Warum mich Legenden-Interviews beim HSV misstrauisch machen

Felix Magath und Holger Hieronymus, beide Mitglied der HSV-Mannschaft, die 1983 die Championsleague (auch wenn sie da noch nicht so hieß) für den HSV gewannen und natürlich die Helden meiner Kindheit sind, haben dem NDR jeweils ein Interview gegeben. Gegen das, was sie darin sagen, ist nur schwerlich Widerspruch möglich, allerdings waren da jetzt m.E. kaum neue Erkenntnisse. Wer regelmäßig den Blog unter hsv-arena.hamburg sowie die Kolumnen von Daniel Jovanov verfolgt, wird das alles so oder so ähnlich schon gehört bzw. gelesen haben. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Uli und Daniel ihre Kritik an Namen festmachten und nicht so allgemein von „man hat“ oder „man hat nicht“ sprachen.

Auch wenn inhaltlich nur wenig auszusetzen ist, beschleicht mich bei diesen Interviews ein merkwürdiges Gefühl oder besser gesagt: Ich habe da ein paar Fragen. Denn: Interviews gibt man niemals einfach so. Es sind immer Interessen dahinter. Dieses „sie wurden halt gefragt“ ist eine Alibi-Aussage; jeder, der gefragt wird, kann auch ablehnen, etwa mit der Begründung, nichts (mehr) zum HSV sagen zu wollen. Hrubesch hat das m.W. auch so getan. Also frage ich mich folgendes:

  1. Welche Interessen verfolgen Magath und Hieronymus hier? Wollen sie sich in Stellung bringen, brauchen sie einfach mediale Aufmerksamkeit für andere Projekte, die sie verfolgen? Was ist der Zweck dieser Interviews?
  2. Warum bleiben sie in ihren Aussagen so allgemein? Wenn es ihnen ehrlich um den Verein ginge, könnten sie doch einfach Meinungen zu bestimmten Personen äußern. Es geht nicht darum, verleumderische Aussagen zum Besten zu geben, sondern die eigene Meinung in die Kameras zu sprechen. Dazu haben die beiden Herren das gleiche Recht wie jeder andere (Fan oder Journalistendarsteller) auch. Ihre Diplomatie spricht dafür, dass sie sich positionieren wollen – nur: wofür?
  3. Hieronymus spricht davon, dass er wie Ditmar Jacobs und andere auch ausgenutzt wurde bei der Initiative HSVplus, gibt auch eigene Naivität zu. Ich frage mich: Wie kann das sein? Er hätte schon damals in die Öffentlichkeit gehen können, um zumindest den Versuch zu unternehmen, das Unheil, das er ja offensichtlich kommen sah, zu verhindern. Warum hat er es nicht getan? Und warum kommt er überhaupt erst jetzt damit um die Ecke? Gelegenheiten gab es zuvor sicherlich auch.
  4. Magath spricht im Interview von Gesprächen mit Kühne, von eigenen Investitionsvorhaben. Da hätte ich mir ein Nachhaken gewünscht: Warum wollte Magath überhaupt Anteile haben? Was war sein Ziel dabei? Felix Magath ist kein Samariter, er verfolgt wie jeder andere auch persönliche Interessen. Welche waren das hier?
  5. Welche Rolle spielt eigentlich der NDR? Man sieht beiden Interviews an, dass sie geschnitten sind, mithin gibt es noch mehr Material. Was wurde denn da gesagt? Warum hat der Sender überhaupt die beiden Herren interviewt, welche Erwartungen wurden daran geknüpft? Aus Erfahrung weiß ich, dass solche Interviews nicht aus Lust und Laune aufgenommen werden. Was war der konkrete (journalistische) Anlass? Der HSV ist (noch) nicht abgestiegen, die Saison ist noch nicht zu Ende, also: Warum jetzt?

