„Das diskutiere ich nicht mit Ihnen!“

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Hätte ich über diesen Satz, den mir eine Grundschullehrerin um die Ohren gehauen hat, vor zwei oder vier Tagen geschrieben – es wäre ein fürchterlicher, vielleicht sogar beleidigender Rant geworden. Heute bin ich ein wenig ruhiger, reflektierter, doch es bleibt schwierig. Es geht um die Kommunikation mit Lehrern, ganz besonders mit GrundschullehrerInnen. Dabei ist der Sach-Anlass gar nicht entscheidend, denn das, was mir in dieser Woche widerfuhr, erlebte ich nicht zum ersten Mal. Es ist wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“: An einer bestimmten Stelle drückt einer die Reset-Taste, und alles geht von vorne los. Und zwar so:

Lehrer/INNEN wollen nicht mit Eltern reden

Das Kind kommt nach Hause und berichtet von der Schule, von dem, was die LehrerInnen so gesagt oder entschieden haben, von Kindern, die andere Kinder ärgern, von Einladungen zu Elternsprechtagen. Der nächste Schritt heißt dann: Ich mache einen Termin aus und gehe in die Schule zum Gespräch – entweder in kleiner Runde (KlassenlehrerInnen, ja, es gibt derer zwei) oder auch in großer Runde inklusive Schulleitung. Diese Gespräche haben dann auch immer einen ähnlichen Verlauf. Ich werde gefragt, was ich besprechen möchte, oder auch ganz direkt: „Frau S., was ist eigentlich das/Ihr Problem?“.  Worauf ich genauso konsequent immer danach frage, warum bestimmte Dinge so veranlasst wurden, wie sie veranlasst wurden, ich hätte gerne eine Erklärung. Das sind dann so Fragen danach,

  • … warum Kinder erst in der dritten Klasse lernen, einen Füller zu benutzen,
  • … warum eine Arbeit nach völlig neuen Kriterien bewertet wurde (ich wollte keine Note korrigiert haben, sondern die Bewertung verstehen),
  • … warum eine Arbeit komplett neu geschrieben wird (da passte dem Lehrer das Ergebnis nicht),
  • … warum eine Sitzordnung gewählt wird, die vorsieht, dass Kinder direkt auf eine Wand schauen (alternativ aus dem Fenster), was zur Folge hat, dass sie sich komplett drehen müssen, um das Geschehen im Klassenraum mitzubekommen,
  • … warum in der Grundschule grundsätzlich keine Hausaufgaben aufgegeben werden, in der weiterführenden Schule wäre das absolut üblich,
  • … warum man weiter am „Schreiben nach Gehör“ festhält, obwohl sich zeigt, wie schwer es ist, einmal erlernete Muster (nämlich etwas falsch zu schreiben) wieder zu korrigieren.

Das sind nur ausgewählte Beispiele, die ich mir erklären lassen wollte mit dem primären Ziel, es zu verstehen. Sekundäres und mir natürlich ebenfalls wichtiges Ziel war immer, gegegebenfalls zu argumentieren, um zum Nachdenken und ja, auch zur Veränderung anzuregen. Ich habe dafür ziemlich viel Aufwand betrieben, recherchiert, Studien herausgesucht, von Erfahrungen in anderen Bundesländern berichtet (in unserer Familie gibt es eine Grundschullehrerin, die in Sachsen tätig ist). Hat niemanden interessiert. Stattdessen bekam ich immer diesen Spruch hier zu hören:

Womit sich eigentlich jedes weitere Gespräch erübrigt. Ich suchte Erklärungen und bekam so etwas:

  • „Das wurde auf der Schulkonferenz so beschlossen.“
  • „Mit welcher Begründung?“
  • „Das hat eine Kommission so vorgeschlagen, und es wurde so beschlossen.“

Ich wollte, dass dieses „Schreiben lernen nach Hören“ wenigstens in der zweiten Klasse aufhört, und erhielt als Antwort: „Sie haben das Konzept eben nicht verstanden.“ Und so weiter. Es gab und gibt keine Erklärungen, denn: „Das diskutieren wir nicht mit Ihnen.“

