Vom Aushalten

Gestern morgen, an einem Samstag, bin ich von allein aufgewacht, der Wecker zeigte 5:50 Uhr. Und ich konnte nicht mehr einschlafen. Kurz vor 11 uhr abends, und ich war maximal überdreht. An Schlaf war nicht zu denken. Ich hielt dieses (konzentrierte) Wachsein sehr gut aus, denn ich habe an diesem Tag wichtige Dinge geschafft, mir aber vor allem selbst bewiesen, etwas zu können und abzuschließen. Nicht immer erfüllt dieses Aushaltenkönnen mich mit so viel Befriedigung, womit wir beim Thema wären:

Es weiß kein Mensch, wieviel er ertragen [aushalten] kann, bis er von der Notwendigkeit es lernt.*

Etwas aushalten zu können scheint derzeit einer meiner wichtigsten Fähigkeiten zu sein. Ich sehe mich mit unfassbar vielen Dingen, Ansichten und Situationen konfrontiert, die ich einfach nur aushalten muss/kann/darf – eine Lösung, ein Ändern scheint zunächst erst einmal unmöglich. Doch das Interessante ist, dass es gar nicht immer zwingend einer Lösung bedarf. Manchmal genügt es, sich ein paar kleine Dinge klarzumachen, sich in Erinnerung zu rufen, was wirklich wichtig ist, und dann ist das Aushalten der Ausgangspunkt dafür, Haltung und Konsequenz zu zeigen. Hier mal ein paar Beispiele, die mich aktuell sehr beschäftigen.

doofe Momente als Teile von schönem sehen

Ich meine es nicht bierernst, aber so manches Mal scheint mir doch etwas dran zu sein: Die Steigerung davon, zwei Kinder zu haben ist: zwei Mädchen zu haben. Die Stimmlage, die Lautstärke, die Themen, die Unerbittlichkeit in der Diskussion, die verbale Endlosschleife des Beleidigens – das stelle ich mir in anderen Konstellationen wirklich komplett anders vor. Wie oft ich hier ermahne, doch nicht so zu brüllen, ist überhaupt nicht zu zählen, gleiches gilt für die Ermahnung, mal 1-2 Oktaven runterzuschalten, bevor mein Trommelfell platzt. Gleichzeitig dann wieder diese große und tiefe Liebe, die in Emoticons, kleinen Briefen oder Umarmungen dokumentiert wird. Das sind permanente Wechsel von Sauna- zu Nordpol-Temperaturen. Es fällt manchmal schwer, diese Amplituden der Stimmungsschwankung (man nennt es wohl Pubertät) auszuhalten. Ich meine das hier nicht im Sinne von stumm ertragen, sondern als sich  gerade machen, weiteratmen, im Gespräch bleiben und wissen, dass ich selbst gerade gar nicht gemeint bin. Ich stelle mich auch öfter vor meine Kinder, sage, dass es mir leid tut, dass wir da jetzt irgendwie nicht weiterkommen, aber ich würde das jetzt aushalten. Und weiter da sein. Das funktioniert.

Oder: dieser ewige Spagat zwischen den eigenen Perfektionsansprüchen. Einerseits möchte ich beste Arbeit abliefern, mir macht die ja auch Spaß, und ich möchte sie auch morgen noch ausüben dürfen. Andererseits mag ich eine supertolle Mutter sein, die für ihre Kinder da ist und irgendwelchen Blödsinn mit ihnen macht, so was wie ins Schwimmbad zu gehen, zum Beispiel. Was finden Leute an solchen Freibädern? Was? Für mich ein Vorhof der Hölle, mindestens. Das alles mit Würde auszuhalten entspricht einem Ertragen mit lächeln und winken. Weil das Kind glücklich und es für mich ein nur kurzer (sehr doofer) Moment innerhalb ganz vieler schöner ist. Ich zwinge mich in solchen Situationen, einfach auch Positives zu sehen.

Und dann komme ich von solchen kleinen Alltagserlebnissen zu den großen gesellschaftlichen Themen. Und hier wird das Aushalten zu einer ganz anderen Nummer.

