Es hört einfach nie auf: Der HSV macht HSV-Sachen

Das Jahr 2014 war eine Zäsur in meinem Dasein als Fan des HSV. Ich habe mich leidenschaftlich für eine Konzeption eingesetzt, die versprach, aus dem HSV einen Verein zu machen, der aus sich selbst heraus wieder erstarkt und die Grundlage für neue sportliche Erfolge legt. Ich habe mich wie viele andere auch täuschen lassen und musste nur wenig später konzedieren: Das war wohl nix.

Stattdessen spielte der HSV regelmäßig gegen den Abstieg, rettete sich insgesamt drei Mal gerade so, in diesem Jahr ist nun der GAU eingetreten. Und was passiert bei den Fans? Es gibt da eigentlich nur Extreme: Die einen meinen, das Stadion abfackeln zu müssen, die anderen applaudieren einer Mannschaft, die dem Verein historischen Schaden zugefügt hat. Und viele von diesen versuchen nun, mir zu erklären, warum es doch reichlich Grund für Optimismus gibt und die zweite Liga doch gar nicht so schlimm sei. Das letzte Spiel gegen Gladbach sei zu einer Art Erweckung des Fangeistes geworden – zwischen Mannschaft und Fans sei ein Funke übergesprungen, es werde endlich wieder Fußball gespielt, es sei eine Entwicklung zu erkennen, Titz habe das Team quasi wiederbelebt, man habe gemeinschaftlich die zündelnden Idioten aus dem Stadion vergrault, überhaupt könne jetzt alles nur noch besser werden. Sportdirektor Peters wird für die Nachwuchs-Erfolge gefeiert (weder trainiert er eine der U-Mannschaften, noch sind deren Platzierungen mit Blick auf die Etats wirklich überraschend), und Vorstand Wettstein dafür beklatscht, die Lizenz für die zweite Liga ohne Auflagen oder Bedingungen erhalten zu haben. Wie er das gemacht hat – egal!

Ich kann all das auf der emotionalen Ebene gut nachvollziehen – allein, man kann das alles auch ganz anders sehen.

Der historische Abstieg des HSV aus der Bundesliga ist nur ein Betriebsunfall, der direkte Wiederaufstieg das allein mögliche Ziel, und überhaupt ist der Verein toller als je zuvor.

Ich wiederhole es gerne noch einmal: Der HSV ist abgestiegen. Nicht per Zufall oder aufgrund extrem ungünstiger Umstände, sondern weil er sich das über die vergangenen vier Jahre hart erarbeitet, mithin verdient hat. Mehr als 100 Millionen Euro wurden in einen Kader investiert, der permanent gegen den Abstieg spielte. Man hat mehrere Trainer und Sportdirektoren verschlissen, geliehenes (!) Geld zum Fenster hinausgeworfen und zum Schluss Geld bei der Bodenseebank aufgenommen, um die Lizenz zu bekommen. Finanziell ging es in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach unten, bei den abgeschlossenen Sponsorenverträgen hat man sich die gesamte Summe auf einen Schlag auszahlen lassen, um die Liquidität zu sichern (nachzulesen ist das hier) – da kommt in den nächsten Jahren nichts mehr! Spielerkäufe wurden auf Raten realisiert (ein Prinzip, das Hoffmann quasi erfunden hat – vor acht Jahren!), was Bilanzen schön machte, aber den Handlungsspielraum später enorm einschränkte (nachzulesen hier).

Aber Hauptsache, es gibt Gänsehautmomente im Stadion. Ich bekomme das für mich nicht zusammen. Wie kann man Leute feiern, die für den Verein wenig bis nichts getan haben, sich aber die Taschen ordentlich vollstopfen? Wie kann man Leute feiern, die im Abstiegskampf Interviews platzieren, um sich ausschließlich in eigener Sache zu positionieren? Wie kann man mit den Spielern Leute feiern und deren Vertragsverlängerung fordern, die selbstverständlich mitverantwortlich sind für den Abstieg des HSV, der damit sein Alleinstellungsmerkmal verloren hat?