Es ist mir klar, dass ich darauf kaum Antworten erhalten werde, aber sie erklären mein Misstrauen und helfen zumindest mir bei der Bewertung dieser Interviews.  Darüber hinaus bleiben ein paar Dinge haften, auch wenn sie anderswo schon oft zu lesen waren:

Der HSV ist offensichtlich ein Verein, bei dem sich jeder irgendwie eine goldene Nase verdienen kann. Magath hat aus meiner Sicht schon Recht, wenn er sagt, dass es viele Leute gäbe, die von der Strahlkraft des HSV profitierten, aber im Grunde keine Persönlichkeiten, von denen der Verein profitieren würde. Um zu erklären, wie ich das meine: Leute wie Favre, Heynckes oder auch Sammer oder Klopp – sie strahlen zurück. Sie machen einen Verein wertvoller. Ohne Rangnick wäre Hoffenheim nicht das, was es heute ist, RB Leipzig wahrscheinlich auch nicht. Selbst ein Christian Streich sorgt mit für das positive Image, das der SC Freiburg (berechtigt oder nicht) hat. Wer hat das beim HSV nach Happel noch vermocht?

Natürlich wurde Magath auch gefragt, ob der Abstieg für den HSV eine Chance sein könnte: Er entgegnet wahrheitsgemäß, dass von so einer Chance immer dann gesprochen wird, wenn man nicht weiterwüsste. Um eine Chance zu haben, brauchte es laut Magath den Abstieg nicht, und da hat er m.E. Recht – eine Chance läge für mich zumindest darin, dass endlich mal Menschen an die entscheidenden Positionen beim HSV kämen, denen es zur Abwechslung mal nicht um sich, sondern um den Verein ginge. Die sachorientiert und nicht profilneurotisch agieren. Die in dem ganzen Business-Zirkus doch noch irgendwo den (Fußball-)Sport sähen und die Kraft, die aus erfolgreich praktiziertem Sport erwächst, positiv für den Verein nutzen könnten. Die Wahrscheinlichkeit, solche Menschen anzuziehen, scheint mir größer zu sein, wenn der HSV nicht in der ersten Bundesliga kickt, mithin doch ein paar Einnahmen mehr generiert als in der zweiten. Zu viel Geld zieht oft die Falschen an.

HSVplus war eine Mogelpackung. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie wurde von Hieronymus noch einmal bestätigt. Das tut mir persönlich weh, weil ich die Initiative für richtig hielt, mich dafür sehr eingesetzt habe und natürlich auch viele Hoffnungen damit verknüpfte – nicht für mich, sondern für den Verein. Ich bin nicht der Meinung, dass das Konzept an sich falsch war, der Fehler lag, wie eigentlich immer beim HSV, an den ausführenden Personen. Denen war das Konzept letztlich komplett egal, es diente als Mittel zum Zweck. Und der Zweck speiste sich aus rein egoistischen Interessen, das Gebaren eines Thomas von Heessen steht stellvertretend dafür.

Es bleibt nicht viel übrig

Und wenn man sich all das einmal klar gemacht hat, bleiben nicht viele Möglichkeiten, sich zum HSV zu verhalten. Natürlich schmeißt man mehr als 30 Jahre Fan-Sein nicht einfach weg; und sich einfach einen neuen Verein zu suchen, ist keine Option (auch wenn es da charmante Versuche gab). Aber die Beziehung zum Verein wird mehr und mehr heruntergekühlt.

Ich möchte als Fan eigentlich nur ganz einfache Dinge: Zum Beispiel stolz sein auf meinen (!) Verein, auf die sportliche Arbeit, die dort geleistet wird, auf die Art und Weise, wie man dort miteinander umgeht, wie man miteinander feiert, aber auch zusammensteht, wenn es mal nicht so läuft. Ich wäre gerne (ein winziger) Teil einer HSV-Community, in der Arroganz ein Fremdwort ist, in der ein Sportsgeist lebt, der von Leistungswillen, aber auch Anerkennung von Leistungen anderer getragen wird. Wahrscheinlich ist das in der heutigen, von Egoisten geprägten Zeit (siehe meinen vorherigen Blogpost) naiv, idealistisch, gar utopisch – mit dem Ergebnis, dass ich mich irgendwann wirklich nur noch marginal dafür interessiere und solche Interviews dann lediglich mit einem Wort kommentiere: Aha.

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