Meinungsfreiheit aushalten und vor allem verteidigen

Als richtig schlimm empfinde ich derzeit die politische Diskussion im Netz, die man eigentlich nicht politisch, sondern moralisch nennen muss. In ihr geht es immer häufiger gar nicht mehr darum, WAS jemand gesagt hat, sondern WIE er es tat beziehungsweise mit welcher GESINNUNG er es gesagt hat. Das führt dann auch zur Denunziation einer Kollegin, deren Text offensichtlich nur sehr selektiv gelesen beziehungsweise einfach mal hineininterpretiert wurde, was dort gar nicht stand. Anstatt sich sachlich mit den Thesen, die man in der Tat nicht teilen muss, auseinanderzusetzen (und in diesem Fall sollte man das unbedingt), fiel den Leuten nur ein, sie zu beleidigen, ihre Haltung abzuwerten, und sie auf alle nur mögliche Art zu diskreditieren. Ich sage: Eine offene, pluralistische Gesellschaft hält unterschiedliche Meinungen aus. Weiter atmen, aufrichten und sagen: Für das Recht, seine Meinung frei sagen zu dürfen, ohne dafür verbal oder gar körperlich angegriffen zu werden, haben Menschen gekämpft und sind dafür gestorben! Es ist ein extrem hohes Gut, das  jederzeit und an jedem Ort verteidigt gehört. Will sagen: Etwas auszuhalten heißt nicht, dieses Etwas gut zu finden, sondern sich damit sachlich auseinanderzusetzen. Dass das manchmal schmerzhaft ist, konzediere ich gerne. Aber es lohnt sich, davon bin ich fest überzeugt. Wer mag, liest dazu den Facebook-Post von Franz Sommerfeld, den „meedia“ hier veröffentlicht hat.

Wie schwierig das manchmal ist, erlebe ich bei Themen, die mich aufgrund verschiedener Umstände besonders „anfassen“.  Wir leben in politisch wilden Zeiten, und dass die US-Amerikaner sich einen Präsidenten wie Trump gewählt haben, stellt von mir beschriebene „Aushalten“ auf eine wirklich harte Probe. Aber: Er ist der demokratisch gewählte Präsident der USA. Als solcher verdient er grundsätzlich Respekt. Ich finde es daher sehr bedenklich, wenn sich ein Meinungsmacher wie Sascha Lobo hinstellt und fordert, ihn im Grunde nicht wie einen Erwachsenen, sondern wie ein kleines Kind zu behandeln (Kotze muss man Kotze nennen). Interessanterweise erntet Lobo darauf keine Welle der Empörung, es ist ja wohlfeil und entspricht dem Gefühl (!) vieler, was er da aufschreibt. Stattdessen erhält er fundierte Antworten, die man hier und hier nachlesen kann. Vor allem der zweite Link lohnt sich m.E., Marco Bertolaso vom Deutschlandfunk setzt sich kritisch und sehr nachvollziehbar mit den Thesen von Lobo auseinander und begründet gut, warum Lobo mit seiner Idee wohl falsch liegt. Im Übrigen: Ich kann sehr gut eine Meinung wie jene von Lobo aushalten, obwohl ich sie nicht teile.

Ich habe noch zwei weitere Beispiele, die zeigen, was ich mit Aushalten meine. Da ist die Entscheidung von Friedrich Merz (Jurist und Mitglied der CDU), den Ludwig-Erhard-Preis nicht anzunehmen, weil er „um keinen Preis auf einer Bühne“ mit Roland Tichy stehen wolle. Er wird dafür von vielen gefeiert, für die momentan die Moral die wichtigste Kategorie überhaupt ist. Kaum jemand macht sich die Mühe, überhaupt einmal zu fragen, was denn so schlimm an Tichy sei. Irgendjemand hat ihm einmal das Etikett „rechtspopulistisch“ angeklebt, und das gilt eben jetzt.** Mit welchem Recht, frage ich mich. Deshalb habe ich den Text von (wieder!) Franz Sommerfeld dazu sehr gerne gelesen, weil er endlich einmal differenziert, tiefer einsteigt und Dinge in einen Kontext stellt. Es ist eben nicht alles immer schwarz und weiß, Menschen sind vielschichtig. Wer Tichys Meinungen nicht teilt – in Ordnung, aber aushalten kann man diese sehr gut! Und sich mit seinen Thesen argumentativ auseinandersetzen.