Mit Christian Titz hat der HSV einen Trainer, der einen guten Ball spielen lässt und Spieler verbessert.

Christian Titz übernahm den HSV nach der 0-6-Niederlage bei den Bayern und sorgte durch einige Veränderungen dafür, dass sich die Art und Weise des Spiels zumindest in Teilen veränderte. Das wurde deutlich gegen Schalke 04, als 3-2 gewonnen wurde. Insgesamt holte der Verein in den letzten acht Spielen der Saison mit Titz 13 von 24 Punkten, was mit Blick auf die Konkurrenz durchaus als Erfolg wertbar ist (bei Köln und Wolfsburg war die Punkteausbeute nach den Trainerwechseln deutlich schlechter). Allerdings: Dem stehen Spiele gegenüber, die sich mitnichten von jenen vorher unterschieden. In Frankfurt setzte es eine klare Niederlage, gegen Hoffenheim hätte diese höher ausfallen können, und in so manchem Spiel (etwa gegen Freiburg und Stuttgart) wurden mit sehr viel Glück und dank diskussionswürdiger Schiedsrichter-Entscheidungen Punkte geholt. Die gerne postulierte Entwicklung, Trendwende oder ähnliches vermochte ich jedenfalls nicht zu erkennen. Wie denn auch: Ein Papadoupoulos würde auch unter einem Guardiola nicht zu einem Spitzenkönner, ein Kostic würde sicher auch unter einem Zidane den einen oder anderen Elfer verballern. Ein Diekmeier hat genau wie viele Trainer beim HSV erlebt? Und wie viele Tore hat er dabei erzielt? Eben. Mittelmäßige Spieler werden durch einen neuen Trainer (egal, welcher Güte) nicht zu lauter Messis, was auch völlig normal ist. Insofern kann ich diesen Hype um Titz, der bisher keine Bundesliga-Erfahrung oder spezielle Trainer-Erfolge vorzuweisen hat, in keiner Weise nachvollziehen. Und wie hoch ist doch jetzt gleich sein Gehalt? Würde er das als Zweitligatrainer auch nur bei einem einzigen anderen Zweitligisten erhalten?

Holtby erhält einen Jahresvertrag beim HSV, denn nur mit jungen Spielern kann der direkte Wiederaufstieg nicht gelingen.

Natürlich, RB Leipzig hat unsichtbare alte Hasen auf den Rasen gebracht, die von der dritten in die erste Liga durchmarschiert sind. Bisher ist jeder, der das so behauptet („Nur mit Jungen geht es nicht.“), den Beweis dafür schuldig geblieben. Wie man überhaupt mal fragen sollte: Wie realistisch ist ein Wiederaufstieg, wenn finanziell das Wasser bis zum Hals steht? Eine Gesundung des Vereins kann nur über sportliche Erfolge gelingen, höre ich dann immer wieder. Doch wie will ich sportliche Erfolge erzielen mit Spielern, die nachgewiesen haben, dass sie die Klasse dafür genau nicht haben?

Holtby kam 2014 zum HSV (ein Jahr auf Leihbasis, ab 2015 fest) und hat seitdem genau 16 Tore geschossen – macht im Durchschnitt vier pro Saison. In Diskussionen wird immer wieder aufgeführt, dass er von den Trainern falsch eingesetzt wurde, er sein Potenzial nicht entfalten konnte. Doch wer sich die Karriere von ihm einmal anschaut, bemerkt: Seit seiner Zeit in Mainz ist bei Holtby nicht mehr viel passiert. Er agierte unglücklich auf Schalke, ging dann nach Tottenham, wo er nicht wirklich reüssierte, wurde dann an den HSV ausgeliehen und dort fest verpflichtet. In dieser Zeit erlebte Holtby fünf Trainer vor Titz. Woher kommt also die Erwartung, dass er ein Erfolgsgarant für die kommende Saison werden könnte?*

