Der HSV hat den Tabellenplatz, den er verdient

Es hätte eigentlich so schön werden können und sollen: Zum Geburtstag und Hinrundenabschluss noch einmal ein HSV-Spiel und vielleicht einen Punktgewinn sehen, dann Weihnachten feiern. Doch es passierte das, was ich im Grunde erwartet, aber mir doch ganz anders erhofft und gewünscht hatte. Entsprechend fiel meine Reaktion* danach aus:

Zu Gast bei Borussa Mönchengladbach.

Ich will das gerne etwas näher erklären. Warum fand ich das eine Minusleistung?

Das begann schon beim Aufwärmen: Ich erinnerte mich an meinen eigenen Sportunterricht, und ganz oft hatte ich mal so gar keinen Bock und machte die Aufwärmübungen entsprechend halbherzig mit, sicherstellend, dass der Lehrer/die Lehrerin das nicht bemerkte. So sah das für mich bei manchen aus. Nun kann so ein Blick von außen täuschen, aber das komische Gefühl blieb. Weiter ging es direkt nach Anpfiff. In den ersten knapp sechs Minuten schien der HSV noch gar nicht richtig auf dem Platz zu sein, eingeschnürt in den eigenen 16er – es war eine Frage der Zeit, bis Gladbach treffen würde. Nach der Führung zogen sich die Gastgeber zurück, ließen den HSV mal machen. Und was da so passierte, stellte den Gegner nicht wirklich vor Probleme. Vielleicht sah es am Fernsehgerät manierlich aus – im Stadion auf jeden Fall nicht. Außer kurzen Phasen, in denen der Ball gefällig lief, war da nicht viel. Wie auch, so ohne echten Stürmer, mit einer neu formierten 5er-Kette, die in der Defensive erwartbar anfällig war.

Wo manche da eine Entwicklung im HSV-Spiel erkennen wollen, bleibt mir nach wie vor ein Rätsel. Für mich ist es keine Entwicklung, wenn der Ball statt 2m nur 1,50 m bei der Ballannahme verspringt, um das mal symbolisch zu formulieren. Natürlich ist alles relativ, und es kommt immer auf die Erwartungen und den Ausgangspunkt an. Für mich zählen jedoch nicht allein die Beobachtungen auf dem Spielfeld dazu, sondern auch die „Kleinigkeiten“ drumherum. Wer da aufläuft mit einem Gehalt, das Spieler bei EL- oder gar CL-Teilnehmern üblicherweise bekommen, sollte über gewisse anwendungsbereite Fähigkeiten verfügen und zeigen können. Das ist im „normalen“ Arbeitsleben nicht anders. Und wir reden hier noch nicht über Ergebnisse, auch wenn diese am Ende des Tages nun mal das Maß aller Dinge sind.

Es regiert Hilflosigkeit auf und Eigensinn neben dem Platz

Gladbach ist zuhause nicht wie eine Heimmannschaft aufgetreten. Sie haben sich hinten reingestellt und auf Konter gelauert. Gegen einen HSV in der derzeitigen Form fand ich das keine so schlechte Strategie. Denn die Chancen würden kommen. Und so war es dann ja auch. Dafür brauchte es keine große Anstrengung. Die Fohlenfans um uns herum fanden das Spiel ihrer Mannschaft keineswegs toll, aber es war einigermaßen effizient. Will sagen: Gegen eine Mannschaft, die selbst nicht das Optimum aus sich herausholte, zum Spiel herzlich wenig beitrug und in der Defensive durchaus Schwächen offenbarte, wäre für den HSV etwas drin gewesen – mindestens ein Punkt. Wenn, ja wenn …  Dafür wäre es schön, wenn man vorne etwas mehr Betrieb entwickeln und hinten einfach mal solide stehen würde. Mit einem sicheren Torwart:

Auch, wenn Mathenia zweimal erstklassig gerettet hat – die nötige Sicherheit scheint er auf die Verteidigung nicht auszustrahlen. Man könnte sagen: Das, was er da verhindert, lässt er anderswo ziemlich ungeschickt geschehen. Aus meiner Sicht könnte diese Kritik am Torhüter auch auf andere Spieler übertragen werden – das ist einfach nicht erstligareif, was da Spieltag für Spieltag zusammengewurstelt wird. Ich war in diesem Jahr dreimal in Dortmund, sah den BVB am Saisonanfang, ich sah Real Madrid, ich sah Tottenham. Diese Mannschaften gehen einer komplett anderen Sportart nach als der HSV. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, doch wenn ich sehe, mit welchem Etat der HSV am Markt (ja, Markt!) auftritt, dann bleibt als Erkenntnis: Hier passt einiges nicht wirklich zusammen. Ich kann nicht permanent gegen den Abstieg spielen, aber das Geld raushauen wie jemand, der um die EL-Plätze mitkämpft – da ist es im übrigen völlig gleichgültig, von wo der HSV kommt. Zum Vergleich: Der HSV gibt pro Saison 55 Mio. Euro für Gehälter aus, bei RB Leipzig sind es, wenn man Medienberichten glauben darf, zwischen 50-55 Mio. Euro – also praktisch gleich viel.

