Aufeinander zugehen statt sich abzugrenzen

Die liebe Mama-notes hat mich wieder mal angestiftet. In einem leidenschaftlich formulierten Blogpost innerhalb einer Blogparade fragt sie, ob es denn nicht mal langsam gut sei mit dem Bashing von Eltern, die im Grunde nicht viel richtig machen könnten. Entweder sind sie zu nahe am Kind dran (Helikopter) oder zu weit weg (Bildungsferne). Sie verweist u.a. auf den offenen Brief eines württembergischen Grundschulleiters, der sich über die Überfürsorglichkeit mancher Eltern öffentlich beschwerte. Im Kern lese ich bei Mama-notes heraus: Leben und leben lassen. Soll jede(r) machen, wie er/sie meint, es gäbe sicher immer Gründe dafür.

Ich möchte das so nicht stehenlassen. Doch Zunächst: Dass wir uns in der Gegenwart so extrem mit Kindern und dem Elternsein beschäftigen, hat Ursachen. Es werden immer weniger Kinder in Deutschland geboren (nachzulesen ist das u.a. hier). Vor etwa 40 Jahren war in Baden-Württemberg (diese Zahlen konnte ich schnell finden) die Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 25 Jahre, heute ist sie 30 Jahre alt. Kinder „passieren“ heute nicht mehr einfach so, heute ist die Elternschaft in der Regel gut geplant. Sichere Verhütungsmethoden machen es möglich. Dazu kommt: Die Frauen sind selbstbewusster geworden, sie möchten mehr als nur Mutter sein, ihre gute Ausbildung nutzen, in ihrem Beruf arbeiten und vielleicht auch darin mehr erreichen. Wir reden also sofort nicht mehr über Kinder oder Karriere, sondern Kind und Karriere. Mit steigendem Lebensalter steigt leider auch das Risiko von Fehlgeburten bzw. sinkt die Fertalität der Frau. Heißt: Kinder zu bekommen, ist nicht ganz so selbstverständlich wie man oft glaubt. Klappt es dann, werden Kinder häufig zu einem „Projekt“ (wie bestimmte Lebensabschnitte eben auch): Und dieses Projekt soll, muss gelingen. Die Ansprüche der Eltern selbst, aber auch die der Gesellschaft an den immer knapper werdenden Nachwuchs sind also hoch.

Ich gebe zu, ich war nicht frei von dieser Denke, wenngleich die Ursache hier eher aus mir selbst kam. Mein allgemeiner Perfektionsanspruch stand mir zu Beginn meines Mutterdaseins ganz schön im Weg, und ich bin froh – jetzt kommen wir zum Kern meiner These –, mich darin nicht festgebissen, sondern geöffnet zu haben: für andere Ideen, andere Meinungen, andere Herangehensweisen.

Dabei und daraus haben sich durchaus einige Grundsätze entwickelt, die diese Offenheit aus meiner Sicht gut widerspiegeln:

