Wo ist Be(h)le(k)? oder: Schnee, der am Treudelberg fällt

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Nachdem sich gestern das nach Belek verlagerte Trainingslager als Ente entpuppt hatte, verfolge ich nun mit einer Mischung aus frecher Neugier und versteckter Scham die weiteren Ereignisse um den HSV in Hamburg. Da ich aufgrund anderer Verpflichtungen nicht persönlich vor Ort investigativ recherchieren kann, hat diese verantwortungsvolle Aufgabe mein kompetenter Hamburger Korrespondent, dessen Name nicht genannt werden darf, übernommen. Hier sein heutiger Bericht:

Eine trügerische Idylle schwebt über dem Anwesen. Mitten im Naturreservat Alstertal gelegen, erhebt sich das Steigenberger Hotel Treudelberg in Hamburgs Norden, welches der HSV als Symbol der Hoffnung zur Unterkunft für sein Kurz-Trainingslager auserkoren hat. Ein 27-Loch Meisterschaftsgolfplatz präsentiert sich direkt in Sichtweite, und von den Suiten der Spieler bietet sich in diesen Tagen ein Anblick, der den Menschen hier im Norden nur sehr selten geschenkt wird: Schnee, der die Landschaft bedeckt wie die Umarmung eines längst vergessenen Freundes. Ungewohnt, und doch seltsam vertraut.

Anstatt der Sonne Beleks nun also Schnee in Treudelberg. Gerüchten zufolge bestand Trainer Bernd Hollerbach auf diese Örtlichkeit, da er davon ausging, einen tatsächlichen Hügel für Steigerungsläufe vorzufinden. Doch nun dies: Plattes Land, wohin man blickt.

Verstohlen bahne ich mir meinen Weg zwischen Sandbunkern, künstlichen kleinen Tümpeln und Lochfahnen hindurch. Ich fühle mich wie einst die Alliierten bei der Landung in der Normandie, sacke immer wieder in den Sand und feuchten Schnee ein, und so wie damals spüre ich zwischen all der Kälte und Verlorenheit ein Kribbeln, ein sanftes Beben in der Luft, mit Hoffnung auf etwas Besseres versetzt. Ich greife in meine Tasche und merke, dass es sich nur um den Vibrationsalarm meines Handys handelt. Aus meinen Gedanken gerissen, stapfe ich weiter und werfe mich erschrocken zu Boden, als ich plötzlich einen Schrei und ein merkwürdiges Sirren vernehme. Neben mir spüre ich einen Einschlag. Ein Schneeball, der, um einen leeren kleinen Flachmann geformt, ein veritables Wurfgeschoss abgibt, hat mich nur knapp verfehlt. Verschreckt versuche ich im Schneegestöber etwas zu erkennen, als ich in der Ferne eine fahle Gestalt auf dem Balkon im 3. Stock des Hotelgebäudes erkenne. Es ist Heribert Bruchhagen, welcher sich offensichtlich zum nächsten Wurf anschickt und mir über den Platz etwas wie „Verstecken kannst du dich nicht, du kleine Dreckschleuder“ zuruft. Bruchhagen mag vergeben, vergessen tut er nicht. Zu tief scheint der Schmerz über die negative Berichterstattung zu sein, welche den HSV seit Monaten umgibt. Aber auch ich mache nur meinen Job.

Kriechend und nass bis auf die Haut erreiche ich das hohe Eingangstor, welches den Platz vom Hotelgelände trennt, fast so, wie die Mauern von Minas Tirith im „Herrn der Ringe“ als letzte Bastion der Verteidigung gegen die Horden von Orks fungierten. Ich fühle mich mich irgendwie auf der falschen Seite. Trifft uns Journalisten eine Mitschuld an der Misere? Ich greife fest in den Schnee, forme daraus eine Kugel, nehme Anlauf und werfe sie in Richtung des immer noch fluchenden Bruchhagens, dessen Schimpftirade urplötzlich verstummt. Ich habe meine Antwort gegeben.

Ich bahne mir meinen Weg weiter um dass Gelände. Plötzlich erkenne ich, nur knapp 20 Meter entfernt, im Innenhof eine weinende Gestalt, die, vor dem Mannschaftsbus hockend, leise vor sich hin schluchzt. Es ist Janjicic, der, ob seiner nächtlichen Fahrt ohne Führerschein im Suff noch suspendiert, offenbar dazu eingeteilt wurde, das Gefährt, nur mit einer Zahnbürste und Kernseife ausgestattet, zu reinigen. Ohne Mütze. Und Schuhe. Und Socken. Und Verstand.

Es sind raue Zeiten dieser Tage im und um den Volkspark. Doch der Schnee, er wird weiter leise fallen am Treudelberg, auch wenn der letzte Dino längst verschwunden ist.

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