Disruptives, Digitales, Dilettantisches

Die aktuelle Zeit lässt mich ganz verrückte Dinge tun. Neulich habe ich meine CD-Sammlung neu sortiert und ältere Songs wiederentdeckt. Und heute habe ich mich zum ersten Mal in eine Online-Konferenz eingewählt. Das war schwieriger als es sich anhört, weil Veranstalter und Einladungsmanagement-Umsetzer nicht identisch waren. Die Informationen waren also alles andere als eindeutig, und so bekam ich heute morgen noch vor dem Frühstück einen Tobsuchtsanfall, weil einfach nichts funktionierte. So viel zum Thema „digital solutions“, dem Thema der Konferenz. Ich ging also verspätet online, verpasste jedoch nichts, denn wie oft schon erlebt, nutzten die Veranstalter selbst die ersten Agenda-Punkte für umfangreiche Eigenwerbung – was für eine Unsitte, auch wenn ich schon verstehe, dass auch der irgendwie mal Geld verdienen will.

Inhaltlich fand ich zwei Dinge spannend: Eines davon war Neuromarketing. Nichts Neues, ich weiß, aber ich wusste darüber noch nicht so viel. Und ich fragte mich, ob das auch für die Art Kommunikation, die ich beruflich so betreibe, interessant sein könnte. Um es zusammenzufassen: Ich kann da noch was lernen hinsichtlich unbewusster und bewusster Entscheidung für oder gegen etwas, dem Anteil des Emotionalen (viel höher als gedacht) und der Frage, was überhaupt Interesse auslöst. Wer dazu mehr wissen will: Gesa Lischke (Agentur Kochstrasse) hielt den Vortrag.

Beim Vortrag Nummer 2 interessierte mich der Redner fast noch mehr als das Thema selbst. Gunter Dück ist in der Kommunikationsbranche sehr bekannt und als Vortragender geschätzt. [Nebenbei: Er ruft dafür auch echt satte Preise auf.] Sein Thema war das der „digitalen Disruption“. Der Titel war ein wenig missverständlich, denn eigentlich ging es ihm darum zu zeigen, wie die aktuelle „Corona-Krise“ die Disruption im Digitalen verändert. Dück sprach ohne PowerPoint-Präsentation einfach so aus seinem Homeoffice heraus, und ich fand das gut. Er hatte meine komplette Aufmerksamkeit, nichts störte oder lenkte ab – so geht es also auch. Seine wesentlichen Punkte: Corona beschleunigt vieles. Mehr denn je sind die Menschen auf das Internet angewiesen, und sie beschäftigen sich auch damit. Die Bedürfnisse sind dabei andere als wir sie von den Internet-Erfahrenen kennen. Man will nicht lange suchen müssen, man will, dass es sicher funktioniert und dass man das Gewünschte einfach bekommt. Allerdings: Die Infrastrukturen passen dafür noch nicht immer (was gleich noch einmal Thema sein wird). Und: Die Gedanken darüber, inwiefern das Internet die Beziehung zu Kunden verändert, werden immer unwichtiger – entscheidend sind vielmehr Klarheit und Einfachheit, dann ergibt sich der Rest von selbst. Ja, es klingt trivial, doch es hat sich offensichtlich noch nicht so an den entscheidenden Stellen herumgesprochen.

Nach dieser Erfahrung wünsche ich mir übrigens mehr Online-Termine dieser Art, aber anders konzipiert: Ich würde mich gerne nur für einzelne Vorträge/Sessions einwählen können und eben genau nur dafür bezahlen (die heutige war allerdings kostenlos). Das wäre für mich perfektes Zeitmanagement. Denn: Von dem Tages-Meeting heute haben mich genau zwei Agenda-Punkte interessiert – zwischen den beiden habe ich die Waschmaschine beladen und angestellt und, naja, mir die Nägel lackiert.

Digital als reiner Selbstzweck?