  1. Menschen sind soziale Wesen (Interaktion statt Abgrenzung):
    Wir als Familie leben nicht auf einer Insel, sondern in einer Gesellschaft. Das heißt: Es dreht sich um das WIR statt immer ausschließlich um das ICH. Wir gehen höflich miteinander um, achten darauf, dass keiner körperlich und seelisch verletzt wird, wir respektieren die Bedürfnisse aller in der Famillie, nicht nur die der Kinder. Schön formuliert ist das im letzten Absatz dieses Artikels in der ZEIT.
  2. Kinder wollen lernen (selbst begreifen statt bedient werden):
    Helikopter impliziert ja immer, dass die Kinder es nicht alleine schaffen würden, sie bräuchten immer Unterstützung oder Anleitung oder Ähnliches. Nein, brauchen sie nicht. Wenn sie in ihrem Leben keine Herausforderungen mehr selbst meistern müssen, wie sollen sie es dann lernen? Und wie sollen sie das im späteren Leben können, wenn man ihnen das immer abnimmt? Ich bin nie auf einem Spielgerät gewesen – warum? Wenn mein Kind nicht allein hochgekommen ist, war es für das Gerät schlicht zu klein oder wollte es einfach auch gar nicht. Denn wenn es das gewollte hätte, dann hätte es auch einen Weg gefunden, da raufzukommen. „Keine Arme, keine Kekse“ – so einfach ist das manchmal, um es ein wenig platt zu sagen. Es muss für die Kinder doch noch etwas zu entdecken geben. Schaut Euch einmal den Stolz in den Kinderaugen an, wenn sie etwas ganz allein herausgefunden und gemeistert haben. Darum geht’s.
  3. In der Familie sind alle Mitglieder gleichwürdig:
    Alle Beteiligten müssen sich wohlfühlen. Wenn es um Dinge geht, über die wir frei bestimmen können (ich grenze hier zu schulischen, verpflichtenden Dingen ab), zwinge ich kein Kind, irgendwas zu tun, das es nicht will. Abstriche gibt es da wohl beim Aufräumen (wer einmal in Lego-Steine trat, wird sofort wissen, was ich meine). Aber: Ein Instrument zu erlernen ist gerne gesehen, aber kein Muss. Sport ist wichtig, ja, aber dann auf eine Weise, die das betreffende Kind auch durchhält und gerne ausübt. Etwas tun/organisieren, weil mir andere sagen, das Kind müsse aber mal … nein, muss es nicht. Keiner muss sich hier verbiegen (weder das Kind, noch die Eltern), jeder darf sein, wie er ist. Übrigens: auch mal schlechte Laune haben oder Langeweile verspüren.

Offenheit statt Abgrenzung

Schön und gut, aber müssen wir mit unseren Erkenntnissen andere nerven, attackieren oder belehren wollen? Ich sage: Drehen wir die Perspektive doch einmal um. Wollen wir, dass sich keiner mehr um andere sorgt? Wollen wir, dass jedem völlig egal ist, was andere machen? Leben wir Toleranz als Gleichgültigkeit und grenzen uns dann einfach nur noch stärker ab, wenn wir mit dem, was andere so machen, aus welchen Gründen auch immer schließlich nicht zurechtkommen, nämlich spätestens dann, wenn man gezwungermaßen in der Schule oder im Job aufeinandertrifft ? Wird das Zusammenleben in einer Gesellschaft dann zu einem Nebeneinander voller Filterbubbles mit der größten Herausforderung darin, sich immer stärker abzugrenzen? *

Das kann es doch nicht sein. Ich finde es sinnvoll, sich filterbubble-übergreifend auszutauschen, zu diskutieren, das Für und Wider abzuwägen und – Achtung! – seine Meinung zu hinterfragen und auch einmal zu ändern. Ich bin dankbar dafür, wenn ich auf Aspekte hingewiesen werde, die ich vorher noch nicht kannte oder vergaß zu berücksichtigen. Ich freue mich über Hinweise, die meinem Leben neue Seiten hinzufügen. Ich habe mich in so vielen kleinen Dingen des Alltags von anderen Menschen inspirieren, aufklären lassen. Mir Literatur empfehlen lassen. Wie hätte ich das alles je erfahren sollen?

Was hätte ich nur ohne mein Schwangeren- und mein Baby-Forum gemacht. Nicht nur, dass ich viele Begegnungen verpasst hätte, mir wäre auch so viel anderes Wertvolles entgangen. Ich hätte vieles falsch oder umsonst gemacht, einfach, weil ich keine Ahnung hatte. Retterspitz äußerlich kannte ich nicht und hat mir als stillende Mutter ganz hervorragend geholfen. Ein warmer Teebeutel (Schwarztee) an Babys wunden Po, darauf wäre ich nie gekommen, und es half! Ich könnte ewig so weitermachen. Und das wollen wir aufgeben, weil wir der Meinung sind, dass jeder es so machen soll, wie er meint, weil es dafür auch bestimmt Gründe gibt? Wir verlinken auf Twitter (oder in den Blogs) doch auch ständig auf Beiträge, die wir für interessant und weitergebenswert halten. Warum? Weil es uns eben nicht egal ist, wie Kinder aufwachsen und sich Erwachsene/Eltern zu ihnen verhalten. Wir wollen doch unser (neues) Wissen weitergeben oder zumindest darüber reden. Und das ist verdammt gut so! Schließlich: Ich diskutiere ganz sicher nicht einfach so, sondern immer mit einer Absicht: Ich möchte mit meiner Argumentation verstanden werden, aber auch die Argumente der anderen Seite verstehen und so dazulernen. Optimalerweise geht das dem Gegenüber auch so.

