Beziehungskrisen – Denkarium (10)

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Vor kurzem las ich einen Blogpost von dem geschätzten Christian Jakubetz. Er schreibt darüber, dass er in manchen Themenbereichen einfach die Welt nicht mehr versteht, zum Beispiel im Fußball oder auch in Sachen Musik. Und er führt das auf das Alter zurück. Ich habe mich in vielem wiedererkannt. Denn auch mir erschließt sich vieles heute nicht mehr so wirklich, habe ich also eine Art „Beziehungskrise“?

Mir wird recht oft sehr bewusst, dass neue Generationen nachwachsen, die ganz andere Verhaltensweisen entwickeln, die andere Ideen und Werte haben und leben. Ich will das gar nicht kritisieren, nur einfach feststellen. Ein Beispiel ist der Umgang mit dem Handy des Partners (also des Freundes oder der Freundin): Das Handy piept, weil eine WhatsApp Nachricht eintrifft. Wenn der Besitzer des Handys schläft, geht einfach die Freundin oder der Freund ans Telefon, schaut nach und antwortet einfach, dass der eigentliche Empfänger dieser Nachricht gerade nicht antworten kann, weil er ja – genau – schläft. In meiner Generation gehen an solchem Verhalten Beziehungen kaputt.

Das tun sie heute durchaus auch, aber aus anderen Gründen (zu anstrengend, findet sich bestimmt was Besseres), und das geht schon bei den Kindern los. Im Urlaub ein- bis zweimal miteinander gespielt – das ist jetzt meine Freundin. Auch wenn man sich danach nie wieder sieht. In der Schulklasse findet man heute jemanden total doof, am nächsten Tag giggelt man zusammen im Kinderzimmer. Oder umgekehrt. Immer wieder. Dieses schnelle An- und vor allem Abfreunden irritiert mich.  Ich habe schon immer lange gebraucht, jemanden einen Freund/eine Freundin zu nennen. Ich kenne noch den Begriff des Klassenkameraden, der in etwa das umschreibt, was wir Erwachsene heute unter Bekannten oder Kollegen verstehen. Man kennt sich eben, schätzt sich manchmal vielleicht auch, das war’s. Jaja, ich habe manchmal auch dieses Gefühl, dass Christian beschreibt:

Vermutlich muss man sich damit abfinden: Man ist tatsächlich irgendwann mal sehr viel älter als man sich fühlt und das, obwohl man sich so alt fühlt, wie man es in Lebensjahren gar nicht werden kann.

* * * * *

Auch, oder gerade in beruflichen Gefilden fällt mir auf, dass vieles von dem, was für mich unumstößliche Wahrheiten waren, heute komplett anders wahrgenommen werden und zu gänzlich anderen Arbeitsweisen führt. Sehr deutlich sagt das Wolfgang Michal in diesem Text. Er beklagt darin die Entwicklung vom politischen Journalismus hin zur Politikberatung. „Ihre Sätze beginnen mit ‚Man müsste‘, ‚Man sollte‘ oder ‚Man darf jetzt auf keinen Fall'“, schreibt Michal. Journalisten wandeln sich vom Beobachter und Einordner zum (Mit)-Gestalten-Woller, gar zum Lehrer, der den Politikern mal zeigt, wie Politik überhaupt richtig geht. Die Wahl von Trump zum Präsidenten der USA, die Wahlerfolge der AfD führten laut Michal offenbar dazu, dass immer mehr Journalisten meinen, ihre Kompetenz als Berater sei hier gefragt:

Seit ein, zwei Jahren tauchen deshalb Titelzeilen in deutschen Leitmedien auf, die man sich in dieser Häufung und Penetranz vor zehn oder 20 Jahren noch berufsstolz verkniffen hätte: „Was tun, wenn die Falschen gewinnen?“, „Was hilft gegen den Populismus?“, „Wofür wir kämpfen müssen“, „Aufstehen gegen Trump“, „Der Kampf um die Demokratie hat begonnen“.

Berufsstolz, Berufsehre. Ganz genau. Das sich daraus ergebende Problem benennt Michal sehr klar: Sie gefährdeten damit die demokratische „Gewaltenteilung“, die den Medien eine vierte Gewalt jenseits der politischen Sphäre zuspricht.

Es fehlt den politischen Journalisten der Abstand zur anderen Seite. Das führt bedauerlicherweise dazu, dass die politische Analyse verflacht, die kritische Politikbeobachtung durch affirmatives Mitläufertum ersetzt wird und die Politikberichterstattung zum bloßen Werbemittel verkommt.

