Testspiel der deutschen N11: Fußballerlebnis ohne Emotionen

Durch etwas kuriose Umstände* bin ich zu einer Eintrittskarte zum Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich hier in Köln gekommen. Ich war noch nie live bei einem N11-Spiel, insofern freute ich mich ehrlich darauf und zog mir sogar mein Trikot unter die dicke Jacke. Doch das ganze Unternehmen gestaltete sich völlig anders als erwartet.

Die Säulen erstrahlten schwarz rot gold, das war schon ein sehr netter Anblick.

Zunächst einmal waren die Straßenbahnen hin zum Stadion extrem leer. Ich kenne das so nicht von Liga-Spielen des Effzeh, nicht mal zu Zeiten der zweiten Liga. Vor Ort ging es sehr betulich zu, da ist auf einem Kindergartenfest mehr los. Freude machten irgendwie die Franzosen, die wirklich witzig bekleidet und singend sich zu ihren Plätzen begaben. Viele hatten den gallischen Hahn als Plüsch-Kopfbedeckung, was ich wirklich niedlich fand, vor allem auf Kinderköpfen. Von deutschen Fans war nicht viel zu sehen – keine Fahnen oder Schals, kaum Trikots über den Jacken, keine Gesänge, nichts. Nirgends musste ich anstehen, weder an der Pommesbude, noch am Eingang, und ich war nur 1,75 Stunden vor Anpfiff dort. Bei Vereinsspielen ist das schon fast ein bisschen spät, weil der Einlass auch viel länger dauert. Im Stadion entsprechend gähnende Leere, so habe ich es noch nie gesehen.

Ich konnte also das Aufwärmprogramm beider Mannschaften ausgiebig beobachten, mal anderen Fußballern zuschauen als ich das sonst so tue und mit Sitznachbarn ein bisschen schwatzen. Gemeinsam stellten wir fest, dass sich ja bei Kartenpreisen zwischen 65 und 105 Euro für die West- oder Osttribüne keiner wundern müsse, dass viele Plätze leer blieben. Gerade auf der Ostseite sah es gespenstisch aus, während Nord und Süd, da gab es Tickets für 25 Euro, recht gut gefüllt waren. Was sich stimmungsmäßig allerdings überhaupt nicht bemerkbar machte. Dazu gleich mehr. Das Drumherum bei einem solchen Länderspiel – Fahnen auf dem Feld, die nach einer festen Choreographie ausgerollt werden, bassige Sounds beim Aufwärmen (für die Franzosen übrigens „Alors on dance“), Kapelle für die Hymnen – machte für mich schon was her, ich gebe es zu. Ich habe gerne zugehört, als die Gästefans ihre Marseillaise angestimmt haben, und ich fand auch schön, dass viele die deutsche Hymne mitgesungen haben. Doch wenn ich ehrlich bin: Gegen so manche Vereinshymne kommen beide nicht an. Nicht in einem Stadion.

Der Blick von meinem Platz aus in ein nahezu leeres Stadion. Hm.

Das Spiel selbst war durchaus unterhaltsam, vor allem wegen der Franzosen, die frech und gekonnt aufspielten und zwei schöne Tore schossen. Sie haben wirklich geschickt die Räume für die Deutschen zugestellt und waren echt schnell, wenn es ans Kontern ging. Die Geschindigkeitsvorteile gegenüber den deutschen Verteidigern waren offensichtlich. Timo Werner habe ich das Tor sehr gegönnt, wenngleich er auch direkt vor der Süd ein paar Möglichkeiten versemmelte, weil er sich, so schien es, den ein oder anderen Gedanken zu viel machte. Da noch ein Dreher, da noch ein Fußwechsel … auf so etwas stellt sich der Gegner ein. Das Unentschieden fand ich insgesamt leistungsgerecht, in der zweiten Halbzeit waren die Deutschen für mich presenter.

Allerdings leisteten die beiden Stadionsprecher einen unrühmlichen Beitrag zu diesem Spiel. Die Stimme einer dieser beiden Personen überschlug sich fast, war viel zu hoch und laut ausgesteuert, dass mir heute noch die Ohren davon klirren. Schlimm. Schön hätte ich es gefunden, wenn es Ansagen komplett auf Französisch gegeben hätte; wenn auch die Moderationen zweisprachig abgelaufen wären – warum denn nicht? Nun ja.

Natürlich ist das ein anderer Fußball als der, den ich sonst so in Stadien erlebe – ich meine, ich bin Fan vom HSV. Dennoch wollte einfach keine Leidenschaft bei mir aufkommen. Für keine Mannschaft. Ein bisschen lag das auch an der Stimmung. Es fing ja schon damit an, dass irgendwelches Choreomaterial auf den Sitzplätzen lag – allein, was damit zu tun sei, wusste irgendwie keiner. Die einen winkten damit, die anderen breiteten es aus, ich hielt mich vornehm zurück und nutzte die Folie, die ich hatte, später als Wärmehalter meiner Beine, was super funktionierte. Darüber hinaus war im Block nicht viel los. Gibt es nicht, wie bei Vereinen ja so üblich, auch feste Gesänge bei der N11? Irgendwas anderes als dieses bekloppte „Deutschlaaaand, Deutschlaaaaand“? Es fehlte ein Capo (irgendwie auch klar, dass es den nicht geben kann), es fehlte irgendwie an Lust und Drive, da irgendwie aktiv zu werden. Hinter mir versuchte es einer mit „Erster Effzeh Köln“-Rufen, und es schallte auch entsprechend zurück – lustig. Doch wenn ein Flitzer für die beste Stimmung sorgt, ist doch irgendwas faul.

Ganz ehrlich: So ein Testspiel ist aus meiner Sicht nichts gegen ein DFB-Pokalspiel, gerne auch mit Fünftligisten (ich war in Jena!), oder ein Liga-Spiel. Womit klar ist und sich für mich innerlich auch so bestätigt hat: Keine N11 kann solche Emotionen auslösen wie der eigene Verein. Das klappt bei mir einfach nicht. Natürlich freue ich mich, wenn die deutsche N11 gewinnt, ich schaue gerne hin, wenn sie – wie gestern auch gelegentlich – toll kombiniert und einen schönen Fußball zelebriert. Doch das ist was für den Kopf, für den Taktik-Analytiker, für den Spiele-Sezierer, den kühlen Beobachter. Fürs Herz war und ist das nichts, tut mir leid. Dann doch lieber Relegation mit dem HSV – so wie vor zweieinhalb Jahren.

*Eine HSV-Freundin hatte bei einem Gewinnspiel den Fan-tastic Moment des Fanclub Nationalmannschaft gewonnen. Ihre dadurch frei werdende „normale“ Karte durfte ich haben. Verrückt ist, dass ihr so etwas immer wieder gelingt. 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Catenaccio 07 sagt:

    Wahre Worte. Und glauben Sie mir – am TV war es noch ruhiger.

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