Ich denke, dass es hier – wieder mal – auf das WIE ankommt. Meine Antwort heißt daher: Lasst uns gegenseitig an verschiedenen Konzepten teilhaben. Lasst sie uns bei Bedarf offen diskutieren, nach Gründen fragen, verstehen und vielleicht zu neuen Erkenntnissen kommen. Lasst uns im freundlichen Miteinander Erfahrungen austauschen und weitergeben. Wer so offen ist, muss sich nicht in Form von mommywar und Elternbashing abgrenzen.

* Dass dieses Aufbrechen von Abgrenzungen (ja: Begrenzungen) wichtig ist, bestätigt auch dieser Artikel auf SPON. Und zwar mit diesem Satz hier:

Die Realität der meisten Mütter ist, dass sie im Gegensatz zu früheren Generationen nicht mehr im Verbund einer Großfamilie leben. Dadurch fehlen Erfahrungen und Ratschläge, manche Frauen führen mit ihrem Baby ein nahezu isoliertes Leben. Hinzu kommt der Druck durch mitunter dogmatisch geführte Diskussionen zum Thema Stillen und Babyernährung.

Natürlich sollen Diskussionen nicht dogmatisch geführt werden. Im Gegenteil. Denn die Mamis sollen eben nicht allein bleiben mit ihren Sorgen, ihren Ängsten, ihren Unsicherheiten.

Advertisements

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. NathalieK sagt:

    Ich hatte es auch bei mama notes kommentiert, mich nervt es auch, dass es nur noch Extreme zu geben scheint, wenn man Kinder hat. Man wird so überschüttet mit gegensätzlichen Meinungen, was man denn tun soll – es wird ja schon missionarisch vorgegangen dabei. Anstatt einfach mal sein eigenes Ding zu machen und die anderen Mamas ihr Ding machen zu lassen. Deshalb habe ich meinen Blog auch ganznormalemama genannt. Weil ich mich frage, ob man denn überhaupt noch Normalo sein darf zwischen den Übermüttern und Raben müttern?!

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Liebe Nathalie,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wie man die Äußerungen von anderen Muttis wahrnimmt, ist auch ein klein wenig von einem selbst abhängig. Ich plädiere dafür, sich nicht kleiner zu machen als man ist. Hör Dir einfach an, was die anderen zu sagen haben, und such Dir das raus, was zu Dir passen könnte. Bei allem anderen kannst Du ganz locker sagen: Ist nicht so meins. Und fertig.

      Außerdem frage ich mal ketzerisch: Wer sind in Deinen Augen denn Übermuttis, wer sind Rabenmuttis? Wer definiert das eigentlich? Warum müssen wir Mütter uns immer so kategorisieren? Indem Du andere so nennst, grenzt Du Dich ja auch ab (so bin ich nicht, so will ich nicht sein). Damit machst Du Dich aus meiner Sicht zum Teil dieses „Systems“, das Du kritisierst: Du lässt die anderen nicht sein, wie sie wollen, sondern gibst ihnen ein Etikett, Du bewertest sie. Vielleicht kränkt das diese Frauen ja auch. Ich glaube einfach, dass vieles, was so an Ratschlägen kommt, durchaus lieb gemeint ist. Es kommt nur anders an. Und dass sich daran etwas ändert, ist Sache beider Seiten.