Das Thema „Digitales“ ist bei mir ja schon länger (beruflicher) Schwerpunkt, im privaten Bereich ist es an vielen Stellen auch schon recht selbstverständlich geworden. Banking, Reisebuchungen, Kommunikation, Navigation im Auto … es fällt schon gar nicht mehr auf. Bis heute, als ich mal schauen wollte, was denn meine Leistungsabrechnung bei der Krankenversicherung so macht. Ich hatte umgestellt von Einreichung per Post auf Upload im Kundenportal. Bei anderen Versicherern, das wusste ich, führte das zu einem deutlich beschleunigten Abrechnungsprozess. Nur bei meiner Versicherung eben nicht. Im Live-Chat (man telefoniert nicht mehr, obwohl das hier wahrscheinlich schneller gegangen wäre) wurde mir erklärt, dass ich lediglich den Postweg sparen würde – alles andere hätte sich nicht geändert. Donnerwetter! Ich habe das Scannen übernommen, die Scans sind meiner Versicherungsnummer zugeordnet … man könnte doch ganz schnell die Dokumente dorthin transferieren, wo sie bearbeitet werden können, wobei ja auch eine Software unterstützt, die dann nur noch einen prüfenden Blick braucht. Bei anderen (genauso großen) Versicherungs-Unternehmen läuft das so: Einreichen und nach spätestens fünf Tagen ist der Erstattungsbetrag auf dem Konto! Aber Hauptsache, man ist digital. Ich nenne das dilettantisch oder – ganz simpel – deppert.

Digitale Gehversuche in der Schule

Gesteigert wird dieser digitale Dilettantismus nur noch durch unser Bildungssystem. Was unsere Kinder (12, 16) da erleben dürfen, ist wirklich abenteuerlich. Eine Situation wie die aktuelle legt schonungslos offen, was in diesem Bereich in den vergangenen Jahren alles versäumt wurde. Es sind zwei Dinge, die mich aktuell fassungslos machen:

Das Bildungsministerium hat es in fünf Wochen nicht hinbekommen, einen oder auch mehrere Pläne (!) zu entwickeln, wie denn ein (schrittweiser) Wiedereinstieg in den Schulalltag gelingen könnte. Man hat es nicht geschafft, die digitalen Voraussetzungen zu schaffen, dass beispielsweise Lehr-Unterlagen auf einem Server hoch- und von den Schülern mit Passwort heruntergeladen werden können. Man lässt die Schulen im Unklaren darüber, wie mit den einzelnen Jahrgängen verfahren werden soll, für die es ja vor allem in der Oberstufe sehr klare Vorgaben hinsichtlich der Klausuren gibt, in denen Punkte fürs Abitur gesammelt werden. O-Ton Schulleiter:

Zu den Klausuren und den Beurteilungsgrundlagen in der Q1 kann ich Ihnen leider auch nichts sagen. Das ist m.E. die spannendste Frage dieser Zeit. Da die Schülerinnen und Schüler Punkte für Ihr Abitur sammeln. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich die Q1 zumindest in den schriftlichen Fächern wieder in die Schule gerufen.

Dazu passt dann leider, dass an der Schule unserer Kinder inzwischen jeder Lehrer macht, was er will. Die Kinder kommen nicht hinterher mit dem Herunterladen irgendwelcher Apps für Video-Chats oder Ähnliches. Und dann laufen diese Apps nicht stabil, die Lehrerin überlässt die Kinder für eine Viertelstunde sich selbst … die Tochter hat auf jeden Fall beschlossen, sich bei dieser Dame nicht mehr einzuwählen, so sinnlos war das (bitter, es geht um den LK Deutsch). Der eine bietet eine Video-Sprechstunde via skype an, der nächste lehnt Sprechstunden grundsätzlich ab. Eine weitere Lehrerin will demnächst mitteilen, wie sie es handhaben möchte; andere bitten bei Fragen einfach um eine Mail. Manche Lehrer geben sich unfassbar viel Mühe, interessante Materialien zusammenzustellen und binden dabei neue Medien mit ein – andere schicken einen Einzeiler: Buch Seite sowieso lesen, Aufgaben x bis y schriftlich bearbeiten. Es ist einfach traurig.

Vielleicht muss man sich derzeit einfach mal wieder auf das Gute und Schöne der „alten“ Kommunikation besinnen. Mein Großonkel wurde heute 93 Jahre alt. Wir haben wie früher telefoniert, und es war herrlich!

 

 

 

 

Hier ist Platz für Ihre Gedanken. Bitte beachten Sie dazu, dass Wordpress bei Kommentaren Ihren gewählten Namen (Pseudonym) sowie Ihre IP-Adresse aus rechtlich erforderlichen Gründen speichert. Kommentieren Sie also bitte nur, wenn Sie damit einverstanden sind. Herzlichen Dank.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.