Antworten auf Kinderfragen: Was macht man eigentlich als Journalistin?

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Die große Tochter von Susanne, die unter „ich lebe jetzt“ bloggt, möchte gerne mehr wissen über interessante Berufe und hat der bezaubernden Sévérine einige Fragen gestellt. Die Antworten darauf sind hier verbloggt, und ich fand das sehr spannend, denn obwohl Sévérine und ich in sehr ähnlichen Bereichen unterwegs sind, fiel mir etwas auf:

Auf ausdrücklichen Wunsch von Susanne, wegen der wirklich tollen Fragen der Tochter und weil es meine Kinder wahrscheinlich auch interessiert, hier also meine Antworten:

Kann jeder Journalist werden, oder braucht man vorher eine besondere Ausbildung?

Grundsätzlich kann das jeder werden und sein, dazu braucht es nicht zwingend eine besondere Ausbildung; die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist nicht geschützt. Ich selbst bin „Diplom-Journalistin“, so darf ich mich nennen, weil ich ein Studium der Journalistik/des Journalismus mit dem Diplom (das ist ein wissenschaftliche Arbeit zum Abschluss eines Studiums) abgeschlossen habe. Ich habe während der vier Jahre meines Studium sehr viel darüber gelernt, wie man als Journalist arbeitet, wie man recherchiert, welche unterschiedlichen Ausdrucksformen in Texten es gibt, wie man Fragen stellt, und ja: Wie man schreibt! Für mich ist das ein Handwerk – so wie Parkett zu legen oder eine Wand zu mauern. Mit anderen Worten: Es gibt ganz viele Wege hin zum einem Journalisten. Heute würde ich immer dazu raten, ein Fach zu einem interessanten Themenbereich zu studieren (also zum Beispiel Biologie, Volkswirtschaft, Geschichte/Politikwissenschaft) und anschließend ein so genanntes Volontariat zu machen. So nennt sich die Ausbildung von Journalisten, die direkt im Verlag stattfindet. Dabei hat der Volontär/die Volontärin einen Mentor/Mentorin, teilweise auch theoretischen Unterricht und lernt das Handwerkszeug direkt während der Arbeit.

Muß ich viel gelesen haben, bevor ich Journalistin werden kann? Damit ich alles weiß, worüber ich schreibe?

Es ist nie verkehrt, viel zu lesen, auch wenn Du nicht Journalistin werden möchtest. Aber klar ist, dass Du nicht alles wissen musst. Es ist ja gerade Dein Beruf, Dinge, die andere (noch) nicht wissen, so zu erklären, dass sie sie auch verstehen. Ich schreibe zum Beispiel ganz viel über zahnmedizinische Themen, ohne Zahnmedizin studiert zu haben. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht: Du solltest im positiven Sinne neugierig sein und anderen Menschen unbedingt erzählen wollen, was Du herausgefunden oder erlebt hast. Wenn das nicht so Deine Stärken sind, nützen Dir die besten Sprachkenntnisse wenig. Grundsätzlich sind diese natürlich wichtig, weil Deine Leser Dich ja verstehen sollen.

Kennst Du Karla Kolumna? Fährst Du auch wie eine Verrückte auf einem Roller durch die Stadt?

Ich kannte Karla Kolumna bis vor ein paar Jahren nicht, weil ich in der DDR aufgewachsen bin. Und da war eher „Frau Puppendoktor Pille“ meine Heldin. Ich wollte nämlich neben Schlagersängerin unbedingt Ärztin werden. Aber: Ich habe während meiner Ausbildung (Volontariat) bei einer Lokalzeitung gearbeitet und bin dabei tatsächlich viel in meinem Bundesland herumgekommen, damals sogar mit einem Fahrer. An eine Sache erinnere ich mich besonders gerne: Es gab eine Rubrik in der Zeitung, die sich „Der kuriose Ortsname“ nannte. Ich berichtete dabei aus „Evchensruh“.

Wann hast Du Dich für den Beruf entschieden, was fasziniert Dich daran?

Eigentlich wollte ich die erste Fußballreporterin sein, die live im Fernsehen ein Fußballspiel kommentiert. Ich bin nämlich großer Fußballfan, und ich rege mich noch heute oft darüber auf, wie diese Spiele immer so kommentiert werden – in der Regel sind das ja Männer. Also habe ich mich informiert, wie das wohl gehen könnte. Im Laufe meine Studiums hat sich das natürlich verändert. Was mich fasziniert? Ich bin wirklich sehr interessiert an den Geschichten anderer. Und wenn Dir dann jemand sagst: Toll, was Sie aus unserem Gespräch herausgeholt und strukturiert zusammengestellt haben, dann fühlt sich das sehr gut an. Ich mag unsere Sprache, und ich finde es klasse, dass ich genau das durch meinen Beruf so leben kann. Und auch noch Geld dafür bekomme. 🙂

Was ist das Schönste an Deinem Beruf?

Ich schätze daran vor allem die Abwechslung, den Kontakt zu immer wieder neuen Menschen mit ihren interessanten Geschichten und Themen, die Freiheiten, die mir diese Aufgabe lässt (ich bin freie Journalistin, kann  mir also meine Arbeit selbst einteilen), und natürlich auch das Feedback, das ich auf meine Texte hin bekomme.

