Werden die Menschen immer gleichgültiger?

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Neulich war ich beim Friseur. Ich gehe dafür in einen bestimmten Laden in unserem Veedel. Samstags ist es wichtig, ein paar Minuten vor der Öffnungszeit da zu sein, um nicht zu lange auf der Wartebank zu sitzen, denn: Samstags wird’s voll, wenn es am Monatsanfang ist, noch voller, es gab ja Geld. Wir waren also überpünktlich dort, guckten mal rein und entdeckten ein junges Mädchen, das sich die Haare machte. Als Stammkundin wusste ich natürlich, wer da in aller Ruhe das Glätteisen durch die eigenen Haare zog, sich vor dem Spiegel drehte und sich sichtlich gefiel. 9 Uhr, die Tür wurde geöffnet. Was ich dann sah, haute mich wirklich um: Überall lagen geschnittene Haare, Haarföns steckten an allen „Arbeitsplätzen“, auf den Tischen Krümel und Haare, die sonst weißen Haarwaschbecken waren schwarz – offenbar haben sie mehr Farbe abbekommen als sie sollten. Würde ich dort nicht von einer der besten Friseurinnen, die ich je hatte, betreut werden, hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Raus aus diesem dreckigen Laden. Diese meine Friseurin kam dann zu mir, erzählte etwas von einem extremen Arbeitstag zuvor, sie hätten nicht mehr aufgeräumt, wollten das eben am Samstag vor Öffnung des Salons erledigen.

Tja. Das ging irgendwie gründlich schief. Ich schnappte mir kurzentschlossen selbst einen Besen, denn ich wollte mich nicht in olle abgeschnittene Haare setzen. Während sich das eine Mädel mit den schon geglätteten Haaren um die anderen Kunden bemühte und nach Kaffeewünschen fragte, turnte die nächste Auszubildende vorm Spiegel, strich sich die Haare in Form, zog die Hose straff und schaute suchend nach meiner Friseurin, die ihr sagen sollte, was zu tun sei. Auf die Idee, einfach mal einen Besen in Hand zu nehmen, durchzukehren und die Föne einzusammeln, kam sie erst, als ich meine Farbe schon längst auf dem Kopf hatte.

Ich bekam dann nun auch die Haare geschnitten, und dabei erzählte mir meine Friseurin folgendes: Im Salon gäbe es seit kurzem von einem anderen Hersteller die Haarfarben. Das ist jetzt nichts Besonderes, passiert bestimmt auch öfter, aber dieses Mal sahen die Farben häufig auf den Köpfen anders aus als in den Musterbüchern. Auch das kann passieren, die Frage ist dann immer: Wie gehe ich als Friseur damit um? Meine Friseurin ist immer sehr besorgt und lässt niemanden gehen, der unzufrieden ist. Und so erfuhr sie von ihren Kundinnen, die von Kolleginnen „versorgt“ wurden. Komplett falsche Farben landeten da auf Köpfen, und es war dem Personal egal, komplett. Sehr wahrscheinlich lag die Ursache gar nicht bei ihnen, dass es schief ging, doch in solchen Fällen bemüht man sich ja um Schadensbegrenzung, es tut einem vielleicht leid und man schlägt Änderungen vor. All das passierte laut meiner Friseurin nicht – die Kundinnen beschwerten sich dann eben noch bei ihr.

Warum erzähle ich das hier? Mich beschleicht so ein bisschen der Verdacht, dass es sich hier um ein grundsätzliches Problem handelt, das sich mir in diesem Friseursalon sehr konkret darbot: Etwas richtig gut für andere machen zu wollen, weil die mir letztlich mein Einkommen sichern – negativ. Mich verantwortlich zu fühlen, wenn bei der Arbeit etwas nicht so gut läuft, und sich zu überlegen, wie man jenen, der einen bezahlt, doch noch zufriedenstellen kann – Fehlanzeige. Hauptsache, die Haare sitzen, das Make-up hält, und das Handy hat vollen Akku.

Verantwortlich sind immer andere

Ich habe keine soziologischen Studien dazu gefunden, auch nur kurz danach gesucht und eigentlich nur Blogbeiträge gefunden, dazu gleich mehr. Und doch habe ich das Gefühl, hier einem Problem begegnet zu sein, das so einmalig eben nicht ist.

Neulich las ich von einer Studentin, die ihr Studium mit einer Bachelor-Arbeit abschließen wollte. Doch ihr fiel einfach kein Thema ein. Was macht sie? Fragt einfach mal auf Twitter (vielleicht auch noch anderswo), ob denn nicht jemand ein Thema wüsste. Ich bekomme das einfach nicht zusammen: Da studiert jemand ein Fach, von dem man annehmen darf, dass es der betreffenden Person einigermaßen Spaß macht oder sie interessiert, und dann findet sich kein Thema für eine Abschlussarbeit? Es wird schwierig, und dann sollen andere ein Thema vorschlagen? Ich komme offensichtlich noch aus einer anderen Zeit, denn die Themen für die Abschlussarbeiten (bei mir: Diplom) mussten wir unseren potenziellen Diplom-Eltern vorschlagen, und der (oder die) musste das Thema für würdig erachten oder eben nicht, und dann begann die Suche erneut. Es musste auch ein Thema sein, zu dem man gedachte, etwas Neues herauszufinden, also neue Ansätze, neue Erklärungen, neue Erkenntnisse. Das ist heute wohl anders, und ich bin irritiert.

