Eine Lese(n)-Geschichte.

Ich lasse mich ja gerne auf Twitter mit bestimmten Themen anstecken, heute hat das die Cloudette mit ihrem Blog zum Thema Lesen geschafft. Denn: Mein Leseverhalten und das, was ich lese, unterscheidet sich komplett von ihrem und, wie ich bemerke, auch von dem vieler anderer Frauen. Wenn ich so zurückschaue, hat sich mein Leseverhalten durch die Jahre kaum verändert: Durch meinen Beruf bin ich viel unterwegs (Flieger, Bahn), da ist Zeit zu lesen. Sonntagmorgens nach der Zeitung. Abends. Statt fernzusehen (ganz oft, TV finde ich abgesehen von Tatort, Fußball und anderen wenigen Ausnahmen ziemlich doof). Ich gebe wenig auf Bestsellerlisten, vertraue keinen Rezensionen, sondern gern und oft den Empfehlungen von Bekannten, Kollegen, Freunden und ja, auch meiner Mutter.

Sie war überhaupt diejenige, die mein Leseverhalten als Kind sehr geprägt hat. Schon mit 14 habe ich „Effi Briest“ verschlungen (und in der Schule einen Aufsatz darüber geschrieben, was mir die Bemerkung einbrachte, dass das wohl kaum die richtige Literatur für eine 14-Jährige sei). Neben den klassischen Mädchen-Büchern, die es zu DDR-Zeiten gab („Ulrike“, eine Leistungsschwimmerin, die mit sich und ihrer Leistung hadert; „Corinna“, eine Volleyballerin, der zwischenzeitlich eine Liebelei wichtiger ist als der Sport usw) las ich viel von Balzac. Das lag wohl daran, dass ich in der 7. Klasse anfing, Französisch zu lernen, und ich freute mich dann, die in den Büchern genannten Namen schön französisch aussprechen zu können. Bei dem Gedanken daran muss ich wirklich lachen. Außerdem gab mir meine Mutter Fallada zu lesen, „Kleiner Mann, was nun?“ hat mir sehr gefallen.

Während der Schulzeit wurde sehr viel „pflichtgelesen“. Und so lernte ich die bekannten DDR-Autoren kennen und las (weit über das Pflichtprogramm hinaus) viele Bücher von ihnen: Wohlgemuth (legendär „Das Puppenheim in Pinnow“, wurde auch verfilmt mit Walter Plathe; dazu „Egon und das achte Weltwunder“, was von der Urbachmachung der Friedländer Wiese erzählt), Sakowski (bockstark „Verflucht und geliebt“, auch verfilmt mit richtig guten Schauspielern), Kant (natürlich die „Aula“, besser fand ich aber das „Impressum“, was ich während meines Volontariats las und bestens in meinen damaligen Alltag passte, denn es ging um eine Redaktion; seine Schreibe finde ich auch heute noch großartig). Dazu kamen dann einige Autoren aus der damaligen Sowjetunion wie Scholochow („Neuland unterm Pflug“) und Aitmatov („Djamila“), das war schwere Kost.

Mein absolutes Lieblingsbuch als Jugendliche war übrigens „Die Abenteuer des Werner Holt“. Keine Ahnung, warum genau, ich habe es auf jeden Fall mehrmals gelesen und konnte es dann zwischenzeitlich zitieren. Es handelt von einem 16-jährigen Jungen, der zum Wehrdienst eingezogen wird und als Flakhelfer die letzten Kriegsmonate erlebt. Es ist viel von Kameradschaft die Rede, aber zeigt sehr deutlich die Zerrissenheit dieser Generation, die einerseits von ihrer Sache überzeugt ist, sich andererseits aber immer wieder fragt: Wozu soll das alles gut sein? Ich habe es damals gar nicht so politisch empfunden, wie es sicherlich war. In einer Szene, in der die Rekruten Strafübungen absolvieren mussten, fiel der Satz „Ihr werdet robben, bis der Nabel glänzt.“, er hat sich mir über die Jahre eingeprägt. Der zweite Teil dazu reichte an den ersten in keiner Weise heran.

