Der Alltag ist politisch: Für mehr Nachdenken als Fühlen

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Manchmal sind es ganz alltägliche Dinge, die mir auffallen und zeigen: Schlagworte fallen, und die Meinung steht fest. Nach- oder gar hinterfragen? Wozu? Ein Thema kommt, ein Thema geht. Hängen bleibt – das Schlagwort. Mal ein Beispiel:

Ja, es ist heiß. Hier in Köln noch mehr als in München, wo ich die Temperaturen überaus angenehm fand, gerade abends im Biergarten – herrlich. Allerdings bringt diese Wärme auch ein paar Dinge mit sich, die der ein oder andere sehr unangenehm findet. Ich rede von den Gerüchen. Viele empfinden diese bei höheren Temperaturen als intensiver, und leider sind dabei nicht immer nur angenehme „Düfte“. Ja, wir Menschen schwitzen, wenn uns warm ist. Das kühlt unsere Haut, ist also ein ganz natürlicher Prozess. Zu diesem gehört auch, dass Bakterien diesen Schweiss zersetzen. Und das müffelt dann. Das Rezept dagegen heißt in der Regel: Deo benutzen. Doch wer so was immer wieder empfiehlt (und das passiert in den sozialen Medien öfter als man sich vorstellt)*, denkt in meinen Augen einfach nicht nach.

  • Erstens gibt es bei den Deos sehr große Unterschiede in ihrer Wirksamkeit. Und auch Grenzen der Wirksamkeit. Nachsprühen oder -rollern hilft nur begrenzt. Ich persönlich finde diese Mischung übler als alles andere.
  • Zweitens verträgt nicht jede Haut die Deodorierung. Woher will man wissen, was jenen, der so müffelt, da gerade plagt? Ich war gerade auf einem Dermatologenkongress, fragt besser nicht. Für die Betroffenen ist das definitiv kein Spaß.
  • Drittens ist es häufig so, dass man selbst diesen Geruch, wenn das Deo „versagt“, häufig nicht wahrnimmt. Die Nase gewöhnt sich einfach daran. Das ist so ähnlich wie beim Parfüm, das wir morgens auftragen und nach einer halben Stunde (leider) schon gar nicht mehr riechen, andere dagegen sehr wohl.

Ich sage: Statt immer auf anderen rumzuhacken, könnte man ja auch das eigene Verhalten überprüfen, also nachdenken. Wer Menschenmengen nicht aus dem Weg gehen will oder kann, behiflt sich vielleicht mit einem kleinen Klecks wohlriechender Substanz, den er unter den Nasenlöchern platziert. Ja, genau so, wie man es in der Pathologie macht. Ich weiß aus Erfahrung: Das hilft!

Zum Thema „Immer mit dem Finger auf andere zeigen“ passt ein Artikel, den ich neulich in der SZ gelesen habe. Es geht um Politik, aber ich finde, dass er etwas sehr Grundsätzliches anspricht. Es geht um die „politische Segregation“, also darum, dass jeder mal schön in seiner Filterblase bleibt und sich scharf abgrenzt von anderen. Du bist anderer Meinung als ich? Dann rede ich nicht mehr mit Dir,  mit Dir will ich nicht mal in einem Raum sein. Oder noch besser: Natürlich kannst Du so denken, aber dann bist Du halt ein Idiot. Diese Haltung findet sich auch in ganz banalen Alltagsdingen (und wir wissen ja: Das Private ist politisch!), etwa der Kindererziehung, unter Fußballfans, oder bei der Frage, ob es überhaupt okay ist, gerne Auto zu fahren. Ich urteile, also bin ich. Der Autor Michael Bröning fragt völlig zurecht:

Wenn politischer [oder ganz allgemeiner Meinungs-; Red.] Austausch unerträglich ist, was bleibt dann an Optionen?

Wenig bis nichts. Genau. Wir versichern uns (mehr oder weniger) gegenseitig und vor allem oberflächlich, wie unterschiedlich wir ticken, verunglimpfen den jeweils anderen als absolut ahnungslos, und alles bleibt, wie es ist. Veränderung, die die Gesellschaft vielleicht voranbringen könnte (im Sinne von lebenswerter für mehr Menschen), wird nicht mehr möglich, wenn wir anderen nicht mehr zuhören und verstehen wollen. Was uns zum eigentlichen Problem führt, dass Katrin in ihrem Blogpost herausgearbeitet hat. Es geht um Kommunikation.

Wir haben derzeit in Deutschland … ein echtes Kommunikationsproblem. Es wird alles vereinfacht bis zur Unkenntlichkeit. Da gewinnen immer die Populisten. Gestritten wird mit Parolen, gelesen werden nur noch Überschriften.

Viele sind offensichtlich nicht mehr bereit, mehr als einen kleinen Teaser wahrzunehmen, eine Headline, einen Tweet – und davon dann auch maximal die Hälfte. Und wenn nur so Minimales ankommt**, geht unfassbar viel verloren. Dazu kommt, dass das Minimale oft nicht verstanden wird, verstanden werden will. Um das zu illustrieren, hier ein aktuelles Beispiel. Ich habe auf Twitter mit einem Kommentar auf einen Podcast mit Jörg Kachelmann zu Wettermythen verwiesen. Als Antwort bekam ich u.a. dieses hier:

Es ging überhaupt nicht darum, dass man Abitur braucht, um Herrn Kachelmann zu verstehen. Aber Hauptsache, mit Hashtags wird mitgeteilt, wie doof man etwas findet. Die gefühlte Wahrheit ist hier, so scheint es, wieder einmal wichtiger als Fakten. Ich finde, dass Katrin Recht hat, wenn sie sagt:

Ich persönlich glaube, das Wichtigste wäre, wenn wir wieder anfangen würden, uns Zeit zu nehmen, wirklich Zeit, längere Texte zu lesen und zu differenzieren.

Und warum sollten wir das tun? Weil es nicht ums Rechthaben geht. Weil wir anders keine Veränderungen herbeiführen, die die Interessen vieler zum Wohl vieler berücksichtigen. Weil sonst Entscheidungen auf der Basis von Gefühlen getroffen werden, von denen wir keine Ahnung haben, was sie für Auswirkungen haben werden und uns am Ende noch mehr verunsichern. Weil die allermeisten von uns nicht auf einer einsamen Insel leben, sondern wir einen Weg finden müssen, miteinander einigermaßen gut auszukommen. Und da ist es gut, wenn man einander zumindest ansatzweise versteht. Es lässt sich etwas besser aushalten, wenn Hintergründe bekannt sind, wenn Verständnis möglich wird. Genau das gelingt besser mit Fakten, mit Wissen, mit Kenntnis. Ja, all das ist mmer schwieriger zu bekommen. Umso wichtiger ist es, öfter einmal zu hinterfragen (und nicht einfach zu glauben!) und sich Zeit zu nehmen, mehrere Quellen zu hören /zu lesen und sich letztlich damit selbst die Chance zum Nachdenken zu geben.

 

*Wobei ich mich frage, welchen Zweck das eigentlich haben soll. Wer glaubt, dass solche Tweets/Postings die Betreffenden wirklich erreichen? Ich nicht.
**Das „ankommen“ wäre noch zu präzisieren. Das, was beim Leser/Hörer ankommt, wird ergänzt durch Interpretationen – der geneigte Rezipient liest und hört nicht einfach, er interpretiert. Was mit dem, was gesagt/geschrieben wurde, mitunter nicht mehr viel zu tun hat.

 

 

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