Für mehr Normalität statt Denken in Extremen

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Eigentlich bin ich ja nicht mit irgendwelchen Vorsätzen ins Neue Jahr gestartet, aber so ein paar Dinge habe ich mir schon vorgenommen, so ganz leise, nur für mich. Manches mache ich einfach, ohne dass es jemand bemerkt, anderes habe ich schon wieder verworfen. Doch eines lebe ich ganz bewusst und offensiv: beobachten, wahrnehmen, hinspüren. Und ja, auch hinterfragen. In diesem Zusammenhang nun ist mir in den vergangenen Tagen und Wochen etwas aufgefallen: diese vielen Superlative, dieses Denken in groß, größer und am größten, schwarz und weiß, laut und leise. Es gibt kein gut. Da ist kein Denken an sich. Wo stecken die Grau- und Zwischentöne?

Das beginnt doch schon morgens: Mir reicht eine ganz normale Tasse Kaffee, um wach zu werden. Wie unspektakulär und furchtbar. Denn erstens muss sie riesig groß sein, und der Löffel muss quasi drin stehen können. Wie viel besser wäre es, würde man sich den Kaffee injizieren können, heißt es, um auszudrücken, dass man noch mehr Kaffee bräuchte. Weiter geht es auf dem Weg zur Arbeit: Wer macht das böseste, gelangweilteste, müdeste Gesicht? Vor allem montags! Twitterer werden wissen, was ich meine. Im Büro punktet man vor allem, wenn man von einer nächtlichen E-Mail-Flut stöhnend berichten kann (siehe dazu auch „Geh mir weg mit Deiner Lösung, sie wär‘ der Tod für mein Problem„).

Tagsüber vergleichen Menschen ständig – symbolisch gesprochen – ihre Schwanzlängen: Zu kurz geht gar nicht. Durchschnittlich ist wie nett (mehr ned, kannst Du also auch lassen). Es geht ums Groß-Sein, ach, was red‘ ich: ums Am-Größten-Sein. Immer! Vor allem im Internet, denn da wird Mittelmaß, wie wir gelernt haben, nicht verziehen.

Sonntags, 20.15 Uhr, schauen wir alle Tatort und überbieten uns gegenseitig darin, entweder etwas so richtig stark zu finden (Tukur, Tukur kann mehrdimensional), oder aber etwas mal so richtig zu zerreißen (Schweiger, Schweiger ist quasi ein Synonym für schlecht). Und zwischendurch haben wir hochbegabte, süße und unfassbar coole Kinder oder solche, die wir am liebsten verschweigen würden. Leben in einer Partnerschaft mit himmlischer Liebe oder fetzen uns mit einem/einer bekloppten Ex. Oder lesen (mit eigentlich redlichen Absichten) Kolumnen, die der Autor „in verquastem Deutsch eines Studenten der Soziologie bzw. Politologie“ (O-Ton Trapper), verfasst, was sich so beschreiben lässt:

Dazu kommen dann täglich Nachrichten, die auch nacheinander Superlative auffahren: VW wird auf 18 Milliarden Dollar verklagt (eine Zahl mit neun Nullen); die Börse bebt, und der DAX fällt unter 10.000 Punkte – und apropos 10.000: Twitter will so viele Zeichen in einem Tweet möglich machen. Ja, wer gibt sich denn heute noch mit 140 Zeichen zufrieden. Think big. Always and everywhere. Und ich frage mich ständig: Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Das Durchschnittliche als besonders definieren

So sehr ich Wettbewerb schätze (das hab ich ja auch hier und hier dokumentiert), so angeödet bin ich, wenn es um nichts anderes mehr geht. Wenns es nur noch um schneller, erfolgreicher (sprich „mehrgeldiger“), üppiger geht, also nichts anderes als Perfektion in welcher Form auch immer zählt, dann wird es aus meiner Sicht immer uninteressanter. Wie viel schöner kommt mir da der ganz gewöhnliche Alltag vor mit löslichem Kaffee, Zeitschrift in der Bahn, Newslettern als einzigen E-Mails am Morgen, einem kurzen und unspekatulären Anruf von K1 (Mama, was wollte ich doch gleich fragen?), mit schreibendem Gedöns statt enervierender Meetings, einem Feierabend um halb 7 und mit einem Abendessen, das aus einem Sandwich aus der Frühstücksbox besteht. Die Abwesenheit jeglicher angespannten Aufgeregtheit, jeglicher bahnbrechener Besonderheit, jeglicher sensationeller Superlative empfinde ich als so wohltuend in diesem ganzen „heftig.co“-Style. Ich mag mehr davon.

Der Blick für das Durchschnittliche wird so zum Besonderen. Es fühlt sich gut an, wenn etwas mal einfach nur ist. Weder grottenschlecht, noch supergut, sondern einfach so. Es braucht nicht immer den Himmel voller Geigen, um sich zu Hause zu fühlen. Es braucht keine Größe Zero oder „SuperSize“ dafür, dass Menschen schön sind. Es braucht keine aufopfernde, sich selbst verleugnende Erziehungsmethode, um Kinder glücklich zu machen. Es braucht keine personalführungsintensive 150.000-Euro-Karriere, um sich als Mensch wertvoll zu fühlen. Das redet nicht einem Mittelmaß, was so negativ besetzt ist, das Wort, sondern einem Blickwinkel, der eben nicht nur oben oder unten, nur rechts oder links, nur schwarz oder weiß kennt. Ich bin für einen Blick auf die Dinge, der Grautöne und deren Abstufungen sieht und tatsächlich erkennt. Ich bin für Töne, für die man sich nicht anstrengen muss, sie zu hören, die einen aber auch nicht schwerhörig machen. Ich bin für ein Gespür, dass etwas auch genügt, und nicht mehr und am meisten werden muss. Denn in dem Moment besteht die Chance zu entdecken, wie angenehm normal und doch besonders das Durchschnittliche sein kann.

 

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