Nicht gebloggt, aber viel gelernt

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Es ist gefühlte Ewigkeiten her, dass ich hier etwas eingetragen habe, aus Gründen, versteht sich. Nun ist es Zeit, meine Lektionen, die ich gelernt habe, einmal zusammenzufassen, auf dass sie nicht verloren gehen*.

Lektion 1: Beratung ist ein Job für Erfahrene

Ich habe in meinem Beruf viel mit Beratern zu tun. Nun gehört an dieser Stelle vielleicht erst einmal definiert, was Berater eigentlich sind. Unter Wikipedia findet sich dazu:

Beratung ist „eine unverbindlich strukturierte Kommunikation […], wobei ein Teilnehmer Informationen weitergibt, um damit das Wissen des Empfängers zu vergrößern. Ziel einer Beratung kann auch sein, den Adressaten zu einer bestimmten Handlung oder einem Unterlassen zu bewegen.“

Laut meiner Erfahrung passt das als Definition ganz gut, denn: Berater zu sein, bedeutet also, über Wissen oder eben Erfahrungen zu verfügen, die der Beratene so vielleicht nicht hat oder auch nur bestätigt wissen will. Einleuchtend ist das zum Beispiel bei der Rechtsberatung, die in unserem Land ja sogar gesetzlich geregelt ist: Ohne eine entsprechende abgeschlossene Ausbildung bzw. Zulassung darf hier (offiziell) nicht rechtlich beraten werden. Bei anderen Beratern, etwa den Unternehmens- oder auch PR-Beratern, ist das nicht so eindeutig zu beschreiben. Besonders auffällig finde ich das bei Letztgenannten. PR-Berater kann sich jeder nennen, das ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Dementsprechend nennen sich auch unheimlich  viele Leute so, ohne dass richtig klar ist, welche Qualifikation sie dafür eigentlich benötigen oder sie dafür mitbringen.  Ich habe in der jüngeren Vergangenheit gelernt: Beratung funktioniert nicht wirklich ohne praktische Erfahrungen in irgendwas, und sie funktioniert auch nicht ohne jegliche Kenntnisse der jeweiligen Branche, in der ich beraten möchte. Dabei spielt das Alter durchaus eine Rolle: Zum einen kann ein 25-Jähriger rein biologisch nicht so viel Erfahrung haben wie ein 50-Jähriger. Erfahrung braucht es für kompetente Beratung aber. Hinzu kommt: Der Altersunterschied zwischen Berater und Beratenem muss passen. Jüngere Berater können mit jungen Unternehmern sicherlich gut zusammenarbeiten, bei älteren Unternehmens stelle ich mir das schwierig vor. Was aber für mich gar nicht geht: Ein Mensch frisch von der Hochschule will einem Unternehmen in einer sehr spezifischen Branche erklären, wie erfolgreiche (!) Fachkommunikation in einem Bereich gelingt, den dieser Mensch maximal von außen oder gar vom Hörensagen kennt. Ein/e Berater/in ist für mich jemand, der/die sich auskennt in dem, worum ich ihn/sie um Rat frage. Und ich kann mich nicht in der Fachkommunikation von Stahlhändlern auskennen, wenn ich darin nicht ein Jota Erfahrungen habe, um einfach mal ein Beispiel zu nennen.

Lektion 2: Vereinbarkeit ist auch eine Frage des Alters der Kinder

Ich habe mich ja als (junge) Mutter durchaus in einschlägigen Elternforen herumgetrieben, auch die Mamablog-Szene für eine kurze Zeit intensiv verfolgt. Heute sage ich: Meine Kinder sind aus diesem Alter heraus. Ja, die Kinder. Ich finde mich in vielen Themen wie zum Beispiel der Vereinbarkeit zwischen Job und Familie schlicht nicht mehr wieder. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich dank meiner Selbständigkeit sehr flexibel arbeiten kann, zum anderen aber eben auch damit, dass unsere Kinder schon groß sind. Wir können sie für eine begrenzte Zeit hier alleine lassen, sie brauchen nicht permanent Betreuung, sie sind in vielen Dingen unglaublich selbständig. Die Große geht sogar selbst zum Arzt, wenn es nötig ist. Meine Vereinbarkeit besteht also darin, mich mit meinem Mann abzustimmen, wenn es um bestimmte Termine geht. Vielleicht lese ich bei den Elternblogs einfach aus Neugier mal wieder rein, wenn die Kinder der Autoren/Autorinnen älter als 13 oder 14 sind. Etwas kecke, provokante Frage: Werden sie dann noch über ihre Kinder bloggen?