Worüber schreibst Du am liebsten?

Das kann ich so gar nicht beantworten, weil es hieße, mich zu entscheiden. Ich beantworte zum Beispiel gerade total gerne Deine Fragen. Ich habe aber auch Spaß daran, einen Bericht über meine Fußballerlebnisse zu schreiben. Das ist aber eher privat. Wenn es um meinen Beruf geht: Da schreibe ich am liebsten über die tollen Sachen, die Zahnärztinnen so machen. Frauen in diesem Beruf haben ein Händchen dafür, wie Zähne und das Zahnfleisch wirklich gesund, gut und für das Auge gefällig aussehen. Sie gehen so ganz anders an ihre Arbeit heran als ihre männlichen Kollegen und treten dabei häufig sehr bescheiden und vor allem sehr zugewandt auf. Ihnen liegen die Patienten meist sehr am Herzen. Das sind häufig Frauen, mit denen ich mich auch gerne privat unterhalten würde.

Wenn Du Dir einen Interviewpartner wünschen dürftest, wer wäre das? Und was würdest Du die Person fragen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn: Journalist zu sein bedeutet für mich, in erster Linie daran zu denken, was für andere, also für die Leser interessant sein könnte – und nicht, was ich spannend finde. Ich verstehe mich, wenn ich journalistisch arbeite, als Dienstleister, ich versuche, etwas herauszufinden, einzuordnen, klarzustellen, was die Leser so vielleicht nicht wissen, wofür sie sich aber sehr interessieren. Insofern ist mein Blog hier nicht journalistisch, denn hier findet das statt, was zu allererst mich interessiert, es ist mein Denkarium – das kennst Du bestimmt aus Harry Potter, oder? Aber, um Deine Frage zu beantworten: Aktuell wünsche ich mir die Bundeskanzlerin als Interview-Gast, weil sie auf so viele Fragen, die ihr kluge Leute gestellt haben, die Antwort bisher verweigert hat. Auf so etwas reagiere ich sehr empfindlich. Eine Frage wäre zum Beispiel, wo sie eigene Fehler einräumt (sie hat ja ganz viele Stimmen bei der Wahl verloren), und was sie jetzt konkret anders machen möchte.

Wie lange brauchst Du, um eine Seite, die veröffentlicht werden soll, fertig zu stellen?

Das kommt ganz darauf an, wie groß diese Zeitung ist. Du kennst ja bestimmt die Süddeutsche Zeitung. Diese erscheint im so genannten Nordischen Format, da passt schon eine Menge drauf. Und dann gibt es Zeitschriften wie zum Beispiel Geolino, die wiederum sehr viele illustrative Elemente, also Bilder und Grafiken, enthält. Wie lange ich an einem Beitrag arbeite, hängt bei mir weniger vom Umfang, sondern vom Thema ab. Ich habe so eine große Zeitungsseite auch schon mal in 3 Stunden voll geschrieben, da lief es mir sprichwörtlich aus der Feder.

Hast Du schon mal für eine gute Story etwas geschrieben, was so gar nicht passiert ist?

Nein. Das habe ich noch nie getan, und ich schreibe schon seit meinem 16. Lebensjahr. Wenn ich es nicht so schreiben darf, wie es war bzw. ist, dann lasse ich es bleiben. Wenn ich Geschichten lesen möchte, dann nehme ich mir ein Buch zur Hand – wenn jemand als Journalist schreibt, muss er bei der Wahrheit bleiben. Da bin ich ganz strikt. Ich habe das im Übrigen auch für dieses Blog so entschieden, auch wenn es nicht journalistisch ist.

Woher bekommst Du Deine Informationen?

Ich bin Journalistin geworden, als es noch gar kein Internet gab. Ich habe wie eine Irre telefoniert, in Archiven gewühlt und gelesen, Kollegen gefragt, bin zu Leuten hingefahren und habe ihnen Löcher in den Bauch gefragt. Heute dominiert natürlich das Internet, weil man da wirklich viel findet, aber ich schätze am meisten immer noch das persönliche Gespräch. Wenn man mit jemandem spricht, erfährt man so viel mehr, als irgendwo geschrieben ist, denn: Ein Journalist schreibt praktisch nie alles auf, was er erfährt.

Für wen schreibst Du, wer liest Deine Texte?

Das hat sich im Laufe der Jahre sehr gewandelt. Anfangs waren es Menschen wie Deine Eltern und ich, also für jeden. In der Lokalzeitung. Dann war es mal eine Zeitung, die sich an Sammler von Telefonkarten richtete. Sehr lange habe ich für jene geschrieben, die sich dafür interessierten, wie sie Geld anlegen, ein Haus finanzieren oder sich am besten versichern können. Seit einigen Jahren schreibe ich für Zahnärzte und für die zahnärztliche Assistenz, was auch ein sehr interessanter und oft unterschätzter Beruf ist.

Schreibst Du lieber für das Internet oder eine Zeitung aus Papier?

Es geht nichts über frisch bedrucktes Papier, da bin ich wahrscheinlich altmodisch. Aber letztlich zählt für mich, dass meine Texte jene erreichen, die ich auch ansprechen möchte. Wenn das eher online ist – auch gut.

 

 

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