      Neulich wurde von einem Elternaccount auf Twitter gefragt, als welche Mutter man sich denn sähe. Ich antwortete sinngemäß darauf, dass ich mich in keiner einzigen Schublade der ca. 18 vorgegebenen wiederfände, ich sei einfach ich selbst, das müsste reichen. Und weißt Du was: Reicht vollkommen. 🙂

      Gefällt mir

      1. NathalieK sagt:

        Genauso wie Du es zusammenfasst,meinte ich es eigentlich auch. Jeder sollte so sein wie er es für richtig hält – eben ganz normal. Und das heißt auch, dass man sich einfach raussucht, was für einen passt. Wie bei einem Buffet. Da tut man sich ja auch manchmal die Pommes nebens Sushi 🙂 Ich wollte eigentlich mit meinem Kommenmtar eben jenes Schubladendenken kritisieren. Und: Wer schreibt uns denn diese Schubladen überhaupt vor?! Wie wäre es statt einem Schrank mit Schubladen mal mit einem offenen Regal … So BuffetMetaphern und Regal-Metaphern, nun muss ich aber mal ins Bett… das kommt davon, wenn man einhändig tippt und nebenher stillt 🙂 Was ich meinte, war, wir sind da ganz auf einer Wellenlänge!

        Gefällt mir

      2. mrscgn sagt:

        Ein Stillkind. Hach.
        Offenes Regal gefällt mir gut als Bild. Man stellt etwas hinein (eigene Erfahrungen), andere, die vorbei gehen, schauen es sich an und nehmen sich, was sie brauchen. Und stellen ihrerseits wieder etwas hinein. Ja, so stelle ich mir das vor. Und was da drin steht, braucht kein Etikett, das kostet nix. Außer ein bisschen Zeit und guten Willen. Cool!

        Gefällt mir

      3. NathalieK sagt:

        Ja, ein Stillkind mit über einem Jahr. Und stell Dir vor, sogar gegen Masern geimpft 😉 Da hab ich auch in 2 Schubladen gegriffen 🙂 Zu den Thema, wieso wir Mamas es uns gegenseitig so schwer machen anstatt mal zusammenzuhalten und uns einfach mal zu tolerieren, wie wir sind, hatte ich mal geschrieben, ist mir gestern abend im Bett noch eingefallen. Wenn Du magst, hier der Link https://ganznormalemama.wordpress.com/2014/09/06/wieso-machen-wir-mamas-es-uns-gegenseitig-so-schwer/
        Es gibt eigentlich nichts Persönlicheres als die Familie und das Leben mit den Kindern – und komischerweise wird genau dieses Persönliche von allen kommentiert und mit guten Ratschlägen überschüttet. Gibt kaum etwas so Persönliches, was so ungefragt ins Öffentliche gezogen wird. Fängt an bei den alten Damen, die einen unterwegs ansprechen: „Wieso hat der Kleine denn gar keine Mütze auf?“
        Schon komisch, unsere Gesellschaft, oder? Ich weiß gar nicht, war das schon immer so, dass sich alle Welt in die Kindererziehung einmsichte und es vor allem so viele dogmatische Menschen und verschiedene Überzeugungen gab?!

        Gefällt mir

  2. Katharina sagt:

    Innerhalb (meiner) grossen Familie werden „Wahrheiten“ bezüglich (Ab)Stillen, Tragen, schlafen, schreien lassen,……. mit weitaus härteren Bandagen geführt, als ich es je im Internet erlebt hätte.
    Was heute im Gegensatz zu noch vor 2 Generationen neu dazu gekommen ist, dass wir die Wahl haben, dass wir andere Möglichkeiten sehen können, und keine Mutter oder Schwiegermutter den Säugling mit „so ist es und nicht anders“ für sich monopolisiert. Früher hatte man keine Wahl. Heute hat man sie. Und das impliziret natürlich automatisch, dass man sich Gedanken macht, machen muss, was man für das Beste hält – und das impliziert wiederum, dass wenn jemand anders was anderes für das Beste hält, meine eigene Wahl zwangsläufig ständig infrage gestellt wird. Und natürlich muss ich, wenn ich entscheide, auch die Konsequenzen tragen und ich kann niemandem die Schuld für meine (fehl) Entscheidungen geben, wenn was schief läuft.

    Gefällt 1 Person

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s