Und um das einmal klarzustellen: Holtby verzichtet auf gar nichts! Er war zum Ende der Saison vereinslos, mithin also ohne regelmäßiges Einkommen. Wo ist der unterschriftsreife Vertrag, der ihm mehr bot als der HSV? Holtby geht den bequemen Weg: Von den meisten Fans geliebt (ich frage mich immer: wieso?), in Titz einen Buddy als Trainer und dazu ein Gehalt > 1 Mio Euro, von dem Zweitligaspieler in der Regel nur träumen können. Wieder profitiert jemand vom HSV (hier: von seiner Fanbase), ohne dass der HSV von ihm wirklich profitiert.

Mit Bernd Hoffmann kommt ein erfahrener Vorstandschef ins Amt, der sich auskennt, ein Konzept hat und dieses auch durchziehen wird.

Ich gebe es zu: Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Hoffmann. Er war Geschäftsführer beim HSV, als es  sportlich und vor allem marketingtechnisch (auch dank Katja Kraus) gut lief. Hoffmann hat die Wahl zum Präsidenten des e.V. gewonnen, und er weiß sich in den Medien geschickt zu verkaufen. Zuletzt sichtbar im Sportclub gegenüber einem völlig indiskutabel auftretenden Delling, als Hoffmann zur Besonnenheit aufrief und andeutete, doch erst mal deutlich kleinere Brötchen backen zu wollen, als von Peters und Titz in Interviews postuliert. Doch seit Samstag ist es amtlich, dass er den Weg über die Vereinspräsidentschaft nur als Mittel zum Zweck gesehen, mithin die Mitglieder belogen hat – Machtmensch Hoffmann gibt sich doch nicht mit dem Job eines Messdieners zufrieden, wenn er Papst sein kann. Als Vorstand hat er ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten – vor allem auch für sich selbst, das sollte man nicht vergessen. Das Problem an Entscheidungen wie diesen: Hier kommt ein Mann an die Macht, der sicherlich viele Dinge anschieben dürfte, für die Ergebnisse aber sehr wahrscheinlich nicht die Verantwortung wird tragen müssen. Denn dann ist der Vertrag ausgelaufen, das hohe sechsstellige Gehalt kassiert, und es haben sich schon wieder ganz andere Perspektiven geboten. Für ihn, versteht sich.

Es geht einfach immer weiter wie bisher – und wenn es noch eines weiteren Beweises dafür bedurfte, lieferte ihn heute das Hamburger Abendblatt mit seiner Geschichte um die Bestellung der Vorstände Hoffmann und Becker. Die Öffentlichkeit erfährt, zumindest entsteht dieser Eindruck, mal wieder vieles aus Aufsichtsratssitzungen, als ob ein Medienvertreter live dabei gewesen wäre. Die Redakteure reiben sich sicher feixend die Hände (würde ich an ihrer Stelle auch), und als Mitglied des Vereins stehe ich mit heruntergefallener Kinnlade da und denke nur: Das gibt es doch nicht.

Was muss beim HSV eigentlich passieren, dass sich etwas grundlegend ändert? Was muss passieren, dass die Fans aufhören, alles hinzunehmen, was ihnen der Verein so auftischt, stattdessen kritisch hinterfragen und vielleicht auch einfach mal konsequent dem Stadion fernbleiben? Was muss passieren, dass endlich einmal der Verein und nicht die Interessen einzelner im Vordergrund stehen?

Es geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht. Der Abstieg hat das Geschirr noch einmal deutlich poröser gemacht.

*Eine Alternative könnte doch zum Beispiel sein, entwicklungsfähige Zweitligaspieler-Spieler mit Perspektive zu verpflichten. Die würden zwar auch ein wenig Geld kosten, aber deutlich weniger an Gehalt und böten dazu die Aussicht, mit ihnen einmal auch Ablösen zu generieren. Das Geld für Holtby ist schlicht weg. ROI würde bei nicht realisiertem Wiederaufstieg negativ!