LP-, statt Single-Käufer

Im weiteren Verlauf gab und gibt es bis heute immer Phasen, in denen ich von bestimmten Autoren einfach viel las bzw. lese. Ein bisschen ist das wie bei der Musik: Ich war und bin LP-, kein Single-Käufer.

Stephen King kam irgendwann, das fing mit „Die Verurteilten“ an, was ja harmlos ist gegen all das, was der Mann sonst noch so schrieb. „Es“ war grandios, „Sie“ hat mir körperlich weh getan, „Stark“ fand ich am besten, „Shining“ am schlimmsten, was aber daran lag, dass ich ständig Jack Nicholson vor Augen hatte, und dessen Blick machte mir damals Angst. Dann kam eine Phase mit Grisham, von dem ich auch so ziemlich alles gelesen habe, „Die Firma“ wirklich an einem Stück. Diesen Autor kann man übrigens gut im englischen Original lesen, das ist nicht allzu kompliziert.

Schließlich Jane Austen. Ich gebe zu, dass ich auf sie durch den Film „E-Mail für Dich“ kam. Und auch mich begeisterte diese Sprache. Allein diese Namen: Ms Bennett und Mr Darcy. In dieser Phase gefiel mir auch wieder Balzac, „Honorine“ ist ein Band mit mehreren Erzählungen, die wunderschön sind. Aber: Man muss dranbleiben, Balzac verliert sich oft in Beschreibungen, ohne aus meiner Sicht die Handlung voranzutreiben. So etwas muss man mögen.

Auf Susanne Fröhlich wurde ich während meiner ersten Schwangerschaft aufmerksam gemacht, eine ehemalige Kollegin war zur gleichen Zeit schwanger und empfahl sie mir. Fröhlichs Bücher mit der Hauptfigur Frau Schnidt habe ich alle verschlungen, teilweise meinem Mann daraus vorgelesen, was für ein Spaß (etwa die Szene, als die Andrea Schnidt mit ihrem Liebsten zugange ist und der sich währenddessen den Zeh an der Kerze verbrennt). Hier ist übrigens wichtig, die Reihenfolge einzuhalten, da die Bücher aufeinander aufbauen: „Frisch gepresst“, „Frisch gemacht“, „Familienpackung“, „Treuepunkte“ und „Lieblingsstücke“. Das ist leichte, aber sehr unterhaltsame Kost für (frische) Mütter. Da ist nichts perfekt, sondern herrlich normal und mit niedlichen kleinen Katastrophen.

Dazu passt auch die Ellie-Haskell-Reihe von Dorothy Cannell, leider sind die Bücher kaum noch zu bekommen. Eine etwas pummlige Frau, die einen Mann vorweisen muss, um eine Erbschaft antreten zu können, die sich dafür einen Mann bei einer Agentur „mietet“, dann aber auf sehr charmante und überhaupt nicht plumpe Art mit ihm zusammenkommt, Zwillinge zur Welt bringt und dann in dem geerbtem alten Haus auf dem Land Kriminalfälle löst. Sehr witzig geschrieben. In eine ähnliche Richtung gehen einige Bücher von Rita Mae Brown, ich meine hier ihre Katzenkrimis mit MrsMurphy und ihrer Corgi-Freundin Tee Tucker, „Schade, dass Du nicht tot bist“ und „Ruhe in Fetzen“ klingen schon gut, oder?

Seit einigen Jahren begeistern mich Krimis und Thriller, und hier darf es gerne brutal sein: Ich habe die Bourne-Bücher von Ludlum verschlungen, die übrigens um Klassen besser sind als die Verfilmungen mit Matt Damon. Larsson natürlich, auch hier die Bücher wieder besser als die Filme, wobei: Wenn schon Film, dann unbedingt die schwedische Version! Wenn wir in Skandinavien sind: Jo Nesbö aus Norwegen. Alle Harry-Hole-Fälle. Echte Page-Turner. Wirklich. Diese Bücher legt man nicht aus der Hand, bis man weiß, wer es war, und das ist jedes Mal wirklich überraschend und aus meiner Laien-Sicht brillant geschrieben. Neu entdeckt habe ich Adler Olson aus Dänemark, Carl Morcks ersten Fall habe ich schon gelesen (Entführung einer dänischen Politikerin, unfassbar brutal), die Fälle zwei und drei warten darauf, gelesen zu werden. Klasse und nicht minder brutal die Reihe mit Jane Rizzoli von Tess Gerritsen, einer amerikanischen Autorin, die in Bosten lebt. Dort spielen auch die Geschichten, die sie schreibt. Ihre Bücher haben mit der Fernsehserie Rizzoli & Isles übrigens nicht viel gemeinsam. Das erste Buch „Die Chirurgin“ ist aus meiner Sicht immer noch das beste, sehr empfehlenswert.

