Mehr Pragmatismus, weniger inflationäre Grundsatzdiskussionen

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In sozialen Medien unterwegs zu sein (in meinem Fall heißt das in der Regel Twitter), bedeutet, regelmäßig mit Themen konfrontiert zu werden, die viel Aufmerksamkeit bekommen und gelegentlich auch sehr kontrovers diskutiert werden. Daran ist grundsätzlich erst einmal nichts falsch, miteinander zu reden finde ich prinzipiell eine gute Sache. Doch in der jüngeren Vergangenheit beobachte ich dabei eine zunehmende Dramatisierung und gar Skandalisierung. Es ist nicht einfach etwas doof oder blöd, sondern für die Beschreibung von Zuständen, die kritikwürdig sind, müssen Vokabeln her wie „menschenverachtend“, „oberpeinlich“, „Scheiße“, „kinderfeindlich“, „rassistisch“, „sexistisch“. Die Begründung liefern jene, die in dieser Art kommunizieren, gleich mit: „Kotze muss man Kotze nennen“ (Sascha Lobo).

Ich komme da nicht mehr so ganz mit. Braucht es diese maximale Eskalation, um überhaupt Aufmerksamkeit für etwas zu bekommen? Können wir Themen nicht mehr unaufgeregt besprechen und diskutieren, ohne gleich „Eins11“ zu rufen? Ist es nötig, jemandem erst einmal ein Etikett der o.g. Kategorien umzuhängen, bevor man ihm die Möglichkeit gegeben hat, selbst Stellung zu beziehen und sein Handeln zu erklären? Sind wir heute immer weniger in der Lage oder auch Willens, Texte zur Gänze zu lesen und dann zu verstehen? Gegebenenfalls nach nochmaligem Lesen oder auch nach Rückfragen in der Art von „Habe ich es richtig verstanden, dass … “ oder „Ich habe xy verstanden und bin irritiert, war das so gemeint?“.  Um zu verdeutlichen, was ich meine, hier ein Beispiel:

Stein des Anstoßes ist ein Bierdeckel: Der Text ist, das konzediere ich sofort, ziemlich ungeschickt formuliert. Das kann man definitiv besser machen. Aber daraus zu schließen, dass der Autor „kinder-, ja menschenfeindlich“ ist, finde ich arg konstruiert und zu hoch eskaliert, um es einmal so zu formulieren.  Zunächst muss man hier festhalten, dass der Wirt selbst bestimmen kann, wen er in seinem Restaurant begrüßen möchte. Die Diskussion darüber, ob man kinderfreie Restaurants/Hotels oder andere Örtlichkeiten überhaupt anbieten dürfe, ist m.E. überhaupt keine. Wir haben uns an Türsteher an Clubs gewöhnt, die völlig intransparent entscheiden, wer rein darf und wer nicht. Wir haben uns an Saunatage nur für Frauen gewöhnt und auch an Lady-Nights in Kinos. Wir Eltern akzeptieren auch, dass wir in Indoorspielplätzen lediglich geduldete Zuschauer sein dürfen. Was ist eigentlich mit Messen, die nur Fachbesucher einlassen? Was ist mit Websites, die ich nur mit Nachweis einer ärztlichen/zahnärztlichen Approbation ansteuern kann? Niemand käme auf die Idee, irgendjemandem hier Menschenfeindlichkeit zu unterstellen – es gibt einfach Angebote für unterschiedliche Zielgruppen.

Dass er (oder die Wirtin) den Text auf dem Bierdeckel so krass formulierte, wird seine Hintergründe haben. Interessanterweise fragt niemand danach. Hat irgendjemand ihn/sie einmal darauf angesprochen? Wie war die Reaktion darauf? Wie wurde der Deckel erklärt? In Zeiten, in denen es akzeptiert wird, seine Kinder nach dem Konzept „unerzogen“ aufzuziehen, in denen Kindern extrem viele Freiheiten zugestanden werden, halte ich es zumindest für möglich, dass so einem Bierdeckeltext gewisse Erfahrungen zugrunde liegen. Was also macht den Wirt/die Wirtin jetzt konkret zum Menschenfeind? Welches Ziel steckt dahinter, ihm/ihr genau das vorzuwerfen?

