Finanzielle Abhängigkeiten – ein Zwischenruf

am

Gestern Abend wurde ich durch einen Tweet auf einen Beitrag aufmerksam, der auf die Gefahren des Verlustes der (finanziellen) Unabhängigkeit bei Frauen hinweist und vor allem Ratschläge erteilt, wie sich Frauen in dieser Hinsicht am besten verhalten sollten.

Ich habe ihn gelesen, möchte Frau Ziefle aber doch dahingehend widersprechen, all das genauso zu tun, wie es in dem Beitrag empfohlen wird.* Warum, erkläre ich gerne:

  1. Übernimm Verantwortung. – Das unterschreibe ich. Es gilt ganz grundsätzlich, also nicht nur in Beziehungen zu anderen. Für sich selbst ist tatsächlich nur einer der Experte und damit verantwortlich, nämlich man selbst.
  2. Setz Dich mit Deinem Geld auseinander. – Ja. Das bedeutet, auch zu definieren, was mein, was dein ist, insbesondere in einer Ehe. Interessanterweise bedeutet Zugewinngemeinschaft (entspricht der gesetztlichen Regelung, wenn nichts anderes vereinbart ist) ja nicht, dass das Vermögen, das der eine während der Ehe erwirbt, automatisch zum gemeinsamen Vermögen wird. Nachzulesen ist das hier. In diesem Text sind viele Dinge gut erklärt, etwa wie Ehegatten mit dem Vermögen umgehen dürfen und wie nicht. Wichtig finde ich hier diesen Satz: „Danach ist es jedem Gatten untersagt, über sein Vermögen als Ganzes zu verfügen, ohne die Zustimmung des Ehegatten hierzu einzuholen. Hat er ohne Zustimmung einen dahingehenden Vertrag geschlossen, so kann er die eingegangene Verpflichtung nur erfüllen, wenn der andere Ehegatte nachträglich einwilligt. Tut der das nicht, ist der geschlossene Vertrag unwirksam.“ Im Grunde sagt Tipp 2 also das Gleiche wie Tipp 1: Übernimm Verantwortung, sowohl für Dich als Person als auch für Dein Geld.
  3. Sichere Deine Unabhängigkeit. – Ja unbedingt, aber ob es dafür zwingend ein Dreikonten-Modell braucht, bezweifele ich. Das Ganze muss ja auch irgendwie organisierbar und alltagstauglich sein. Unabhängigkeit ist keine Frage der Zahl der Konten, sondern der Möglichkeit, jederzeit auf finanzielle Mittel zugreifen zu können. Und zwar nicht nur zu der Zeit, da einer oder beide erwerbstätig sind, sondern auch danach. Unabhängig bleibt, wer auch im Falle einer Trennung diesen Zugriff hat. Wenn also bspw die Frau in einer Ehe die Berufstätigkeit zugunsten der Familienarbeit aufgibt, so muss das bedeuten, dass der Ehepartner die Altersvorsorge der Frau übernimmt. Und zwar nicht nur symbolisch oder durch Rentenpunkte, sondern ganz konkret durch Überweisung auf ein Konto, in einen Sparvertrag oder was auch immer.
  4. Achte auf eine faire Lastenverteilung. – Unbedingt. Doch aus meiner Sicht sollte die Basis nicht allein finanzieller Natur sein. Nicht entlohnte Arbeit sollte genauso dazu zählen. Gegebenenfalls muss für die unentgeldliche Familienarbeit eben ein Preis festgelegt und hinzugerechnet werden. Das greift vor allem bei Paarbeziehungen, in denen nicht beide in Vollzeit tätig sind.
  5. Denk an später. – Ja, selbstverständlich, wie weiter oben bereits erwähnt. Wer keine Verträge machen möchte, kann auch durch entsprechende Daueraufträge oder andere regelmäßige Einzahlungen den postulierten Versorgungsausgleich vornehmen. Wer einen Vertrag aufsetzt  und darin die Höhe der Unterhaltszahlungen festlegt, sollte bei absoluten Summen vorsichtig sein, weil sich die Lebenssituationen einfach schnell ändern können. Das kann unter Umständen für eine der beiden Seiten sehr nachteilig sein.
  6. Halte Deinen Status Quo fest. – Absolut. Wobei das eigentlich sehr trivial ist. Jede/r sollte über seinen Kontostand informiert sein, unabhängig davon, in welchem Beziehungsstatus er oder sie sich befindet.
  7. Lege Geld zurück.  – Was für eine Empfehlung! Meine These: Die Mehrheit jener, die in finanzielle Abhängigkeit geraten, weil sie genau das nicht getan haben, waren dazu auch gar nicht in der Lage! Zehn Prozent vom Einkommen für schlechte Zeiten, da ist fürs Alter noch gar nicht vorgesorgt. Das muss man sich erst einmal leisten können. Daher gilt: Rücklagen wofür auch immer zu bilden ist keine Aufgabe eines Partners, sondern beider Ehepartner.
  8. Trau Dich zu investieren. – Noch so eine Empfehlung, die aus meiner Sicht an der Zielgruppe in diesem Zusammenhang vorbei geht. Ich bin nicht abhängig, wenn ich mich mit ETFs oder Aktien nicht so auskenne. Diese Welt ist eine arbeitsteilige, ich muss nicht alles selbst können und machen. Ein vertrauensvoller Berater (es gibt übrigens auch kompetente Finanzberaterinnen, an die sich Frauen wenden können) leistet hier unter Umständen gute Dienste. Ich kann aber auch gemeinsam mit dem Partner/der Partnerin entsprechende Investitionen tätigen, etwa über Fondssparpläne u.ä. Das gemeinsame Depot wird bei einer etwaigen Trennung auch durch zwei geteilt.
  9. Such Dir Unterstützung. – Auch das sagt sich so leicht dahin. Ich bin über xing und LinkedIn gut verdrahtet – über finanzielle Dinge würde ich mich in diesen Kreisen nicht unterhalten. Dafür habe ich andere, professionelle Ansprechpartner. Und natürlich meinen eigenen Verstand.

