeigen, dass Frauen zwischen Kompetenz und Liebenswürdigkeit wählen müssen.

Und zwar nur Frauen. Männer können sowohl als kompetent und als liebenswürdig wahrgenommen werden.
In meiner Welt habe ich es mehrfach so erlebt, nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei Frauen in meiner (beruflichen) Umgebung. Besonders bitter daran: Dieses urteilende Verhalten legen nicht nur Männer an den Tag, sondern auch Frauen. In Frauenköpfen, auch in solchen, die sich gerne besonders modern und feministisch geben, leben diese alten Muster, diese Stereotypen ganz intensiv weiter. Ich werde nicht vergessen, dass eine Grafikerin (jünger als ich) mal zu mir sagte, dass ich schon sehr bestimmend sei. An einen Mann hätte sie diese Worte sicherlich nicht gerichtet, weil sie von dem genau das erwartet hätte. Oder dass mich eine junge Kollegin fragte, wie ich denn bei meiner vielen Arbeit das mit den Kindern hinbekommen würde – diese Frage hätte sie einem männlichen Kollegen bestimmt nicht gestellt – und es gab in dem Moment männliche Kollegen in meinem Alter mit jeweils zwei Kindern! Und ich frage jetzt auch mal ganz provokativ: Wie viele Väter werden mit der Frage konfrontiert, nach welchen Prinzipien sie ihre Kinder erziehen? Das interessiert einfach niemanden.

Vielleicht braucht es andere, zusätzliche Vokabeln als Kompetenz und Liebenswürdigkeit, um dieses Phänomen präzise zu beschreiben, aber die Aussage bleibt: Frauen können offenbar nicht gewinnen, so lange sich in den Köpfen der Leute, also in der Gesellschaft, nicht endlich etwas ändert. Mein Anteil, das im Kleinen zu ändern, kann nur sein, immer wieder in meiner direkten Umgebung darauf aufmerksam zu machen, es anzusprechen, mich zu wehren. Dass ich dafür, wie Bohnet weiter ausführt, einen gesellschaften Preis bezahle – tja nun. Wenn es denn hilft!

Die Sache mit der schlechten Mutter

Wenn wir schon dabei sind, darüber nachzudenken, welchen Preis man für welche Lebensentscheidung zahlt: Dieses Interview des Schweizer Elternmagazins Fritz & Fränzi mit Mariam Irene Tazi-Preve* war für mich sehr aufrüttelnd.

Keine Frau will eine schlechte Mutter sein – das hat auch der Feminismus nicht geändert. Und die Frau wird alles tun, um dieser Drohung zu entgehen.

Es ist schon ein Ding, dass es gar keine herablassend auf die Frauen blickenden Männer braucht, um jenen Frauen, die auch Mütter sind, sehr schnell ein schlechtes Gewissen einzureden, wennn sie ihr Mutterdasein anders leben als viele es tun, weil sie andere Prioritäten setzen, weil sie Minderheitenmeinungen vertreten … Denn, und das ist das wirklich Traurige an der Sache, mit solchen Diskussionen sehen sich Männer, hier vor allem Väter, eigentlich nicht konfrontiert. Hier legt die Wissenschaftlerin den Finger in die Wunde:

Die Mütter sind immer schuld. Sie werden als Schuldige identifiziert, wenn sie durch Überforderung bei der Erziehung ihrer Kinder – in mancher Hinsicht – versagen, zum Beispiel bei Essstörungen oder Schulproblemen. Väter können etwa als Manager am Ende ihrer Karriere immer noch sagen: Ich habe meine Kinder wegen des Berufs kaum gesehen. Man stelle sich vor, eine Frau sage, sie habe sich leider nicht um ihre Kinder kümmern können.

