Dieses Schulsystem schafft mich

Seit einiger Zeit gehe ich mit diesem Thema schwanger. Schule und die Menschen darin. Dieses System, gegen das sich als Mutter so richtig gar nichts ausrichten lässt, auch wenn man gute Argumente hat. Diese Mühle, die Menschen verschleißt, die es können und ehrlich gut meinen. Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit betrübt und erzürnt mich. Ich weiß manchmal wirklich nicht, wohin mit all meiner Wut, meinem Mitgefühl, meiner Sorge, meiner Ohnmacht.

Das Eititei der Grundschule

Anlass für diese ganzen Gefühle waren mehrere Begegnungen mit diesem unseren Schulsystem. Tochter Nummer 2 wechselt im kommenden Jahr auf die weiterführende Schule, und damit sind Elterngespräche verbunden. Da in NRW die Eltern immer das letzte Wort haben, an welcher Schule sie ihr Kind anmelden, erschließt sich mir der Sinn solcher Gespräche nicht, wenn man keinen Beratungsbedarf hat – wie wir zum Beispiel. Statt der Frage, welche Schule denn geeignet wäre, diskutierten wir wieder einmal darüber, wie wenig die Grundschule auf die weiterführende Schule, besonders auf das Gymnasium (hier kann ich mitquatschen) vorbereitet. Es beginnt beim Erlernen der Schriftsprache und hört beim Verzicht von Hausaufgaben auf. Ich habe mich dazu zum Beispiel in diesem Beitrag oder auch in diesem Post schon zur Genüge ausgelassen und will das nicht wiederholen. Weitere Leseempfehlungen finden sich hier und hier. Auf meine Kritik an dem Konzept, das Schreiben nach Gehör zu erlernen, bekomme ich immer wieder zu hören, dass ich das Konzept ja nicht verstanden hätte.

Im Grunde bin ich aber mehr wütend auf mich selbst als auf die Lehrerin. Sie kann wahrscheinlich nicht anders, ist zutiefst von diesem Konzept überzeugt, umgibt sich mit Menschen, die diese Überzeugung teilen – die Erwachsenen, die bei ihr gelernt haben, kennt sie ja (noch) nicht. Gymnasiallehrer, die den Kopf schütteln, nimmt sie nicht ernst. Ich mache mir Vorwürfe, weil ich vertraut habe. Weil ich vertrauen wollte. Ich hätte stattdessen von Anfang an zu Hause eingreifen müssen. Ich hätte nie dulden dürfen, dass das Kind Geschichten voller Fehler schreibt und die ich daher so gut wie nie verstanden habe. Ich hätte mich mit ihr hinsetzen und ihr alles erklären sollen – mit anderen Worten: Hier hätte Schule 2.0 stattfinden müssen. Aber ist es nicht traurig, dass ich in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft das Kind zusätzlich selbst unterrichten muss, damit es logisch und nach neurophysiologischen Erkenntnissen passiert (also gleich richtig lernen, anstatt erst falsch und dann korrigieren)? Ist es nicht schade, dass die Grundschule immer mehr zu einem Kindergarten mit anderen Mitteln „verkommt“, anstatt anders zu sein und die Kinder wirklich auf das vorzubereiten, was sie „draußen“ erwartet? Das Stichwort heißt: Sie in die Lage zu versetzen, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Zumindest die Grundlagen dafür zu legen. Die Lehrerinnen und Lehrer werden immer sagen: Das tun wir doch. Ich sage: An den beiden Schulen, die ich hier kennenlernen durfte, habe ich in dieser Hinsicht Zweifel.

Das Hamsterrad am Gymnasium

Wir sind natürlich zum Informationsabend des Gymnasiums gegangen, auf das wir unsere jüngere Tochter schicken möchten. Zwar kennen wir es, weil die ältere Tochter dort schon ist, aber es galt ja, einige wichtige Informationen zu erhalten, etwa die, ob die Schule nun bei G8 bleibt oder zum G9 zurückkehrt. Sie haben sich für letzteres entschieden, was zu einem spontanen Applaus der zahlreich erschienenen Eltern führte. Die Schule hat sich an diesem Abend wirklich ins Zeug gelegt, es hat mich beeindruckt, obwohl ich die Schule kenne. Einige Lehrer haben ihre Fächer vorgestellt, und sie taten das in einer unglaublich erfrischenden Art und Weise. Ich glaube, alle Eltern, die dort waren, wollen jetzt, dass ihr Kind Latein lernt – die Lehrerin hat das sensationell gut vorgetragen und besonders um Schlaubischlumpf-Kinder geworben (sie hat von Besserwissern und altklugen Kindern gesprochen, das fand ich zu negativ, dabei meinte sie es ja nett) – was haben wir gelacht. Das von der Schulleiterin postulierte Engagement des Kollegiums nahm ich den Anwesenden ab. Wirklich. Die Lehrer und Lehrerinnen standen für alle Fragen zur Verfügung, antworteten geduldig und freundlich – das war einfach eine sehr schöne Erfahrung.