Lektion 3: Politik ist nach wie vor nichts für den Smalltalk

Ich gehöre ja zu jener Fraktion, die bei jedem „Das geht nicht“ sofort fragt: „Wieso nicht?“ Ich möchte es meistens genau wissen, um herauszufinden, ob und wie es nicht doch gehen könnte. Und diese Konvention, in Smalltalks nicht politisch zu werden, fand ich schon immer irgendwie doof. Ich habe jedoch gelernt, dass diese Konvention schon einen guten Grund hat. Smalltalk – damit meine ich auch eine Plattform wie Twitter. Was dort abgeht, ist höchstselten tiefschürfende Diskussion, das ist oberflächlich, das ist verkürzt, das ist oft kontextlos, das ist plakativ. Und so verfestigt sich die Haltung: Über Politisches rede ich in diesem Umfeld nicht, denn: Im Grunde ist nur eine Meinung/Haltung möglich. Natürlich darf ich anders denken und das auch sagen, aber dann bin ich halt doof, bescheuert oder <hier beliebiges Schimpfwort einsetzen>. Ich dürfte auch jederzeit die derzeitige Flüchtlingspolitik kritisieren, aber dann müsste ich auch in Kauf nehmen, von gewissen Menschen umgehend als Nazi gebrandmarkt zu werden. Es wird auch nicht verboten, so was zu sagen wie „typisch xxx“, nur dann bin ich halt sofort eine Rassistin. Mich stört daran massiv dieses Schwarz-Weiß-Denken und die Unfähigkeit vieler, die Begriffe überhaupt ordentlich auseinanderzuhalten. Dieses „bist Du nicht links, dann bist Du rechts“ ist in meinen Augen kompletter Nonsens, aber so wurde meine Bereitschaft, politisch zu diskutieren, einfach heruntergefahren.

Besonders klar wird mir die Unmöglichkeit der politischen Diskussion, wenn es um das Thema „Ossis“ geht. Ich kann nicht begreifen, wie sich jene, die die DDR nur von Erzählungen oder aus den Medien kennen, ein Urteil über die Menschen anmaßen, die dort gelebt haben und heute auf diesem Territorium noch leben. Besonders gerne übernehmen das Medien aus Hamburg, Frankfurt und München. Und die Redakteure dort wissen ja immer ganz genau, warum die Lage dort so ist, wie sie ist. Und sie wissen auch, warum die Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Immer auch: DIE Menschen, DIE Ossis. Sind ja alle gleich. Und es gibt sie auch nur dort. Den Menschen dort einfach mal zuzuhören ohne dieses gedankliche „Aber Ihr müsstet doch …“ scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein**.

Lektion 4: der bundesliga-fußball hat mich wohl endgültig verloren

Ich hatte es hier ja schon mehrfach erwähnt: Die Vorkommnisse um den und beim HSV  haben mein Fan-Dasein sehr verändert. Dazu zählten legendäre Mitgliederversammlungen, Fantreffen, Erlebnisse vor und in Stadien … da war nicht alles zum Davonlaufen, aber dass es zwischen „himmelhochjauchzend“ und „zu Tode betrübt“ praktische keine akzeptierten Emotionen mehr zu geben scheint, hat mich nachhaltig irritiert, tut es noch. Die Konsequenz daraus heißt eine zunehmende emotionale Distanz. Ich bin in dieser Hinrunde genau 2x bei einem HSV-Spiel direkt vor Ort gewesen – in Sandhausen und in Wiesbaden zum Pokalspiel. Das war beide Male sehr amüsant (der HSV gewann jeweils klar), doch das, was mir in Erinnerung geblieben ist, bezieht sich weniger auf das Spiel an sich als um das Drumherum: auf die netten Leute, mit denen ich hingefahren, die ich vor Ort getroffen habe. Auf das wirklich tolle kulinarische Angebot in Sandhausen (wer es mag und die Gelegenheit hat: Die Roséschorle ist klasse!), auf die entspannten An- und Abreisen. Eigentlich schade, aber so ist das. Dazu kamen dann irgendwann Football Leaks und schließlich auch das Buch „Der Abstieg“ von Escher und Jovanov, die einmal mehr aussprachen, was jeder eigentlich geahnt hat: Es geht in diesem ganzen Fußballzirkus um alles mögliche, aber irgendwie nicht mehr wirklich um den Sport. Die Ligen werden durch die Medien unfassbar überhöht (na klar, man will das Produkt ja verkaufen), die Spieler erleben eine Bedeutung ihrer selbst, die man unanständig und unangemessen nennen muss (wer das noch mal nachlesen möchte, hier ein Interview mit Jan Rosenthal), und über die Summen, die hier bewegt werden, legen wir besser den Mantel des Schweigens, sonst wird einem ja schlecht. Ich schaue auf die Ergebnisse, verfolge manchmal noch die BuLi-Konferenz, um dann am Ende zu sagen: Naja, nett, mehr ned.