Neuland oder: Das experimentelle Lesen

Cloudette berichtet in ihrem Blog von der neuen Erfahrung des experimentellen Lesens. Im ersten Moment kam mir das komisch vor, aber wahrscheinlich nenne ich das nur anders und lasse mich da genauso mitreißen. Denn ich habe einen guten Freund, dessen Talent es ist, Bücher zu verschenken, die einfach zum Beschenkten passen, aber völlig neue Lesewelten eröffnen. Was ich von ihm erhielt, hat mich immer unglaublich berührt, obwohl ich die Autoren bis dahin noch nicht so wirklich wahrgenommen hatte. Kafka zum Beispiel, der fand zu meiner Schulzeit einfach nicht statt. Aber seine „Briefe an Milena“ sind großartig, ich habe zwischendurch Herzweh gehabt. Er an Milena: „Ich möchte nicht, dass Du herkommst. Denn Du müsstest ja wieder fahren.“ Niemand kann so schön das Leid einer unglücklichen Liebe beschreiben. Auch herzerwärmend: Dostojewskis „Weiße Nächte“, ein kleines, schmales Büchlein mit einer zauberhaften, nur angedeuteten Liebes-Geschichte, die in St. Petersburg spielt. Wer ein wundervolles Buch zum Verschenken sucht: „Feuergold“, ein Märchen für Erwachsene, das uns viel über uns Menschen und unsere Beziehungen erzählt. Na klar: Auch zum Selbst-lesen.

Und als Kontrastprogramm dazu empfehle ich: „Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen“. Grandios und als Motto gerade für uns vielbeschäftigte Menschen, die wir uns um so vieles Gedanken machen, bestens geeignet.

 

Advertisements

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ute Kern sagt:

    Vielen Dank für die Anregungen!

    Ich bin selbst ein Bücherwurm, lese aber am liebsten Biographien und Erfahrungsberichte, da ich mich schwer damit tue, in eine Story, die sich irgendjemand ausgedacht hat, einzutauchen.

    Außer bei Krimis und da habe ich hier viele Tipps eingesammelt… 🙂

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Liebe Ute,
      Danke für Dein Feedback. Es ist nur ein Ausschnitt aus dem, was ich so lese. Biografien finde ich auch spannend, habe einige hier (Du hast mich somit nett daran erinnert). Daher fand ich die Idee von Cloudette so interessant: Ich finde darin auch Anregungen.

      Gefällt mir

  2. cloudette sagt:

    Danke für den spannenden Einblick! Ich hatte übrigens auch ausgeprägte Phasen, in denen ich dann entweder alles von einer/m Autorin gelesen habe oder zumindest so lange, bis mir der Stil etwas auf die Nerven ging oder der Aufbau der Geschichten absehbar wurde. Ich habe oft gezielt im Antiquariat / Buchladen nach bestimmten Autorinnen oder Genres gesucht. Das experimentelle Lesen – oder anders: Lesen, was mir zufällig zwischen die Finger kommt – praktiziere ich so ausgeprägt erst seit wenigen Jahren.

    Lynda Berry hat die Veränderung von Leseverhalten übrigens ziemlich toll in einem Comic ausgedrückt: http://schulesocialmedia.com/2014/04/09/digitale-medien-verandern-den-leseprozess/ (ganz unten. Der Text ist aber auch interessant).

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Der verlinkte Artikel ist ja hoch-interessant, Danke dafür!
      Antiquariat ist auch ein gutes Stichwort, ich muss mal in eines gehen!
      Experimentelles Lesen finde ich immer spannender, je öfter Du es erwähnst.

      Gefällt mir

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s