Genau so sieht’s aus. Es schließt sich übrigens der Kreis zu o.g. Aussage: Wenn sich eine Mutter quasi „wie ein Mann“ verhält, ist sie ganz schnell eine schlechte Mutter. Ich habe mir das eine ziemlich lange Zeit von anderen Müttern einreden lassen, weil ich (typisch Ossi) meine Kinder sehr früh von anderen Personen als der Familie liebevoll betreuen ließ, weil ich darauf bestand, dass die Kinder in ihrem Bett schlafen, weil ich frühzeitig wieder voll arbeiten ging und auch Dienstreisen mit Übernachtungen wahrnahm, weil ich mir erlaubte, den Vater mit den Kindern allein zu lassen, um selbst nach Hamburg zum Fußball zu fahren usw. Nun könnte man fragen, wo denn das Problem sei, wenn ich es doch letztlich so durchgezogen und mich nicht beirren lassen habe. Ganz einfach: Es ist mir schlicht nicht egal, dass hier ständig, vorwiegend von Frauen, mit zweierlei Maß gemessen wird. Wie können Frauen vom anderen Geschlecht Respekt, Toleranz und Anerkennung verlangen, wenn sie es dem eigenen oft genug versagen? Es ist unglaublich anstrengend, in einer beruflich männlich geprägten Welt langsam und in kleinen Schritten Veränderungen zu beginnen, und auf der anderen Seite es mit Frauen (auch kinderlosen) zu tun zu bekommen, die Dich dann fragen: Wie schaffst Du das eigentlich mit Deinen Kindern? Sprich: Was bist Du bloß für eine Mutter?! Die „Schlimme Helena“ hat heute in diesem Zusammenhang einen sehr wahren Satz gesagt:

Es geht nicht darum, von einem Extrem in das andere zu fallen, sondern darum, auch ein bisschen über den Tellerrand zu blicken: Was macht meine Art zu leben mit dem Leben der eigenen Kinder? Welches Vorbild bin ich dabei? Und wie wirkt sich das auf das Leben dieser Kinder aus, wenn sie mal erwachsen sind? Finden die Kinder durch mein Vorbild ihren Weg, ein selbstbestimmtes (!) Leben finden zu können? Eines, das sie nicht abhängig macht von irgendeinem Partner/einer Partnerin, sondern ihnen Freiheiten lässt, zu leben, wie es ihnen gefällt? Die Verantwortung dafür beginnt meines Erachtens im Kopf.

Von der sichtbarkeit als Frau

„Journelle“ hat mit ihrer Replik auf einen Artikel im ZEIT Magazin ähnliche Gedanken formuliert. Nämlich, dass sich Frauen immer noch häufig über ihre Beziehung zu Männern definieren. Frauen bekommen über verschiedene Kanäle immer wieder die Botschaft: Monogame Beziehungen sind das einzig wahre Ziel, Du brauchst einen Mann an Deiner Seite , am besten einen, den auch andere richtig toll finden, und um das zu erreichen, musst Du Dich richtig anstrengen, Dich fit halten, immer perfekt aussehen, koste es, was es wolle:

Denn einen Mann abschleppen kann jede, aber einen Prinzen ein Leben lang zu halten, das ist die eigentliche Aufgabe einer Frau.

Es widert mich so an. Was zur Hölle soll dieser bescheuerte Konkurrenzkampf um Männer? Wieso definieren Männer durch ihre Partnerwahl, was schön und begehrenswert ist? Das fängt ja schon an bei den Medien für heranwachsende Mädchen, für die sich das Tochterkind 1 sehr interessiert, an: „So gefällst Du den Boys“, „Das mögen Boys an Girls“ usw. Hintergrund, und da stimme ich mit Journelle absolut überein, sind wirtschaftliche Überlegungen. Wer das Geld hat, bestimmt. Aber diese Zeiten, verdammt noch mal, sind doch vorbei! Wir Frauen sind heute besser ausgebildet denn je, wir sind wirtschaftlich selbständig, wenn wir es denn wollen. Wir müssen einem Partner nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen gefallen. Zu keinem Zeitpunkt. Und es wäre an der Zeit, dass das in den Köpfen von Frauen auch einmal ankommt. Denn so lange Frauen mitmachen beim Leben althergebrachter Strukturen und Denkweisen, wird es für jeden Politiker schwer, Mehrheiten (!) für ein Konzept zu finden, das Frauen – egal,  ob mit Kindern oder ohne – genau dieses selbstbestimmte, unabhängige Leben ermöglicht.

*Ich hatte schon hier einmal aus einem Beitrag von Frau Tazi-Preve zitiert, der inhaltlich in eine ähnliche Richtung ging.

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