Nun könnte ich mich als Spieler hinstellen und sagen: Was wollt Ihr eigentlich, keiner hat den HSV gezwungen, diese satten Gehälter zu bezahlen, keiner wurde dazu gezwungen, einem bei Gladbach aus sicherlich guten Gründen aussortierten Spieler einen Vertrag zu geben, der ihn quasi unverkäuflich macht (was ja auch für andere Spieler gilt). Und genauso wenig hat ein leitender Angestellte im HSV-Nachwuchsleistungszentrum dem Vorstandschef die Pistole auf die Brust gesetzt, um ein Gehalt zu erhalten, das über jenem der Kanzlerin liegt (Quelle: SPIEGEL, 51/2017, S. 100**). Daraus lässt sich für mich zweierlei ableiten: Zum einen zeigte diese Haltung einmal mehr, worum es hier eigentlich geht – um den Sport und um den HSV auf jeden Fall nicht. Zum anderen steht dies für eine vom Vorstand und AR nicht wahrgenommene Verantwortung für den Verein. Diese Leute haben den HSV in eine nahezu aussichtslose Lage manövriert: So sehr man darüber diskutieren kann, ob ein Trainerwechsel überhaupt noch etwas bringen würde, acht Trainer in drei Jahren seien ja nun genug – der HSV könnte sich einen solchen gar nicht leisten. Gleiches gilt für irgendwelche Spielertransfers. Was also kann da noch helfen? Ich bin da ehrlich ratlos.***

Die Fakten sehen so nun mal so aus: Tabellenvorletzter mit 15 Punkten. Gewonnen wurde dabei gegen Augsburg, Köln, Stuttgart und gegen Hoffenheim. Gegen Freiburg und Bremen gab es jeweils ein Unentschieden. Dabei wurden 15 Tore erzielt – nur Bremen, Stuttgart und Köln schossen noch weniger. Darüber hinaus empfehle ich mal diese Statistik vom Kicker. Die Zahl der gespielten und der angekommenen Pässe ist bemerkenswert: Im Durchschnitt spielte der HSV rund 363 Pässe, die Gegner im Schnitt 446. Das Verhältnis bei den angekommenen Pässen ist mit 260/350 auch vielsagend. Und es geht hier um Basics. Wenn ich das alles zusammenrechne, bleibt als Fazit: Der HSV steht auf dem 17. Tabellenplatz, weil er es sich so „erspielt“, es mithin verdient hat.

So lange sich nicht grundlegend etwas beim HSV ändert (Kaderzusammensetzung und -bezahlung, langfristige Strategie, HSV first statt zig Eigeninteressen), so lange also dort Selbstbedienungsmentalität herrscht (wir sind der HSV, wir haben’s ja), so lange immer nur die anderen Schuld, sprich verantwortlich sind (gerne die Medien, das diffuse Umfeld oder, noch schlimmer, in Blogs, Kolumnen oder auf Facebook gegen den HSV hetzende Leute), so lange wird sich an der Gemengelage, dem „Kampf ums Überleben“, wie es Bruchhagen sinngemäß ausgerufen hat, nichts ändern.

*Ich schreibe das hier als Fan und kritischer Begleiter des HSV auf. Es ist meine persönliche Meinung, die man als geneigter Leser nicht teilen muss.
**Der Artikel ist nicht frei verfügbar, m.E. aber durchaus lesenswert. Für mich eine Bankrotterklärung des Vorstands.
***Wenn ich die Patentlösung hätte, würde ich diese übrigens gegen fettes Consulting-Honorar den „hohen Herrn“ andienen. 😛

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Thomas S. sagt:

    Danke für deine (wenn auch frustrierenden) Gedanken. Ich habe das Spiel im TV haargenau so gesehen. Gladbach hat (genauso wie Schalke neulich) mehr oder weniger im Schongang gewonnen.
    Mathenia gefällt mir allerdings von der Körpersprache noch mit am Besten, den würde ich nicht austauschen. Zumal wir uns einen Guten nicht leisten können. Eher sollten wir vielleicht Ehrmann von Kaiserslautern loseisen, damit er Pollersbeck Beine macht.

    Liken

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