Jetzt kommt das kleine Aber: Für all die tollen vorgestellten Ideen hat die Schule nicht immer ausreichend viel Personal. Ich weiß das, weil ich die alltägliche Realität an der Schule zumindest in Teilen kenne. Es fällt immer wieder Unterricht aus, manche Konzepte wie die so genannte „individuelle Wahlarbeit“ befinden sich noch in der Erprobungsphase und funktionieren noch nicht so richtig, wie die Leiterin des Projektes per Mail zugab. Ich mache ihr keinen Vorwurf, es kann ja nicht alles gleich klappen. Und dafür, dass für die vielen guten Ideen einfach manchmal das nötige Personal fehlt, kann sie ja nichts. Dass Lehrer heutzutage sehr viel mehr leisten müssen als sie eigentlich in der Lage sind umzusetzen, hatte ich hier schon einmal thematisiert.

Zu viel Administrationskram

Was mich zu meinem nächsten Punkt führt. Ich war zum zweiten Mal bei einer Fachschaftskonferenz (Deutsch) dabei, und das fand ich außerordentlich spannend. Viele Deutschlehrer der Schule waren anwesend, und sie nahmen engagiert an dieser Sitzung teil. So selbstverständlich finde ich das durchaus nicht. Doch was mich ehrlich erstaunte: Lehrer sind mit so unfassbar viel organisatorischem Kram befasst, dass ich mich frage, wann sie sich um ihren eigentlichen Job kümmern (können) – und sie unterrichten ja nicht nur ein Fach. Zig Listen gilt es zu führen für zig Projekte (Poetry Slam, Vorlesewettbewerb, Kurzgeschichten-Wettbewerb), Curricula zu schreiben (das sind Papiere, in denen das Konzept der Lehr- und Erziehungsmethoden und -zielsetzungen einer Bildungseinrichtung festgehalten werden), Unterlagen für die individuelle Wahlarbeit zusammenzustellen und Erwartungshorizonte für die Klassenarbeiten zu formulieren. Die Schulleiterin fordert das ein, da sie selbst ausgewählte Arbeiten und deren Bewertung prüfen muss. Das führte zu einer sehr lebhaften Diskussion, in der auch wir beiden Elternvertreter um unsere Meinung gebeten wurden! Ich erlebte darin gerade einen Lehrer als sehr empathisch und kompetent. Er erklärte beispielsweise, dass es ihm bei Textanalysen gar nicht zwingend auf das Ergebnis ankommt, sondern darauf, dass die Techniken richtig angewendet werden. Wenn ein Schüler ihm anhand von Textbeispielen ein anderes Ergebnis schlüssig darlegen könnte, führte das in keiner Weise zu einer Abwertung. Hintergrund war meine Frage nach der Richtigkeit von Gedichtinterpretationen, bei denen ich mich schon immer gefragt habe: Woher wollen wir denn wissen, was der Dichter gemeint hat?

Ich wünschte mir einerseits öfter solche inhaltlichen Diskussionen, weil es mir hilft, vieles besser zu verstehen. Andererseits wünsche ich mir sehr viel mehr Personal in den Schulen, auf dass all die guten Ideen, die dort ja bestehen, auch umgesetzt werden können. In einer idealen (und somit völlig unrealistischen) Welt teilen sich an der Schule zwei Arten von Professionen die Arbeit: Die Projektmanager/Administratoren und die Lehrer. Für letztere hätte ich gerne strenge Eignungsregeln, die es verhindern, dass Menschen auf unsere Kinder losgelassen werden, die die Kinder drangsalieren und so was wie „was schreibt Ihr hier für eine gequirlte Scheiße … Ihr seid das Schlechteste, das ich je erlebt habe“ verhindern. Und die erstgenannte Gruppe hätte ich gerne, um die guten Lehrer ihren Job machen zu lassen. Denn den scheinen viele an der Schule unserer Tochter sehr gerne auszuüben. Bei aller Kritik an Lehrern: Das in der jüngsten Zeit häufiger so erlebt zu haben, freut mich wirklich.

Nachtrag für Eltern – für mich

Nun hat meine Hilflosigkeit gegenüber dem Schulsystem, das ich grundfalsch finde (ich komme aus dem Osten und favorisiere das System von der Struktur her, nicht inhaltlich), ja auch einen Grund. Einer könnte sein, und daran erinnert dieser streitbare Beitrag von Margrit Stamm in der NZZ, dass ich als Akademiker-Mutter extrem hohe Erwartungen an meine Kinder habe. Da ist sicherlich etwas dran, und ich gehe damit durchaus selbstkritisch um, doch geht es mir gar nicht so sehr darum, immer nur auf messbare Leistungen zu bestehen. Meine Überschrift heißt wie oben erwähnt: Selbstbestimmung. Ich möchte, dass meine Kinder ein selbstbestimmtes Leben führen können. Und dazu brauchen sie ein gewisses Rüstzeug. Wenn sie das nicht haben, werden andere über sie bestimmen, sie werden abhängig. Nun lässt sich darüber streiten, worin dieses Rüstzeug besteht. Ich denke, dass Konsens dazu besteht, dass das Beherrschen der Muttersprache dazu gehört. Sicheres Rechnen. Das Wissen um bestimmte physikalische, chemische und biologische Zusammenhänge (Wetter, Ernährung, Fortpflanzung, um einfach mal simple Beispiele zu nennen). Ich habe einfach die Sicherheit, die Überzeugung oder besser: das Vertrauen verloren, dass die Schulen hier ihren Auftrag zur Gänze erfüllen – erfüllen können.

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