Vorbei der Mutter größtes Ärgernis* – die Grundschulzeit der Kinder

Vorgestern war der letzte Schultag der jüngeren Tochter in der Grundschule, und ich gebe es zu: Ich habe drei Kreuze gemacht.

Ich war und bin so erleichtert über das Ende einer gefühlt ewig währenden Zeit, die ich mehrheitlich als Ärgernis empfunden habe. Dazu habe ich mich hier auf meinem Blog schon sehr oft geäußert, mich sehr aufgeregt, aber auch versucht, Verständnis für die andere Seite, die der Lehrerinnen und Lehrer, aufzubringen. Sie haben eine verdammt große Aufgabe und Verantwortung. Doch das, was bleibt, ist Wut, Ohnmacht und Verzweiflung, weil ich auch das zweite Kind nicht optimal auf die weiterführende Schule vorbereitet sehe.** Das beginnt damit, dass die Kinder nach der vierten Klasse häufig nicht wissen, wie man überhaupt lernt. Die Begründung ist einfach: Es wurde ihnen nie wirklich abverlangt. Und es endet mit Zeugnissen, deren Wert überhaupt nicht einzuschätzen ist. Hier ein paar Beispiele, die mich wirklich aufgeregt haben:

  • Die Kinder konnten selbst bestimmen, wann sie „Hausaufgaben“ machten. Das Zauberwort hieß Wochenplan. Da bestimmt jedes Kind selbst, wann es was macht. Klingt von der Idee her gut, führte aber auch dazu, an einem Tag schnell alles abzuarbeiten (die Reihenfolge war aus didaktischer Sicht wohl egal) und den Rest der Woche nichts mehr tun zu müssen.
  • Sie konnten unheimlich schnell Geschichten schreiben. Dass ich diese erst ab der dritten Klasse anfing zu verstehen, weil sie einfach unfassbar falsch geschrieben wurden, war komplett nebensächlich. Entsprechend schwierig wurde es, als die Einhaltung von Rechtschreibregeln plötzlich gewünscht wurde. Wenn in einer normalen Grundschulklasse mit normalverteilter Intelligenz bei den Kindern nicht ein einziges Kind am Ende der vierten Klasse über eine sehr gute Rechtschreibung verfügt, dann bleibt die Frage, was man die Kinder dort eigentlich gelehrt hat. Das Zauberwort heißt hier „Schreiben nach Gehör“, und dazu habe ich mich mich hier schon einmal ausführlich geäußert (darin finden sich auch Links auf andere spannende Beiträge).
    Mich haben übrigens die Argumente von Beate Lessmann, die das Konzept hier ausführlich erklärt (PDF), nicht überzeugt („Schreiben lernt man durch Schreiben.“ – Nein, das funktioniert anders. Ich werde beim Schreiben nicht besser, indem ich es immer wieder tue.) Ausführliche Literaturhinweise gibt es in einem Manifest der Bremer Grundschullehrer, die versuchen, mit vielen Mythen aufzuräumen, meiner Ansicht nach jedoch vieles dabei außer acht lassen (Neurophysiologie, andere Lehrmethoden beim Schriftspracherwerb wie die silbenanalytische [die Silbe dient als Grundlage der Wortbildung] oder die analytisch-synthetische [sie lehrt die korrekte Laut-Buchstaben-Zuordnung] und mich daher auch nicht davon abbringen, dieses Konzept „Schreiben nach Gehör“ für ungeeignet zu halten. Was aber auch nicht zwingend nur am Konzept liegt, sondern vor allem daran, wie es vor Ort umgesetzt wird. Das geben im Übrigen auch die Verfechter dieser Methode zu. Und wir hatten hier offenbar wenig Glück in dieser Hinsicht.
  • Lesen war eine Sache für Zuhause. Laut in der Klasse vorzulesen war verpönt, es könnte ja die Gefühle jener verletzen, die das noch nicht so gut können. Der Gewinn aus lautem Vorlesen wog das nie auf.*** Diktate schreiben zu lassen, ist hier in NRW nicht erlaubt.

Natürlich ist es ein großes Verdienst moderner Bildungspolitik, die Lehre zu individualisieren, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht. Das Problem: Das gelingt nicht bei Kindern, die eigentlich keinen Förderbedarf haben. Hier wird die Verantwortung ganz lässig an die Eltern delegiert, weil die Zeit einfach für jene Kinder draufgeht, die Förderbedarf haben. Deutlich wird das auch an Wettbewerben wie „Heureka“ zu den Themen Weltkunde sowie Mensch und Natur. Dieser Wettbewerb soll der Unterrichtsauflockerung dienen, ist aber einer, an dem Kinder freiwillig teilnehmen. Richtig gut waren dabei Kinder, die viel mit ihren Eltern sprechen bzw. Bücher wie „Was ist was“ lesen bzw. die CDs dazu oder zum Beispiel Podcasts von SRW2 Wissen oder Radio Wissen hören (kann ich sehr empfehlen, auch für Erwachsene). Entschuldigung – aber um kleinen Schlaubischlümpfen (was ich zu 100% liebenswert meine) ein Erfolgserlebnis zu verschaffen, brauche ich keine Grundschule.

