Weniger Gestern, mehr Heute

Es ist Ostern, und da dürfen die Gedanken durchaus einmal fließen. Mich hat Tina, sie bloggt unter „vomwerdenzumsein“ ganz wunderbar, mit diesem Tweet dazu inspiriert:

Sie reflektiert hier über einen Zeitungsartikel, in dem eine Palliativpflegerin die letzten Wünsche ihrer Patienten zusammentrug. Tina spricht von ihrem Problem mit diesen Wünschen, und ich finde mich in diesem Text absolut wieder. Und zwar aus wohlüberlegten Gründen. Das sind die fünf Wünsche, von denen Tina schreibt, dass sie auf Twitter umfassend geteilt und geliked wurden. Mich lassen sie verstört zurück.

  1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, wirklich mein eigenes Leben zu leben.
  2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, anderen meine Gefühle auszudrücken.
  4. Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten.
  5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

Es klingt nach Botschaften für die Lebenden: Lebt Euer Leben, arbeitet nicht so viel, drückt Eure Gefühle aus, haltet Kontakt zu Euren Freunden, erlaubt Euch, glücklich zu sein, Ihr bereut es später, wenn Ihr all das nicht so haltet. Ich finde, dass diese retrospektive Betrachtung jenen, die noch einige Lebenszeit vor sich haben, wenig bringt. Wie Tina aus meiner Sicht völlig richtig schreibt: Wie sich etwas anfühlt, muss immer im Jetzt und nicht im Nachhinein betrachtet werden. Wer sagt denn, dass es ein Fehler sein muss, sein Leben in den Dienst anderer zu stellen? Wer sagt, dass es falsch es, viel zu arbeiten, wenn es einen selbst doch erfüllt und ja, auch zufrieden und glücklich macht? Wer bestimmt, dass es notwendig ist, seine Gefühle auszudrücken, auch wenn es nicht dem Naturell der betroffenen Person entspricht? Wer sagt, dass der Kontakt zu Freunden entscheidend ist – vielleicht haben sich Umstände und Menschen so verändert, dass Distanz sich besser anfühlt? Und wieso sollte ich mir erlauben müssen, glücklich zu sein, was impliziert, dass ich mir das ja offensichtlich in der Regel verbiete?

Positiver denken

Dieses „hätte ich doch nur“ finde ich extrem enervierend, weil es weder einem selbst noch anderen etwas bringt. Jeder muss im Jetzt, im Heute Entscheidungen für sich treffen.  Dass man diese eventuell im Nachhinein anders bewertet – ja und? In der Regel lässt es sich nicht mehr ungeschehen machen, und ich frage mich, ob dieses Hadern über das Gestern für andere und mich im Hier und Jetzt einen Sinn hat. Ich finde es weitaus wichtiger, die Entscheidungen in der Gegenwart gut zu durchdenken und auf viele Faktoren hin zu überprüfen, natürlich auch daraufhin, wie sie sich anfühlen. Ich nenne das, verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen: Was macht dieser Entschluss mit mir, was macht er mit anderen? Hintergrund dieser Überlegung ist bei mir, dass ich einen Sinn des Lebens darin sehe, die Welt mit dem eigenen Sein ein klitzekleines Stückchen besser, schöner zu machen – und sei es für einen oder auch mehrere Menschen. Wenn mehr möglich ist – umso besser.

Darüber hinaus ist dieses „Ich wünschte, ich hätte …“ eine sehr negative Rückschau auf die Dinge. Ich plädiere dafür, den Fokus herumzudrehen und uns (nicht nur) retrospektiv vor Augen zu führen, was alles gut war und ist in unserem Leben. Dann läse es sich exemplarisch vielleicht so:

  1. Ich habe ein Leben gelebt, das viele schöne Momente hatte. Es hat mich mit großer Freude erfüllt, für meine Kinder (oder irgendeine andere Person) da gewesen zu sein.
    Mein Leben ist absolut in Ordnung so, wie es ist. Wenn mir etwas nicht so passt, versuche ich, das zu ändern.
  2. Ich habe viel gearbeitet und dabei Spaß gehabt.
    Ich mag meinen Job, weil ich zeigen kann, was ich drauf habe und dafür geschätzt werde.
  3. Ich habe es genossen, mit netten Menschen zusammengewesen zu sein.
    Ich muss nicht andauernd über meine Gefühle sprechen. Die Menschen um mich herum kennen mich und spüren, dass ich mich in ihrer Gesellschaft wohl fühle.
  4. Ich habe in meinem Leben viele interessante Menschen kennengelernt. Mit den einen bin ich ein kürzeres, mit anderen ein längeres Stück des Weges gegangen. Ich bin dankbar dafür.
    Ich habe einen kleinen Freundeskreis, auf den ich mich verlassen kann, ohne ständig Kontakt zu haben.
  5. Ich war glücklich. Nicht in jeder Sekunde, doch ganz oft. Nur das zählt.
    Ich habe gar nicht den Anspruch, die ganze Zeit glücklich zu sein. Der Wechsel von schönen mit weniger tollen Momenten macht das Schöne manchmal erst so richtig sichtbar.

Ich fände diesen Weg sehr viel lebensbejahender und tröstlicher – sowohl für die Sterbenden als auch für jene, die am Leben sind.

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