Lektion 5: Sein wie man ist – es fällt mit zunehmendem Alter leichter

Ich nehme für mich in Anspruch, mich noch nie so richtig fies verbogen zu haben, um irgendetwas zu erreichen. Ich bin Kompromisse eingegangen, habe zurückgesteckt oder auch die Klappe gehalten, obwohl ich eine Menge zu sagen gehabt hätte, doch ich habe mich (und erst recht nicht meine beruflichen Ergebnisse!) nicht verbogen, um irgendjemandem zu gefallen, seinen Erwartungen oder irgendeinem Rollenmodell zu entsprechen. Das fiel mir nicht immer leicht, und es hat sicher auch dafür gesorgt, dass sich vieles manchmal anders entwickelt hat als ursprünglich geplant. Jetzt bin ich in einem Alter, da ich das wirklich gut aushalten kann. Und nicht nur das: Mich gerade zu machen für etwas, von dem ich überzeugt bin, fällt mir heute leichter denn je. Zu etwas Nein zu sagen, was mich nervt und mir keinen Spaß mehr macht, gelingt mir einfach, besonders auch beruflich. Das ist keine Form von Mut oder Lebensmüdigkeit, sondern von einem Selbstbewusstsein, das nicht aufgesetzt, sondern aus Erfahrung gewachsen ist. Und dann ist da noch etwas. Lars Fischer schrieb auf Twitter neulich dieses hier:

Ich habe eigentlich immer versucht, nie irgendwo so richtig dazuzugehören, weil ich mich einfach nicht festlegen oder weil ich mit bestimmten Vertretern einer Gruppe nicht in einem Topf sein wollte oder mir einfach in der Rolle der ewig Zweifelnden gefiel. Drum heißt meine Erkenntnis von 2018: Es ist mir schlicht egal, ob ich irgendwo eingeordnet werde. Wer diese Schubladendenke braucht – bittesehr. Das heißt übrigens nicht, dass ich es mir in der Beliebigkeitsecke bequem gemacht hätte. Ich leiste mir nur zu vielem eine differenzierte Haltung und Meinung. Um das zu verdeutlichen: Ich kann beim HSV ganz viel Kritikwürdiges benennen und mich gleichzeitig kurz und leise über einen Sieg der Mannschaft freuen. Ich kann eine sehr behütende und mitfühlende Mutter sein, ohne das Konzept des attachment parentings gut zu finden. Ich kann eine (gute) Journalistin sein, ohne dafür zwingend „Geschichten“ erzählen zu müssen***. Ich bin nicht automatisch B, weil ich A nicht bin. Und genau so zu sein, wie ich eben bin, ohne das ständig erklären zu wollen, empfinde ich als ein großes Geschenk.

 

*Ich gehöre zu jenen, die sich etwas besser merken können, wenn sie es einmal aufgeschrieben haben.
**So ein wenig hat mir der Fall Relotius hier die Sinne geschärft: Viele gehen mit einer vorgefassten Meinung in solche Recherchen hinein, die dann bitteschön auch bestätigt werden müssen. Die eigene Haltung/Meinung gibt hier das Ergebnis vor. Übel! Richtig übel!
***Mich hat der Fall Relotius sehr mitgenommen, weil er mich in meiner Berufsehre kränkt. Weil es in meiner Ausbildung/in meinem Studium das Genre „Geschichte“ einfach nicht gab und heute nahezu jeder Journalist meint, nur noch mit „Geschichten“ reüssieren zu können und dafür sogar lügt. Weil die Eitelkeit in dieser Branche so unendlich groß geworden ist. Und weil eigentlich niemand für diese Entwicklungen die Verantwortung übernehmen will.

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