HSV: Schlecht gespielt, noch schlechter kommuniziert

Gestern Nachmittag hat mein Verein, der HSV, eine historische Niederlage kassiert. 0-8 ging man in München unter, wobei neben dem Ergebnis vor allem das WIE erschreckend war. Zum Spiel selbst verweise ich gerne auf den Spielbericht vom Trapper (hier entlang), er bringt das alles absolut auf den Punkt. Tröstlich bleibt, dass nur drei Punkte verloren wurden, davon geht die HSV-Welt nicht unter, es kommen ja auch noch andere, schlagbare Gegner.

Das, was mir gestern jedoch noch mehr zusetzte, ist nicht mit verlorenen drei Punkten abgehakt, sondern ein Problem, das a) nicht neu ist, b) schon sehr häufig thematisiert wurde (u.a. hier in einer sehr deutlichen Sprache) und c) offensichtlich ein grundsätzliches Problem beim HSV darstellt. Es geht um die Kommunikation. Man muss sich das mal vorstellen: Dieser Verein hat laut Bilanz, die mir vor 9 Monaten zuging, 17 Anwaltskanzleien auf der Payroll, aber nicht eine einzige Agentur, die in Sachen Kommunikation berät, etwa bei strategischen Fragen oder in Sachen Medientraining. Interessante Notiz am Rande: Mir ist mindestens eine dieser Anwaltskanzleien, die der HSV beauftragt, namentlich bekannt, die sich von einer Kommunikationagentur beraten lässt.

Das Ergebnis dürfen wir seit Jahren bestaunen, und es macht mich einfach ratlos. Es kulminierte gestern in diesem Tweet des Hamburger SV official:

Unfassbar. Es steht 0-6, und der Verein sagt: Durchhalten. Meine Antwort darauf war diese:

Was mich beim HSV wirklich stört, ist die Haltung dahinter: Was ist das? Naivität? Oder einfach nur Unvermögen? Bei einem Unternehmen, das 120 Mio Euro (Quelle: hier) umsetzt, sitzen Leute an einem Twitter- (vielleicht auch Facebook-)Account, die als Sprachrohr des Vereins während eines Spiels Durchhalteparolen raushauen. Was für einer Berufsauffassung wird da eigentlich das Wort geredet? Hier passt einfach nichts zusammen.

Nachtrag: Als ob das nicht reicht, muss Herr Knäbel, der aktuelle Sportchef des HSV, heute weiter lospoltern und das Fass Ilicevic aufmachen. Der geneigte Fan fragt sich, welche Idee dahinter steht, das jetzt öffentlich zu diskutieren? Kann denn nicht einmal, nur ein einziges Mal Ruhe sein?! Was muss passieren, dass alle öffentlich die Klappe halten und innerhalb des Vereins einfach mal ihren Job machen? Meine Güte.

Ein Fehler im System

Das war jetzt nur ein Spiel, doch die Art, damit in der Kommunikation umzugehen, steht symptomatisch für die Art und Weise, wie der HSV das Thema Medien und Kommunikation angeht. Nur mal ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

  • 2012 foulte Paolo Guerrero den Stuttgarter Torwart übel. Der Verein hinderte ihn jedoch nicht daran, sich vor Kameras um Kopf und Kragen zu reden. Pressesprecher Jörn Wolf war damit auch nicht zufrieden, er meinte aber, dass er die Spieler nun mal daran nicht hindern könnte.
  •  Im gleichen Jahr gab Slobodan Rajkovic dem Hamburger Abendblatt ein Interview, das ihn fast die Karriere kostete. Auch das ging am Verein komplett vorbei; man war auf Auslandsreise (Sponsor in Südkorea) und saß es aus.
  • In Oliver Kreuzer hatte der HSV bis vor kurzem einen Sportdirektor, der wirklich zu allem und jedem was zu sagen hatte. Und ich meine damit: zu allem! Als Hitzlsberger seine Homosexualität thematisierte, bat der Hörfunk-WDR bei verschiedenen Leuten um ein Statement – und wer schallte mir morgens aus dem Radio entgegen: na klar, Kreuzer. Auch dazu hatte er natürlich eine Meinung, die er öffentlich kundtun musste.
  • Julian Green, die Leihgabe vom FC Bayern, machte sich via Facebook Luft darüber, wie man mit ihm bei HSV umgehen würde. Keiner erwartet, dass der HSV verhindert, dass die Spieler sich in den sozialen Netzwerken tummeln – aber was ist da bitte intern an Kommunikation schief gelaufen, dass sich jemand öffentlich so äußert?
  • Michael Mancienne, zwischendurch lange verletzt, vergaß man zum Mannschaftsabend einzuladen.