Ähnlich verhält es sich auch in meinem beruflichen Umfeld. Die Ansprüche an die eigene Arbeit scheinen sich verändert zu haben. Junge Kollegen geben Arbeiten als fertig ab, die ich mich nicht mal trauen würde, jemandem zur Prüfung vorzulegen, geschweige sie demjenigen zu zeigen, der dafür zahlen soll. Darauf angesprochen, bekomme ich einfach ein Schulterzucken. Es ist einfach egal. Da ist schnell eine große Zufriedenheit, während ich (mit mehr Erfahrung) noch daran feile und verbessere. Auch die Art des Arbeitens hat sich verändert: Wer kämpft heute noch für seine Überzeugungen? Wer geht dafür in den Disput mit dem Vorgesetzten, gar mit einem Kunden? Auf der anderen Seite: Wer übernimmt heute noch die Verantwortung für etwas, das schief ging, wenn er es auf einen Dienstleister abschieben kann? Der dann, sollte das Projekt klappen, natürlich lediglich seinen Job gemacht hat, mithin nicht so wichtig war. Das zeigt sich in einer immer geringer ausgeprägten Konfliktscheu. Wie oft höre ich, dass man es doch eh nicht ändern könnte? Auch die Friseurin meinte das zu mir. Einer allein wird sicher oft wenig ausrichten können, aber es gelingt eben auch nicht (mehr), andere für gute Ideen zu mobilisieren.

NIcht zwingend eine Altersfrage

Ich mag diese Frage nicht, aber könnte es sein, dass es eine Altersfrage ist? Ist jetzt eine Generation dran, die zunächst einfach mal anders ist als die eigene? Das könnte ich gut aushalten, denn jede neue Generation ist anders, das ist ja auch spannend und kann sogar Spaß machen. Aber mir scheint, „anders“ ist eine zu ungenaue Beschreibung, das kann die betreffende Generation selbst viel besser. Womit wir bei den o.g. Blogs wären, von denen ich einen von 2015 hier herausstellen möchte, bei dessen Lektüre ich ganz oft dachte: Ja, doch, das stimmt mit meinen Beobachtungen überein. Ein paar Auszüge:

Wir brennen für nichts, in uns lodert kein Feuer, höchstens gelegentlich eine Sparflamme. Auch wenn wir rational alles verstehen können, so erreicht es doch nicht wirklich. Es geht uns zwar was an, aber naja. […] Viele haben noch nicht einmal den Mut, zu ihrer Gleichgültigkeit zu stehen, und so denkt sich bestimmt manch einer heimlich: „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich auf alles scheiß.“ […]  Möglicherweise setzen uns diese unzähligen Möglichkeiten und To-Dos unter Druck. Auslandssemester, Praktika und dann auch noch so tun, als ob es einen wirklich interessiert.

Ich weiß nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Selbstverständlich sind nicht alle so (wie immer), aber eben doch recht viele. Die vielen Möglichkeiten, die sich heute bieten, bedeuten bei einer Entscheidung für eine eben auch die Entscheidung gegen ganz viele, von denen man ja nicht weiß, ob die nicht doch … Nun habe ich bei meinen Recherchen aber festgestellt, dass es gar nicht zwingend ein Generationenproblem ist, auch wenn sich das im realen Leben aufgrund der eigenen Filterblase wahrscheinlich so anfühlt: Es hat sich einfach alles verändert. Gut beschrieben hat das Michael Winterhoff (Sie wissen schon, der mit den Kindern, die wir zu Tyrannen erziehen) in einem Interview, das er einem philosophischen Wirtschaftsmagazin gegeben hat:

Dabei ist eine dramatische Veränderung bei den Erwachsenen zu beobachten, die ständig unter Strom stehen und nur noch reagieren: … Die Leute, die die Verantwortung dafür tragen bzw. tragen müssten, übernehmen sie gar nicht mehr, sondern delegieren sie an andere. Ich sehe ringsum nur noch Abbau und Kapitulation. Einerseits lässt sich dies auf die bereits genannte Unzufriedenheit zurückführen, andererseits dreht sich der Erwachsene zunehmend um sich selbst inmitten einer furchtbar narzisstischen Gesellschaft, wo der Blick für den anderen fehlt.

Ich teile nicht alle Gedanken, die Winterhoff in dem Interview äußert, aber dass im digitalen Gehetze ein wenig verloren geht, was wirklich zählt, finde ich plausibel. Die Fähigkeit, einem Gespräch zu folgen, wirklich zuzuhören, ohne aufs Handy zu schauen oder in Gedanken schon an das nächste anstehende Gespräch zu denken, kommt, so scheint es zumindest, abhanden. Sich auf eine Situation oder eine Person einzulassen, gelingt immer seltener, denn dort drüben wartet ja schon die nächste Situation oder die nächste Person.

Und so bleibt der Friseursalon eben dreckig, die Kunden unzufrieden und die eigene Leistung egal, denn: Der nächste Arbeitstag kommt bestimmt, notfalls eben in einem anderen Laden, mit anderen Kundinnen und Kunden. Und denen kann man dann immerhin zeigen, dass man die eigenen Haare einigermaßen schön hat.

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