Ich fürchte, dass es einfach in die heutige Zeit passt, verschiedene Eskalationsstufen zu überspringen und gleich bei der höchsten einzusteigen. Dieser Wirt/diese Wirtin hat nicht einfach einen etwas merkwürdigen Bierdeckel dort liegen, nein, er/sie ist ein Menschenfeind. Kleiner haben wir es gerade nicht. Dass es sich einfach um eine schlecht gemachte Kommunikation handeln könnte, die in ihren Konsequenzen nicht bedacht wurde, wird erst gar nicht in Betracht gezogen, denn: Wer so was drucken lasse, wisse sehr genau, was er täte, er müsse damit rechnen, als Kinderfeind dazustehen und wolle das auch. So musste ich mir das zumindest sagen lassen. Das hier ist m.E. eine recht gute Antwort darauf:

Das Problem an dieser Skandalisierung liegt für mich darin, dass dies für immer mehr Themen gilt. Es gibt keine Unterscheidungen mehr, es ist immer alles gleich extrem schlimm. Das ist in etwa so, als würde bei einem Fußballspiel jede auch nur andeutungsweise nach Foul aussehende Aktion mit der roten Karte geahndet werden. Jede Kleinigkeit wird zur Grundsatzfrage, wir leben den heftig.co-Style, den ich hier schon einmal kritisiert habe.

Das führt zumindest bei mir dazu, dass ich immer seltener hinhöre/nachlese, weil sich vieles als „first world problem“ = Luxusproblem entpuppt, das nun wirklich nicht meiner Aufmerksamkeit bedarf. Und zwar mit der Gefahr, dass ich Themen verpasse, für die ich mich aus verschiedenen Gründen durchaus interessieren sollte.

Wohin so was führen kann, zeigt dieser Text hier:

Der junge Mann datet nur weiße Frauen und fühlt sich als Rassist. Wie bekloppt wird es noch? Selbstverständlich ist es richtig, über den Alltagsrassismus zu reflektieren, und ich bin auch der Meinung, dass das Sichtbarmachen zwingend notwendig ist. Die Frage ist doch aber: Wie gelingt das am besten im Sinne davon, dass sich tatsächlich etwas ändert? Die totale Überdrehung eines Themas führt dazu, dass Autoren wie jener von der „Zeit“ einfach nur noch lächerlich wirken, und man sich letztlich über die Sache und ihn selbst lustig macht. Glaubt jemand ernsthaft, dass wir so Debatten führen können und sollen?

Wer immer gleich die höchste Alarmstufe ausruft oder ein Thema bis zur Unkenntlichkeit ausreizt, riskiert zweierlei: Zum einen wird unterhalb dieser Wahrnehmungsschwelle nichts mehr registriert, zum anderen ist echte Hilfe für wirkliche Notfälle (heißt: Aufmerksamkeit für wichtige Dinge) so nicht mehr sichergestellt. Mir will nicht in den Kopf, wie man das wollen oder auch nur in Kauf nehmen kann. Eine Lösungsmöglichkeit wäre mehr Pragmatismus, mehr gesunder Menschenverstand, mehr Sachlichkeit. Dazu gehörte dann: Wirklich zu lesen. Bis zum Ende eines Beitrages. Zu verstehen. Gegebenenfalls nachzufragen. Um dann zu entscheiden, ob es nötig ist, daraus eine große Sache, sprich eine Grundsatzfrage zu machen, denn das sind wirklich nur die allerwenigsten. Und um das gleich klarzustellen: Ein nachlässig bedruckter Bierdeckel in einem (!) von zigtausend Restaurants ist es aus meiner Sicht ganz bestimmt nicht.

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. George sagt:

    So. Also erstens habe ich jetzt endlich daran gedacht, diesm Blog zu folgen. Was ich schon lange tun wollte.
    Zweitens, und jetzt gehts los. Ich habe mich in letzter Zeit etwas ferngehalten von Twitter, genau aus diesem Grund. Ich stelle fest, daß ich angefangen habe, anders zu denken, entspannter zu sein. Diese ständige Fütterung mit kleinen Informationsäppchen, die meisten davon ziemlich meinungsgeladen, macht etwas mit einem. Ständig auf Emofang, ständig auf der Suche nach dem nächsten Häppchen. Dazu noch der Filterblaseneffekt, dann schaukelt sich das ziemlich hoch, weil man ja nur entweder die eigene Meinung bestätigt bekommt, ider beuen Stoff zum Aufregen.
    Ich habe ja leider ziemlich viel Zeit, weil ich nach meinem Krebs immer noch nicht wirklich arbeitsfähig bin. Da habe ich mal Quellenforschung betrieben, die verlinkten Artikel alle gelesen, und Fakten gecheckt. Meistens ist nichts dahinter. Zitate verkürzt, ohne Kontext, reisserische Überschriften aber ganz andere Artikel, oder es lässt sich gar nicht verifizieren. Ich werde dazu mal was bloggen. Ich werde jetzt überheupt mehr bloggen, irgendwie geht mir so vieles durch den Sinn, was raus muß. Im Blig kann ich das ausführen. Textverständnis ist ja auch so eine Sache, was manche aus Tweets oder Texten alles herauslesen wollen, junge junge… 🙄

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