Doch damit nicht genug.

Die Sache mit den Menschen in der Schule

Bei vielen Themen in der Grundschule, die ich eben beschrieb, sagte ich mir: Okay, dann übernehmen wir das hier. Bei der größeren Tochter habe ich von Anfang an Rechtschreibung geübt, wir haben Eckenrechnen zur Förderung des Kopfrechnens gemacht, bei der jüngeren Tochter kamen solche Spielchen wie Sätze des Tages dazu, Kopfrechenübungen, Lesen und Wiedergabe dessen, was gelesen wurde. Und wir haben gemeinsam CDs und Podcasts gehört (vor allem im Auto) und uns dann darüber unterhalten: Ich erinnere mich an Hunde- und Pferderassen, an Kalt- und Warmblüter, aber auch an Wetterphänomene. Kein Problem, auch wenn ich mir hier etwas mehr Unterstützung in Form von Hinweisen gewünscht hätte, etwa was thematisch gerade passt, welche Quellen gut sind, worauf wir Eltern stärker achten sollten usw.

Grundschule besteht auch aus Gesprächen mit den Lehrkräften, einmal pro Halbjahr ist so etwas vorgesehen, dazu kommen dann noch weitere Gespräche, wenn Eltern Bedarf haben (und ich hatte den recht oft). Was mir da in Inkompetenz in Sachen Kommunikation begegnet ist (und die erlaube ich mir zu beurteilen), war für mich schwer auszuhalten. Aufgeschrieben hatte ich das hier. Das hat sich im Grunde durch die gesamte Grundschulzeit gezogen, die wir mit zwei Töchtern durchleben durften. Vieles hätte sich durch gute Kommunikation prima regeln lassen, auch manch inhaltliches Desaster wäre kommunikativ zumindest verständlicher und damit erträglicher gewesen. Stattdessen musste ich mir immer wieder anhören, dass ich keine Ahnung hätte bzw. die jeweiligen Konzepte nicht verstehen würde – die Mühe, mir diese zumindest ansatzweise zu erklären, machte sich keiner. Natürlich haben meine Kinder darunter gelitten. Auch wenn ich mir Mühe gab, über die Lehrer nicht direkt vor den Kindern zu sprechen, so spürten sie doch meine Aggressionen. Ich musste mich wirklich sehr zusammenreißen, als die Tochter erzählte, sie hätte in ihrem Steckbrief unbedingt eine Lieblingslehrerin angeben müssen, obwohl sie das nicht wollte (sie fand eine Betreuerin sehr viel netter und war ihr deutlich mehr zugetan). Am liebsten hätte ich den Lehrern daraufhin das hier um die Ohren gehauen:

Ab jetzt kann also alles nur besser werden.

 

*Die Headline kam mir in den Sinn, weil ich an einen sehr alten Song von Maja Catrin Fritsche denken muss. „Aufbruch ins Erwachsenenland“ heißt der, und darin kommt eben auch die Zeile vor „Vorbei der Kindheit allererste Zeit“. Wer mal reinhören möchte, klickt hier. Nicht von den ersten zweiten Sekunden irritieren lassen. Die Stimme ist schon toll; ich wollte damals genauso klar (und hoch) singen wie sie.
**Ich verweise an dieser Stelle noch einmal auf meinen Blogpost „Dieses Schulsystem schafft mich“. Darin finden sich auch Links zu anderen interessanten Beiträgen, etwa auf Spiegel Online.
***Das Lesen mit verteilten Rollen hat sich mir besonders eingeprägt, wir hatten damals so einen Spaß daran. Auch wenn wir das nicht gleich richtig beherrschten, es war ein spielerisches, lustiges Lernen von Sprache – guck mal, so kann man das auch sagen.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kein Grund zur Erleichterung. Das wird auf der weiterführenden Schule nicht besser. Da tun sich dann ganz andere Baustellen auf.

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    1. mrscgn sagt:

      Das glaube ich in diesem Fall weniger, da wir schon seit fünf Jahren ein Kind auf der weiterführenden Schule haben. Ich kenne also die Lehrer mehrheitlich, habe den ein oder anderen Disput schon durch, weiß also, worauf ich achten muss. Wir sind guter Dinge, und ich gebe es zu: Wir wollen es auch sein.

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