Diese Liste ließe sich sicher weiter fortsetzen, etwa mit Geschichten darüber, wie der Verein mit neuen Spielern umgeht, ihnen (nicht) hilft, sich zurechtzufinden, sich zu integrieren. Das machen Vereine, die in der 2. Liga spielen, professioneller. Wir können auch darüber reden, wie der HSV mit den Hamburger Medien umgeht, von denen man beim HSV tatsächlich an gewissen Stellen immer noch glaubt, dass sie ihnen das Stadion „voll schreiben“. Sich in der heutigen Zeit, da sich kommunikationstechnisch nahezu alles halbwegs steuern lässt, in eine derartige Abhängigkeit von Medien zu begeben (die Krönung ist dann, nur „große Namen“ zu transferieren, damit die Medien Ruhe geben; hier sei nochmals auf den oben verlinkten Beitrag von hsv-arena verwiesen), ist einfach nicht zu fassen. Dort lachen sich die Schreiberlinge doch kaputt über den HSV, leichter lassen sich Seiten doch nicht füllen.

Es muss doch möglich sein, dass sich die Kommunikationsabteilung eines so großen Vereins mit mehr als 70.000 Mitgliedern, mit einer ausgelagerten Fußball AG, die Millionen bewegt, professionell aufstellt, d.h.:

  • sich eine grundlegende Philosophie gibt, die Grundlage allen Handelns ist,
  • die Deutungshoheit über das, was den HSV angeht, übernimmt und sie ausfüllt,
  • nach innen für eine Kommunikationsstruktur sorgt, die alle mitnimmt und einbindet,
  • dafür sorgt, dass alles, was Angestellte des Vereins/der Fußball AG zum HSV sagen, einmal geprüft wird,
  • allen Mitarbeitern in die Verträge schreibt, wie sie den HSV nach außen hin zu vertreten haben – im Zweifel schweigend. Andere Vereine strafen ihre Angestellten auch ab, wenn sie sich vereinsschädigend verhalten. In der Wirtschaft gelten hier übrigens noch strengere Regeln, insbesondere, wenn es um börsennotierte Unternehmen geht.

So kann ich also nur wiederholen, was ich am 27. Mai 2014 schon einmal in einem Blog hier formulierte, dieser Wunsch bleibt:

Ich wünsche mir eine völlig neue Ausrichtung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der HSV als Vater (nun: auch Mutter) seiner (ihrer) zahlreichen Töchter sollte die Deutungshoheit über das Geschehen innerhalb der Familie haben. Immer. Wie so was geht, zeigen andere Vereine. Es darf nicht sein, dass Medien die Macht (!) haben, Verantwortliche beim HSV “hinein- und rauszuschreiben”. Es kann nicht sein, dass Unwahrheiten, die über diverse Kanäle verbreitet werden, widerspruchslos hingenommen werden. Das Aussitzen solcher Dinge manifestiert die Macht der Medien nur. Wenn man hier keine Grenzen setzt, tanzen sie einem weiter auf der Nase herum. Eltern kennen dieses Phänomen normalerweise gut und wissen das rechtzeitig zu verhindern. Das Problem dabei ist, und die Erkenntnis ist wahrlich nicht neu: Es gibt zu viele, die glauben, was in den Zeitungen steht. Es gibt zu viele, die sagen: Der das schreibt, ist doch immer vor Ort, der kennt jeden und alles, der hat gute Quellen, der weiß doch Bescheid. Es gibt zu viele, die das dann auch noch weiterverbreiten – ungefiltert und unkritisch, versteht sich. Und gar nicht wissen, was sie da tun.

Vor diesem Hintergrund macht es mich besonders traurig, dass die ausgegliederte Fußball AG die Expertise wie jene von Kolle & Rebbe, die HSVplus kommunikativ wirklich professionell betreuten, offenbar nicht nutzen wollte. Wahrscheinlich war es auch naiv von mir zu glauben, dass genau so etwas dann endlich mal ginge: HSV-Fans mit Kompetenz einzubinden, denen der HSV wichtiger ist als das ganz persönliche Standing.

PS: Wie man als Fan mit so einer niederschmetternden Niederlage umgehen kann, zeigt der Vorsitzende der Abteilungsleitung der Abteilung fördernde Mitglieder (also mein Abteilungleiter), sehr humorvoll, wie ich finde:

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christian sagt:

    Mit dem letzten Samstag gehe ich um, wie die Gallier im „Avernerschild“ es taten: Ich tu so, als wäre das nie passiert und stelle mich allen Andeutungen gegenüber ahnungslos. Das funktioniert ganz gut: „Alesia? Ich kenne kein Alesia! Ich weiß nicht, wo Alesia liegt! Niemand weiß, wo Alesia liegt!“

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    1. mrscgn sagt:

      Wenn ich Dich nicht hätte. Du bist so klug. 🙂 Danke.

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