Das gilt aus meiner Sicht auch für Uwe Tellkamp, der aufgrund einer umstrittenen Äußerung zu Flüchtlingen medial regelrecht „abgeschossen“ wurde. Noch einmal: Man muss nicht alles gut und richtig finden, was Menschen in Gesprächen und vor allem öffentlich sagen. Aber wir sollten aufhören, alle missliebigen Meinungen aus dem gesellschaftlichen Diskurs zu verbannen. Denn dann ist es kein Diskurs, kein Wettbewerb der Meinungen mehr. Wieder Sommerfelds Text dazu, in dem es u.a. heißt:

Der Mainzer Historiker Andreas Rödder charakterisiert diese „Freiheit“ als eine „technische“: „Es heißt immer, in Deutschland könne man alles sagen. Das stimmt, allerdings nur in einem technischen Sinne. Eine offene Debatte erfordert mehr als das, nämlich Respekt für die Meinung des anderen, auch und gerade, wenn sie mir nicht gefällt.“ Diesen Respekt erhielt Tellkamp nicht. Darum ist der Sieg der empörten Feuilletonisten eine Niederlage der offenen Gesellschaft, weil er ihre Offenheit einschränkt.

Es macht mich wirklich betroffen, dass Urteile immer schnell über Menschen gefällt werden. Als regelrecht beklemmend empfinde ich es, dass jede nachdenkliche, hinterfragende Stimme sofort in eine Ecke gedrängt wird („na klar kannst Du so denken, aber dann bist Du halt sch…“), anstatt mal wirklich zuzuhören oder auch richtig zu lesen. Sehr wahrscheinlich bin ich aufgrund meiner Sozialisation in der DDR besonders sensibilisiert. Mir wurde als Kind immer genau gesagt, wie ich was zu sehen habe. Das war klar institutionalisiert durch den Staatsbürgerkunde-Unterricht sowie durch einschlägige TV-Sendungen wie „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler. Ich bin dankbar, dass dieses unseres Gesellschaftssytem Meinungspluralität vorsieht. Nur: Sie muss dann auch auf der Grundlage unserer Verfassung gelebt werden und für jeden gelten, auch für jenen, der etwas sagt, das ich aus tiefem Herzen ablehne.

Etwas auszuhalten bedeutet also nicht, es stumm zu ertragen und sich wegzuducken, ganz im Gegenteil. Es bedeutet Respekt, es bedeutet Kontrolle über den eigenen Impuls, sofort emotional darauf zu reagieren. Es bedeutet, manche Dinge einfach stehenzulassen und andere erst einmal einer Überprüfung zu unterziehen. Es bedeutet auch, sich zu positionieren, zu den eigenen Werten zu stehen und für sie einzutreten. Das schließt gleichzeitig nicht aus, eigene Positionen für sich immer mal wieder zu überprüfen: Passt das noch so?

Wenn der Austausch von Meinungen nicht mehr möglich, eine Veränderung von Sichtweisen auch überhaupt keine Option mehr wäre, machte mich das sehr nachdenklich, gleichzeitig aber auch entschlossen, mehr denn je dafür einzutreten, es wieder möglich werden zu lassen. Wir leben alle nicht auf einer einsamen Insel, irgendwie müssen wir miteinander mehr oder weniger klarkommen. Ich ziehe es vor, das freiheitlich, respektvoll und offen zu tun.

Nachtrag: Diese Gedanken beschäftigen offensichtlich auch andere. Hier gibt es einen philosophischen, sehr vergnüglich zu lesenden Beitrag dazu von Dirk von Gehlen.

 

*Ernst Raupach, deutscher Schriftsteller, † 1852
**Ich finde es sehr verstörend, wenn Meinungen ein Etikett bekommen, weil es den Austausch von Meinungen so unendlich erschwert. Wenn ein Linker sagt, er würde mit Rechten nicht reden, finde ich das genauso merkwürdig wie den umgekehrten Fall. Die Bereitschaft für den Diskurs sollte unbedingt eine Basis haben, nämlich die der Verfassung. Wenn Linke/Rechte nicht mehr mit Leuten reden, die jeweils anders denken, dann verliert die Gesellschaft sehr viel mehr als den doch an sich so gewünschten Diskurs.

 

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