Ich fürchte ja, dass das Problem sich sehr viel früher manifestiert: Der Wert der Unabhängigkeit, auch der finanziellen, wird offensichtlich erst dann sichtbar, wenn sie nachhaltig verloren geht. Junge Menschen, männlich und weiblich, müssen schon viel früher verstehen, was Freiheit, was Unabhängigkeit, was Selbstbestimmung bedeutet. Warum es sich für sie selbst lohnt, diese niemals gänzlich aufzugeben. Aus meiner Sicht geht es dabei auch, aber eben nicht nur ums Geld. Darum finde ich Befragungsergebnisse wieder diese hier in der Schweiz oder Tendenzen wie in diesen Tweets beschrieben sehr alarmierend:

Da erfährt ein Lebensmodell Zuspruch, das Frauen nicht nur in die finanzielle, sondern vor allem auch emotionale Abhängigkeit führt. Dass das nicht abschreckt, ist für mich nicht nachzuvollziehen, was ich hier auch schon einmal thematisiert hatte. Ich sehe daher die Eltern gefordert, den Kindern (also den Jungen und den Mädchen) den Wert der Unabhängigkeit, der Eigenständigkeit nahe zu bringen. Ich finde, das ist auch eine Frage des Selbstwertes.

 

*All das gilt übrigens auch für Männer. Mir hat erst neulich ein älterer Mann, dessen Frau vor ein paar Jahren verstorben war, erzählt, welch große Umstellung es für ihn war, weil seine Frau alles Finanzielle geregelt hat.

Hier ist Platz für Ihre Gedanken. Bitte beachten Sie dazu, dass Wordpress bei Kommentaren Ihren gewählten Namen (Pseudonym) sowie Ihre IP-Adresse aus rechtlich erforderlichen Gründen speichert. Kommentieren Sie also bitte nur, wenn Sie damit einverstanden sind. Herzlichen Dank.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.