Noch schlimmer wird es übrigens, wenn ich in den Sportjournalismus schaue. All das, was den Politikjournalisten vorgeworfen wird, lässt sich auch zu großen Teilen in die Sportberichterstattung übertragen. Wobei es natürlich immer Ausnahmen von der Regel gibt. Doch wer sich im Sport alles Journalist nennt, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Das Blöde ist ja: Dieser Begriff ist nicht geschützt. Jeder kann sich so bezeichnen, das hinterfragt niemand. Die Damen und Herren beim Fernsehsender Sky zum Beispiel, die Fußballspiel-Übertragungen anbieten und allerlei Unterhaltung drumherum, nennen sich ganz ernsthaft Journalisten. Weil sie anderen Leuten (sie nennen sie Experten) irgendwelche (in der Regel sehr erwartbare und auch die ständig gleichen) Fragen stellen, vermute ich. Und weil sie vor den Antworten nicht gleich abgeben in die Werbung. All das bekomme ich mit meinem Weltbild vom Journalisten nicht mehr zusammen. Denn ihnen fehlt natürlich der oben erwähnte Abstand, zur Analyse sind sie in der Regel mangels tiefgründigen Wissens gar nicht in der Lage, und die Berichterstattung ist in der Tat nur ein Werbemittel für ihr Produkt: das Abo des Fernsehsenders.

In den Print-Medien, hier vor allem im Boulevard, wird das erst auf den zweiten Blick deutlich. Natürlich schreiben die Damen und Herren noch Texte, gehen zu Pressekonferenzen und stellen dort (erwartbare und ständig die gleichen) Fragen. Im Gegensatz zur Industrie gibt es da leider nicht so viele Pressemitteilungen, die man einfach 1:1 drucken könnte. Aber ich verstehe nicht, wie sie sich Journalisten nennen können, wenn sie ihrer eigentlichen Aufgabe – beobachten, einordnen – nicht nachkommen. Sich stattdessen wie (begeisterte oder eben enttäuschte) Fans gerieren. Die Spielchen mit Vereinsverantwortlichen oder gar Spielern spielen. Absprachen treffen. Als „Experten“ im Fernsehen auftreten und dann von „wir“ sprechen, wenn sie über einen Verein reden. Die auch untereinander die Art von Berichterstattung verabreden, wie mit einem Verein umzugehen ist, und Kollegen verachten, die sich daran nicht halten. Für mich hat das mit Journalismus nichts mehr zu tun.  Vielleicht muss ich mich auch hier damit abfinden: Die Zeiten heute sind einfach andere.

* * * * *

Dieses „Früher, als … noch … “ rutscht mir inzwischen viel zu oft über die Lippen. Das ist mir unangenehm, denn ich fühle mich eigentlich als eine, die aufgeschlossen ist für Veränderungen. Das zieht sich im Grunde durch mein berufliches und privates Leben. Doch manches greift eben an ein paar grundsätzliche Prämissen, etwa, dass der Genitiv schon so gut wie ausgestorben ist, dass dem Akkusativ sehr bald das gleiche Schickal droht, dass es „brauchen“ praktisch kaum noch mit „zu“ gibt, dass in offiziellen Schreiben von Behörden nicht mehr korrekt zwischen „als“ und „wie“ unterschieden wird. Und ich finde auch sehr schade, dass aus diesem innovativen Medium wie Blogs eines geworden ist, das durch und durch kommerzialisiert werden kann und natürlich wird. Was mich dazu bewegt, hat das Fräulein ReadOn ganz wunderbar in ihrem Blogpost zusammengefasst:

Ich glaube, es gibt ein Recht darauf, nicht immer und nicht überall und nicht ausschließlich als Kunden wahrgenommen zu werden – auch nicht als potenzielle.

Ich respektiere diese Kommerzialisierung absolut, es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Ich muss die entsprechenden Seiten ja auch nicht ansteuern oder gar lesen. Es bleibt jedoch mein Unverständnis über die Inkonsequenz vieler Blogger, die sich nicht entscheiden können, was sie sein wollen – privat oder kommerziell. Ich bin wahrscheinlich zu alt altmodisch, um die Möglichkeit zu sehen, dass doch auch beides gleichzeitig ginge.

Um dieses Altmodisch-Sein noch einmal zu bestätigen: Ich habe mir soeben ein Best-of-Album von „The Mamas & the Papas“ gekauft, auch wenn das Musik aus einer Zeit vor meiner Existenz ist, und ich werde wieder anfangen, Brieffreundschaften zu pflegen, also jene mit Briefpapier, Stift in der Hand und Briefmarken drauf. So.

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