Die ohnmacht der Eltern

Ich frage mich noch heute, wie naiv ich sein konnte, mich überhaupt auf diese Gespräche einzulassen? Wie gutgläubig musste ich gewesen sein, einfach zu vertrauen, was ich ja wirklich versucht habe. Ich bin offenbar immer noch von einem sehr idealistischen Gedanken getragen: Ich will das Beste für mein Kind, ich setze mich für es ein, ich rücke den LehrerInnen auf den Pelz, damit sich gegebenenfalls etwas ändert, verbessert – nicht nur für mein Kind, sondern für alle. Jetzt, nach fast acht Jahren Grundschule, bleibt nur die bittere Erkenntnis: Ich bin ohnmächtig. Komplett ohnmächtig. Ich habe keine Chance, auch nur irgendetwas zu bewirken. Ich habe vielleicht an der ein oder anderen Stelle zumindest Aufmerksamkeit schaffen und für das eigene Kind eine erträgliche Lösung herbeführen können, doch letztlich habe ich vor allem meinen Ruf als renitente, unbequeme und nervige Mutter zementiert. So was kümmert mich wirklich überhaupt nicht, aber dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, des Nichts-Ändern-Könnens macht mich fertig. Ich gebe das Teuerste und Liebste, das ich habe, in die Obhut von Menschen, die mir sagen, dass sie das, was sie mit meinem Kind machen, mit mir nicht diskutieren würden. Wenn es mir nicht passte, könnte ich ja eine andere Schule wählen. Dass ich all das, was mir „nicht passt“ erst erfahre, wenn das Kind schon mal auf der Schule ist und es nicht so furchtbare viele echte Alternativen gibt – das diskutieren wir nicht.

Früher war es noch so, dass es galt, den aufmüpfigen Geist der Kinder zu brechen, was bei mir selbstredend nicht gelang und mir nicht immer zum Vorteil gereichte. Heute geht es darum, den Drang der Eltern, in der Schule mitzureden, zu unterbinden oder, wie in meinem Fall, zu brechen. Man diskutiert eben nicht mit mir.

Mich hat das kürzlich in seiner geballten Form so wütend gemacht, dass ich anfing, hier rumzuschreien, schließlich Schuhe anzog und hier im Treppenhaus die Treppen hoch- und runtergerannt bin. Mit dem Ergebnis, mach danach heftigst zu übergeben und völlig erschöpft auf dem Sofa einzuschlafen. Zwei Tage später gleich ein Migräne-Anfall, ebenfalls mit Erbrechen, hinterher. Wenn ich etwas so richtig zum Kotzen finde, muss das halt raus. Meine Mutter hat schon Recht: Mir geht das sehr nahe. Mir will einfach nicht in den Kopf, wie man sich völlig klaren Zusammenhängen so dermaßen verschließt, wie man so überhaupt nicht bereit sein kann, sich auf Bedenken und Vorschläge von Eltern einzulassen, wie man sich so konsequent einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Eltern verweigert. Was spricht dagegen, sich zu erklären und zumindest Teile der Elternwünsche zu berücksichtigen? An den Gymnasien geht das doch auch: Hier durfte ich einer Sprachlehrerin vorschlagen, das „Wie lerne ich überhaupt Vokabeln?“ durchaus noch einmal zu thematisieren. Hier fordert die Deutschlehrerin auf, Lektüre-Vorschläge zu machen, hier erklärt ein Deutschlehrer Erwartungshorizonte. Das begeistert mich.

Lehrer/innen sollten ihren Horizont öffnen

Allen GrundschullehrerInnen, die das hier vielleicht mal lesen, möchte ich gerne sagen: Ich bin nicht Euer Feind. Ich habe größten Respekt vor Eurer Arbeit, ich kann nur erahnen, wie schwierig es ist, extrem heterogene Klassen angemessen zu unterrichten. Gerade deshalb finde ich es so wichtig, die Eltern mit ins Boot zu holen. Sagt Ihnen, wie sie zu Hause unterstützen können. Seid offen, wenn sie Euch Feedback geben, was mit den Kindern an den weiterführenden Schulen passiert, und überlegt Euch, wie Ihr den Übergang besser vorbereiten könnt – gemeinsam mit den Eltern. Hinterfragt pädagogische Konzepte, wenn sie von irgendwelchen Kommissionen vorgetragen werden, und werdet kreativ, um sie nicht dogmatisch, sondern gewinnbringend für die Kinder umzusetzen. Seid Euch dessen bewusst, dass Ihr diejenigen seid, die wichtige Grundlagen für das weitere Schulleben der Kinder legt – was Kinder hier versäumen, können sie später kaum wieder aufholen, dafür ist an den weiterführenden Schulen einfach keine Zeit. Tauscht Euch mit Kollegen aus anderen Bundesländern aus, schaut Euch Unterricht anderswo an, zum Beispiel in Sachsen, wo gute Erfolge auch mit Frontalunterricht erzielt werden. Dass Ihr diesen hier in Köln so verteufelt, hat sich mir nach fast acht Jahren Begleitung von Grundschulkindern immer noch nicht erschlossen.

Mir geht es nicht darum, dass die Kinder bei Tests wie Pisa und Vera künftig besser abschneiden. Ich möchte einfach nur, dass Kinder einen großen Teil des Rüstzeugs mitbekommen, das ihnen später ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben ermöglicht. Dazu gehören das sichere Einmaleins und eine Rechtschreibung, die Texte verständlich werden lässt. Darüber, liebe GrundschullehrerInnen, solltet Ihr diskutieren. Und wenn es um meine Kinder geht – unbedingt mit mir!

 

 

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